8 The Importance of Being Erster


- März 2013 -

 

Die Krise hatte sich bedrohlich ausgebreitet. Eine beispiellose Negativserie von einem Spiel ohne Sieg. Ein Präsident, der die Dreckkörnchen im Maschinenlager zählte. Ein stolzer Verein vor dem Zerfall. Auch wir Fans standen in akuter Alarmbereitschaft. Bayern-Anhänger zu sein, bedeutet, vielleicht nie einen Triple-Gewinn miterleben zu dürfen.

 

Neulich war ein guter Freund bei mir zu Besuch. Wir schauten Fußball. Ist noch gar nicht so lange her, Bayern München spielte gegen Bayer Leverkusen, auswärts. Den Freund (geben wir ihm den schönen bayerischen Namen Bernhard - die Stammkundschaft weiß Bescheid) lud ich auch deshalb ein, weil der FC Bayern bislang immer gewonnen hatte, wenn wir gemeinsam die Spiele guckten. Ein mehr oder minder unbedeutendes Match irgendwann im letzten Mai, bei dem alle um uns herum seltsam hibbelig und aufgedreht waren, klammern wir mal aus. Und aus dem nervenzerfetzenden Thriller ein paar Wochen zuvor in Madrid gingen die Unseren trotz 1:2 schließlich als glorreiche Elfmeterkönige hervor. 

 

Zu erraten, welchen Fußballgeschmack wir präferieren, ist ungefähr so knifflig wie die letzte Millionenfrage bei Jauch: Der Kellner serviert Marke Feinkost. Wir lieben es, den süßen Nektar des Erfolgs zu naschen und am Besten zu verschlingen. Maßlos, ungezügelt, beidhändig. Erfolg macht sexy, sagt man. Ob sich das einwandfrei bestätigen lässt, soll uns nicht interessieren, klar ist jedoch: Erfolg macht süchtig. 

 

Sagt jetzt nichts! Ich höre das Rattern. Der gemeine Leser schüttelt harsch mit dem Kopf, gibt einen Stoß der Entrüstung von sich und einen noch größeren der Verachtung. Genervt-gereizt ist er Nanometer davor, die Lektüre dieses Textes im dritten Absatz zu beenden, um zu anderen, wirklich nahrhaften und vor allen Dingen ehrlichen Facetten des verehrten Sports zu wechseln. Denn wer so überheblich mit seiner Dauerbräune im Solarium von Meisterschaften und Pokalen prahlt, der kann nur ein Vertreter dieser Sippe sein. Motto: Da ist es, dieses elendige Pack! Diese seelenlosen, ungebundenen, auf-der-Sonnenseite-des-Fußballs-Steher! Diese Bayern-Erfolgsfans! 

 

Hey, ihr seid ja immer noch da. Das freut mich. All den Unentwegten möchte ich drei Dinge mitteilen. Erstens: Danke. Zweitens: Es ist nicht so, wie es aussieht. Drittens: Sicher gibt es Kandidaten mit vermeintlicher FCB-Affinität, denen es einzig um Renommee und Anerkennung geht. Oder darum, einfach auch mal Meister werden zu wollen, weil man fünfzig Jahre im Körper eines Schalke-Anhänger gefangen war. Ich distanziere mich hiermit von diesen, tja, Erfolgsfans. Mir wurde der zu unterstützende Verein schlicht mitgegeben. Systematisches Familiendekret. Unwiderruflich. 

 

Wir spürten Atem, so heiß wie ein ungeschminktes Super-Model

 

Außerhalb des Freistaat Bayerns, weit oben im Norden, so auf Höhe Nürnberg - da muss man hart im Nehmen sein, um die Frechheit zu erbringen, sich als Fan des Münchner Nobelklubs zu outen. Abgesehen davon hat man es als faktisch isoliertes Wesen in der Gesellschaft nicht immer so leicht, wie notorische Überlebenskämpfer vermuten. Die blütenweiße Weste in der Rückrunde, die Rekorde am laufenden Band, die Coolness von Dante, das sind alles liebgewonnene Schmankerl, so ist es ja nicht. Aber wenn der Alltag zur Routine wird, dann können Siege in Serie mürbe machen, und dann fällt es schwer, sich hundertzehnprozentig für Kicks im Kraichgau zu pushen. (Jetzt bitte dem Artikelschreiber stellvertretend eine Runde Mitleid heucheln. Vergelt‘s Gott.)

 

Und so müssen wir leben und ausharren und zuwarten in dieser Welt von Titeln und Triumphen, Hitzfeldern und Klinsmännern. Das Schicksal meinte es nicht gut mit uns. Die auferlegte Richtschnur ist straff gefädelt, und sie sagt: Der nächste Sieg ist immer der Nächste. Äh, der Schönste.




















Daher bereitete uns die Sinn - und Schaffenskrise des FC Ruhmreich beträchtliche Sorgen. Da liefen die Bayern seit August in sagenhaften Tripleschritten durch halb Europa, an die entlegensten Orte, bis nach Hoffenheim - doch zuletzt gerieten sie ins Schlingern. Die als Engländer getarnte Multi-Kulti-Truppe stürzte sie fast in den Schlamm. Uli Hoeneß nannte es „Dreck“, aber egal. 

 

Das Momentum sprach in entwaffnender Form gegen uns. Vor dem Leverkusen-Spiel hatten wir eine Woche lang nicht gewonnen. Intern rumorte es. Leistungsträger wie Lahm wurden unvermittelt aus dem Kader gestrichen, Feingeister wie Ribéry mit fadenscheinigen Begründungen ebenfalls nicht berücksichtigt, und Trainer Heynckes von höchster Instanz hinterhältig in ein Funktionärsamt gemobbt. Es waren schlimme Zustände, keine Frage, selbst auf päpstlichen Beistand konnten wir nicht mehr vertrauen. Der Bayer hatte den Thron geräumt. Ein Omen? Dortmunds Atem war plötzlich so heiß wie ein ungeschminktes „Super“-Model. Und der von Leverkusen erst. Die waren bereits früher ein AlpDAUM für uns! Damals rettete uns Unterhaching. Aber heute, 13 Jahre später? 


„90. Minute, Eigentor Wollscheid!“

 

Es soll Kollegen geben, die Hardliner unter den Fußball-Freaks, die ihren Tagesablauf nach dem Spieltermin ihres Vereins ausrichten. Auf solch aberwitzige Ideen würde ich nie kommen. Also habe ich den Bernhard freundlich darauf hingewiesen, dass er gegen 18:15 Uhr aufzukreuzen habe. Um halb sieben begann ja das Spiel, und vorher war ich anderweitig im Stress - die Nachmittagskonferenz lief. 

 

Die 90 Minuten gestalteten sich einigermaßen zäh. Die beiden Highlights bestanden darin, als ein unbekannter Ballvirtuose im Gomez-Trikot zauberte, und als mein Gast kurz nach dem Leverkusener Ausgleich folgenden Schlaumeierspruch anbrachte: „Ja mei, is eh ganz klar, wies ausgeht. 90. Minute, Eigentor durch... wos woas i, Eigentor Wollscheid!“ 

 

Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Das, was danach in der Bay-Arena passierte, übrigens auch.


Die Bayern-Apokalypse ist abgewendet. Wenigstens verschoben bis zum Trip nach Turin. Der Rekord-Rekordmeister hat nun, also weiterhin, ein kleines, jedoch gefedertes Polster auf die Konkurrenz. 20 Punkte. Deren 24 sind noch zu verteilen unter 17 hungrigen Hilfsbedürftigen, die mit dem einen Finger auf ihre leeren Teller zeigen und mit dem anderen, vorwurfsvoll, auf den gefräßigen Titelhamster im Süden. Nicht nur der passionierte Zahlen-Freund Kalle-Fußball-ist-keine-Mathematik-Rummenigge kann errechnen, dass die Meisterschaft theoretisch schon am nächsten Spieltag entschieden sein könnte. Nämlich dann, wenn Bayern den HSV schlägt und Dortmund nicht in Stuttgart gewinnt. Leverkusen ist durch die Pleite vom Samstag überraschend aus dem Rennen. Hat nun 24 Punkte Rückstand. Bitter.

 

Holt Hoeneß dann Klinsmann zurück?

 

Die Salatschüssel im Osternest, eine merkwürdige Vorstellung. So forsche Töne wagte selbst der Hoeneß Uli niemals anzuschlagen. Im Gegenteil: „Der Nikolaus ist nicht der Osterhase“, belehrte er einst das Fuß(ball)volk, ein Tabellenbild im Winter könne sich bis April gewandelt haben, sollte die Botschaft sein. Doch da seine unverschämten Untertanen 2012 und 2013 nach Christus lässig das Zepter kreisen lassen, wäre auch diese unverrückbar scheinende Weisheit plötzlich an Hasen-Ohren herbeigezogen. Holt El Presidente dann mit Schaum vor dem Mund Klinsmann zurück? Wird Hoeneß endlich Mutter Teresa? Interveniert er gar im Vatikan? Aktenzeichen XY, bitte übernehmen Sie. 




















Im schlimmsten Fall suchen Kinder draußen bei Eis und Schnee verstört nach Ostereiern und zur selben Zeit sackt Bayern die Meisterschaft ein. Bizarr. Bald werden Fragen aufgeworfen, ob wir abnormal gut waren oder der Rest unterirdisch schlecht. Und was der Turbo-Titel wert ist, wenn internationale Pokale in Regalen mit Baujahr 2001 verstauben. Denn es kann so schnell vorbei sein, so verdammt schnell. Was nützt aller Glanz und aller Gloria und aller Thomas Müller, wenn Arsenal in der Nachspielzeit noch einen reingestolpert hätte? Ach Fußball, du bist eine ständige Hassliebe, mal Hass, beim FC Bayern meistens Liebe, aber die Klippe ins Nichts kann schneller kommen als Tymoshchuk fähig ist, den Ball zu kontrollieren. 

 

Gegen Juve müssen der Bernhard und ich wieder zusammen das Spiel schauen. Sonst besteht die Gefahr einer verlorenen Saison. Mit Double und so. Bayern-Fan zu sein, bedeutet, Entbehrungen akzeptieren zu können.