14 Das Glückaufmännchen

 


September 2014. „Hey Leute, ich bin immer noch da!“ Warum Jens Keller der Trainer des Jahres ist. 

 

Jens Keller hat eigentlich das perfekte Gesicht für den FC Schalke. Ja, tatsächlich. Wann immer der königsblaue Übungsleiter den Spielfeldrand abschreitet, auf der Bank in Denkerpose verfällt oder vor TV-Kameras referiert, trägt er sein nullvier-Gesicht. Eine irgendwie bedröppelte Miene mit der Botschaft: Schalke null, Gegner vier. Des Trainers sorgenvolle Furchen als Symbol für den Aggregatzustand, ganz gleich, ob wahr oder falsch.

 

Menschen mögen das. Weil sich das Abstrakte im Konkreten darstellen lässt, wie bei einer Personifikation. Jens Keller trägt sein nullvier-Gesicht natürlich nicht absichtlich. Er hätte auch gar keinen Grund dazu, denn unter ihm wurde Schalke erst Vierter und dann Dritter. Man spielte die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte, besser sogar als es dem „Jahrhunderttrainer“ Huub Stevens jemals gelungen war. Seit der Niederländer 2002 seine erste Dienstperiode beendete, hielt sich lediglich Mirko Slomka über 24 Monate im Amt. Jens Keller feiert im Dezember zweiten Jahrestag.

 

So er die drei Monate bis dahin übersteht. Aber Keller hat alles überstanden, nachdem er Ende 2012 als Chef salonfähig gemacht wurde. Er hat, um genau zu sein, weitaus mehr überstanden, als es die kühnsten Prognosen apostrophiert hätten. Keller ist der wöchentlichen Abrissbirne mit solch einer Beharrlichkeit entronnen, dass er eine Tapferkeitsmedaille verdient hätte. Am Wochenende gewann seine Mannschaft das Revierderby gegen Borussia Dortmund mit 2:1.

 

Warum also, um Himmels Willen, ist Jens Keller derjenige Trainer, der alle sieben Tage einer chirurgischen Ganzkörperuntersuchung unterzogen wird? Und wenn Europapokal ist, dann nicht alle sieben Tage, sondern jeden dritten.

 

Der Durst nach schönem Fußball

 

Schalke steht für das Ruhrgebiet. Das Ruhrgebiet steht für Maloche. Maloche wiederum stand irgendwann einmal (und ziemlich lange) für Schalke. Maloche ist ein geflügeltes Wort geworden, es impliziert harte und vor allem ehrliche Schufterei. Das „ehrlich“ ist wichtig. Kohlenpott, Bergwerk, Zeche, Kameradschaft, Zusammenhalt, Leidenschaft. All die Werte, die sie im Revier mit Stolz erfüllen. Als Identitätsstifter. 

 

Auf den Fußballsport übertragen, ergeben sich die üblichen Stilblüten: Kratzen, beißen, Gras fressen. Rackern bis zur totalen Erschöpfung.

 

Als Schalke noch im Gelsenkirchener Parkstadion spielte, waren die Zuschauer zufrieden, wenn sie zu sehen glaubten, dass ihre Mannschaft kratze, biss, Gras fraß. Mühte sich die Elf redlich und verlor am Ende doch, applaudierten die Zuschauer ebenfalls. Oder gerade deswegen.

 

Wer nun mutmaßt, dass sich das Schalker Publikum Zwanzigvierzehn mit Treuherz-Mentalität begnügt - und zwar ausschließlich -, der verharrt im Jenseits. Auch die Arena hat Eventfans, sie müssen gar nicht hinter verglasten Scheiben sitzen. Als S04 unter dem notorischen Zauderer Fred Rutten in Querpass-Festivals aus der dunkelsten Staffage verfiel, entfaltete die Masse ihre Wucht. Schalker Fans mögen Blutgrätschen noch immer frenetischer beklatschen als andere, doch sie kennen das finanzielle Fundament der Neuzeit: Schalke soll sich den zweitteuersten Kader der Liga leisten. Dadurch multiplizieren sich die Ansprüche nicht - sie potenzieren sich. Kämpfen allein reicht nicht mehr, damit alle selig nach Hause wandern. Die Mannschaft muss Fußball spielen.  

 

Barca, Bayern, Schalke

 

An Jens Keller wird bemängelt, dass er daran gescheitert ist, Schalke eine markante Idee zu vermitteln, etwas, das Gelsenkirchener Grenzen überwindet. So wie Pep Guardiola bei Barca und Bayern. Jaja, Barca, Bayern - und Schalke. Die „Welt“ hat das einmal treffend betitelt: „Der königsblaue Klub, der so gern von der Meisterschaft träumt, war schon immer gut darin, die eigene Größe zu überschätzen.“

 

Ballbesitz-Dogma, mithin Tiki-Taka, maximale Dominanz, fluides Positionsspiel, das Modewort des Pressings, welches nur das Schaffen von Überzahl beschreibt - diese Charakteristika werden mit Barcelona, Bayern und Dortmund assoziiert. Woran aber denkt der Fan, wenn er den Stil von Schalke 04 zu illustrieren hat? Irgendwo verschmelzen die alte Revier-Tugend und der moderne Fußball nämlich doch: Als identitätsstiftende Maßnahme taugte das Schalker Spiel in den letzten Jahren nicht. 

 

Kampf und Leidenschaft sind Dachmarken, die müßig zu durchwälzen sind, denn sie bilden eine unerlässliche Basis. Aber hier: Inspiration, Kreativität, etwas Esprit, ein allumfassender Plan, diese Dinge fehlen den Knappen in der öffentlichen Wahrnehmung, und sie formen Analogien zu Jens Keller. 

 

Wie ein Schuljunge beim Rektor

 

„Die Leute“ als Synonym für eine nicht näher zu definierende Gruppe zu verwenden, ist ein schwammiges, noch nicht einmal originelles Alibi. Aber wie sonst sollte man dieses Statement von Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies auffassen, der gegenüber „Sport1“ anmerkte: „Wir kritisieren Jens Keller nicht, die Fans kritisieren ihn nicht, der Vorstand kritisiert ihn nicht.“ Wer dann? Es müssen „die Leute“ sein. Unsichtbar und einflussreich. 

 

Sie kreiden Keller an, dass sein Auftreten besonders bieder, seine Antworten besonders stereotyp und sein Erscheinungsbild besonders dröge wäre. Das hat Debattenformat. Keller räsoniert nicht so wortgewandt wie Jürgen Klopp, er geriert sich weniger energetisch als der Dortmunder Kollege, und meist wirkt er wie ein Schuljunge, der ohne ersichtlichen Grund zum Rektor zitiert wird. Dort legt er - höflich, aber bestimmt - seine Argumente vor, um wenig später knurrend rehabilitiert zu werden. Sieben Tage Schonfrist. Und wenn unter der Woche eine Klassenarbeit ansteht, sind es nicht sieben Tage, sondern drei... 

 

Jens Keller, 43, hat das Problem, dass er nicht gerade feuriges Temperament versprüht wie Klopp oder eine Art Aura verkörpert wie Guardiola. Gehässige Trainerflüsterer der anonym-virtuellen Welt spotten gern über die Relation von Stirnfalten und Ligapunkten. Nullvier-Gesicht halt. Zudem scheint Kellers schwäbisch gefärbter Dialekt manchem Westdeutschen kaum kompatibel. Wahrlich schwerwiegende Vergehen. 

 

Der Fußballlehrer achtet durchaus auf die Etikette. Den Haarschopf zur Seite drapiert, den Rumpf zu beachtlichem Umfang getrimmt, eine breite Brust in der praktischen Ausführung. Keller kleidet sich akkurat, Hemd und Weste in der Bundesliga, Anzug und Krawatte in der Champions League. Auch Klopp trug zu diesem Anlass neulich Anzug. Jogginganzug. 

 

Die Arbeitsauffassung des Horst H.

 

Keller gilt dem Schalker Umfeld offenbar als Menetekel. Es hilft nicht wirklich, dass selbst sein Torjubel einigermaßen seltsam daherkommt: Wenn er, wie gegen Dortmund, den extrovertierten Springinsfeld mimt, mit den Armen rudert und gar einen verzückten Luftsprung wagt, dann wirkt das nicht Euphorie-verbreitend, sondern staksig und tumb. Jedenfalls unglücklich. Wie man‘s macht, macht man es falsch. 

 

Das erinnert in seiner Gesamtheit an Berti Vogts, dessen fachliche Qualitäten unbestritten waren, dem allerdings sein (mediales) Image ungezählte Knüppel zwischen die Beine schleuderte. Dabei hat sich Jens Keller nichts vorzuwerfen. Zunächst als hemdsärmeliger Defensivakteur 142 Partien für Wolfsburg, Stuttgart und Köln absolviert, dann Kurzzeittrainer beim VfB gewesen, schließlich in Schalkes U 17 angestellt. Als Stevens gefeuert wurde, fragte Manager Horst Heldt bei Kellers Vorstellung: „Warum in die Ferne schauen, wenn man gute Leute vor Ort hat?“   

 

Gegenfrage, ebenso rhetorisch: Wie oft wurde der Coach seitdem angezählt und angezweifelt, wenigstens nicht gestärkt? „Nie“ hätte man sich von Keller trennen wollen, kontert Heldt. Eine Behauptung vom Winter. Dass er freimütig einräumte, parallel mit anderen Trainern gesprochen zu haben, um für den Fall des Falles gerüstet zu sein, erachtet Heldt als Marktmechanismus: „Es gehört zu meinem Job, Eventualitäten durchzuspielen.“ 


Wahrscheinlich hatte Thomas Tuchel keine Zeit und/oder Lust. So simpel. 

 

Keller ist für alles verantwortlich - außer den Erfolg

 

Keller selbst hat lange geschwiegen. Als der Druck in der königsblauen Blase nach Pokal-Aus und Liga-Fehlstart auf bedenkliche Volumina anstieg, redete er sich ein bisschen den Frust von der Seele. „Einfach nur peinlich" seien die Spekulationen, „unendlich“ würde es nerven. Zumal sich dieses Theater, das zwischendurch Ausprägungen einer kruden Komödie annahm, nicht auf das Fußballstadion beschränkt: Einer von Kellers Söhnen wurde in der Schule in eine Rangelei verwickelt, als er seinen mit Häme überschütteten Vater verteidigen wollte. Soweit sind wir mittlerweile. 

 

Dass Jens Keller im Herbst 2014 als Chef-Trainer des FC Schalke 04 firmiert, ist nicht nur ein überraschendes Fazit; es ist die bemerkenswerte Entwicklung eines Mannes, der Selbstlosigkeit und Demut vor Egozentrik und Geltungsdrang stellt - und diese Facetten mit Authentizität belebt. Gegen alle Widerstände, Eiswinde und Abschussrampen. Nie die Contenance einbüßend, fußballerische Handschrift hin, bekrittelte Außendarstellung her. Am Derby-Wochenende hat Fernsehkommentator Martin Groß bei „Sky“ gesagt, Keller werde auf Schalke für alles verantwortlich gemacht. Nur nicht für den Erfolg. 

 

Das Remis bei Chelsea war ein solcher, und er lockerte die Schlinge um Kellers Kopf. Natürlich war das Ergebnis angesichts der Londoner Abschlussphobie mit einem Fortuna-Gütesiegel behaftet. Trotzdem verdiente sich Schalke den Punkt, weil die Mannschaft, arg ersatzgeschwächt, im entscheidenden Moment lieferte. Wieder einmal. Auch das kann langsam kein Zufall sein. 

 

Die Heckenschützen bringen sich in Stellung 

 

Tönnies lobt den Trainer für einen „Riesenjob“, während Keller seine Zurückhaltung ausnahmsweise abstreift: „Unterm Strich bin ich Trainer auf Schalke, und das wird auch noch lange so bleiben!" Das ist für seine Verhältnisse eine veritable Kampfansage. Und auf Kämpfertypen stehen sie im Revier bekanntlich... 

 

Dienstag spielt Schalke gegen Maribor. Nächste Woche in Hoffenheim. Die Heckenschützen laden schon Munition nach. Lasst sie ruhig schießen - sie zielen eh daneben.