12 Das Beste, was passieren konnte!

 


August 2014. In Spa kollidierten die Mercedes-Piloten Nico Rosberg und Lewis Hamilton. Obwohl es alle kommen sahen, ist der Sturm der Entrüstung groß. Tatsächlich aber hat Rosberg nur so gehandelt, wie Hamilton es getan hätte. Und nebenbei werden gleich mehrere Kritikpunkte der aktuellen Formel 1 widerlegt. Meine Sicht des silbernen Knalls.

 

Das Sommerloch war prall gefüllt. Die Formel 1 windete sich im Krisengerede der leisen Motoren und einbrechenden Zuschauerzahlen. Auch ich probierte bei SPOX, die Situation zu analysieren. Es war nur ein Ausriss, die Gründe sind - das zeigen die Kommentare und dem Artikel - so mannigfaltig wie diskutabel.

 

Picken wir uns drei Aspekte heraus, um den Bogen zum Grand Prix von Spa zu schlagen, dem ersten Rennen nach den Ferien. Es sind vermutlich nicht die drei wichtigsten, obwohl sich das im Gestrüpp der tausend Ansätze schwerlich bemessen lässt. Das Problembild ergibt sich schließlich wegen der Fülle an potentiellen Punkten.

 

Als da wären: Überholmanöver nur mit DRS. Fernsteuerung der Fahrer durch die Kommandostände. Und das leidige PR-Gedresche, das mit einer Stromlinienförmigkeit der Piloten einhergehe.

 

Der Unfall zwischen Nico Rosberg und Lewis Hamilton, der in Wirklichkeit eine Berührung mit weitreichenden Konsequenzen war, konterkariert die Angriffsflächen der aufgeführten Argumente. Trotzdem scheint es, dass gerade jene, die eine flaue Formel 1 beklagten, nun die ersten sind, um den Ausbruch aus dem System zu kritisieren. Das ist die bittersüße Ironie an der Story mit dem Arbeitstitel „Frontflügel meets Hinterreifen“.

  

Hamilton hätte Raum lassen können - aber keinesfalls müssen

  

Die Fakten in Echtzeit: Rosberg verliert seine Pole Positon durch einen schwachen Start an Mercedes-Kollege/-Rivale Hamilton. In Runde zwei reitet der deutsche WM-Spitzenreiter eine Attacke. Hamilton deckt die Innenbahn und lässt Rosberg außen verhungern, das ist die legitimste aller Verteidigungsmethoden.

 

Am Kurvenscheitel ist der Brite (mindestens) eine halbe Wagenlänge vorn und wählt seine normale - enge - Linie. Hamilton hätte einen Meter Luft lassen können, aber dazu konnte ihn niemand zwingen. Da verhält es sich wie im Straßenverkehr: Der Hinterherfahrende hat Schuld. In diesem Fall der Auffahrende. Also Rosberg, dessen Frontflügelendplatte den linken Hinterreifen von Hamilton touchiert. Sein Rennen ist früh zerstört, während Rosberg den Flügel wechselt und es auf Rang zwei schafft. 18 Punkte für den Deutschen, ein Nuller für Hamilton.

 

Der Aufschrei ist gewaltig. Auffällig oft schlägt er folgende Richtung ein: Rosberg hätte doch bis zur Freigabe von DRS zögern können, eine, maximal zwei Runden. Mit dem Geschwindigkeitsvorteil, so der Tenor, wäre es um ein Vielfaches leichter gewesen, Hamilton zu überholen. Rosberg relativiert: „Es ist hypothetisch zu behaupten, dass ich auch so lange warten könnte, bis ich DRS hätte einsetzen dürfen.“

 

Image ist wie Sekundenkleber

 

Beschweren wir uns nicht ununterbrochen über fade DRS-Manöver, die dem Vordermann eine geringe Chance zur Verteidigung einräumen? Ja, das tun wir, sogar ziemlich gerne. Der ehemalige Formel-1-Pilot Juan Pablo Montoya hat einen schlauen Vergleich angestellt. Überholen mit dem verstellbaren Heckflügel sei wie Picasso mit Photoshop.




















Rosberg sah seine Chance und ergriff die Initiative. Freilich drängt sich der starke Verdacht auf, dass er der Welt verdeutlichen wollte, welcher Racer in ihm steckt. Dazu passt dieser Kommentar: „Es hätte nur einen Ausweg gegeben. Den, dass ich von der Strecke fahre.“ Unausgesprochener Nachsatz: Das kam nie in Frage. Nicht nach den verlorenen Zweikämpfen in Bahrain und Budapest, nicht in der silbernen Gemengelage. Und schon gar nicht hinsichtlich der Außendarstellung.

 

Ein aufgedrücktes Image funktioniert wie Sekundenkleber. Es ist rasend schnell gestampft, aber nur unter höchsten Anstrengen und Verbiegungen abstreifbar. Schauen wir uns die Fahrer der Gegenwart und deren Klischees an: Alonso ist der Politiker, Räikkönen der Iceman, dem alles egal sei, und Vettel gewinnt (gewann) nur dank seines Autos.

 

Die Etikette klebte schon immer am Mann. Montoya war der ungezügelte Brutalo, Rubens Barrichello die ewige Nummer zwei, Heinz-Harald Frentzen galt als genial, aber sensibel. Und Rosberg ist der verwöhnte Monaco-Jüngling, viel zu lieb, viel zu soft, viel zu konturenlos für den PS-Zirkus, vor allem im Vergleich zu „Renntier“ Hamilton.


Action? Check! Keine Fernsteuerung? Check!

Engel oder Bengel, diese Frage schwirrt nicht erst seit der zweiten Runde von Spa-Francorchamps über dem Weltmeister-Sohn - noch so ein Anhängsel, das sich kaum abschütteln lässt. Außer, man wird selbst Champion. Das ist Rosbergs Mission 2014. Er hat das Auto dazu, erstmals in seiner Karriere. Jetzt stört der Feind im eigenen Stall.


Don't get me wrong, sagt der Engländer. Es war klar Rosbergs Fehler in Spa, er agierte übermütig und überhastet. Genau das meint Hamilton, wenn er Rosberg damit zitiert, „etwas beweisen“ zu wollen.


Womit wir zwei der drei Spiegelstriche abgegrast haben: Einerseits die bemängelte Action ohne DRS, weshalb man Rosbergs Versuch nur applaudieren kann. Dass die Sache mit dem fast schon symbolisch aufgeschlitzten Reifen endete? Der WM-Leader riskierte und scheiterte, das ist allemal besser als zaghaftes Zurückstecken, auch wenn die Antriebsfeder mit Trotz gefärbt war.


Interessant ist die Überlegung, wie die Statements bei vertauschten Rollen ausgefallen wären; beim Jäger Hamilton, der den Gejagten Rosberg torpediert. Der gemeine Rennfan hätte Hamiltons Kämpferherz gerühmt, seinen Willen, seine Leidenschaft. Und warum? Weil es Hamilton war. Image ist alles...


Laudas Liebling


Zum Zweiten kann in diesem Zusammenhang keine Rede von Marionetten sein. Rosberg handelte ohne Einfluss der Mercedes-Ingenieure, Fernsteuerung komplett ausgeschlossen. Für die Öffentlichkeit ließ Mercedes seine Piloten frei fahren, aber natürlich schimmert der silberne Lack nie leuchtender als bei souveränen Doppelsiegen. Im Umkehrschluss sind wir bei den Geschehnissen von Belgien angelangt.


Wer das weiß, versteht die Eruption der Sternwarte. Als „absolut inakzeptabel“ bewerteten die Bosse die Kollision, vor allem Niki Lauda zog ungeschminkt vom Leder - contra Rosberg. In verständlichen Unmut mischte sich Polemik, doch wie voreingenommen Lauda pro Hamilton votiert, ist ohnehin eine bewährte Erscheinung. Völlig losgelöst von der Spa-Causa. Laudas Liebling ist Hamilton.




















Der jedoch, wenig überraschend, ebenfalls altbekannte Muster anwandte. Daher lautet die Essenz: Rosberg hat einen Fehler gemacht. Hamilton auch. Welcher schwerwiegender wiegt, soll jeder für sich entscheiden. Ich drücke es mal so aus: Es ist das eine, bei Tempo 300 minimal zu überdrehen - und es ist das andere, Worte als Waffen einzusetzen.


Die Zweideutigkeit von „Absicht“

Die 38-minütige Krisensitzung nach dem Rennen artete in hitzigen Debatten und gegenseitigen Schuldzuweisungen aus. Dass wir davon verblüffend detailliert erfuhren, lag an Hamiltons Plauderlaune. Er verhielt sich, wie er sich immer verhält, wenn ihm Situationen nicht behagen: Mit Dackelblick und Schmolllippe. Auf direktem Dienstweg gelangten Mercedes-Interna an eigentlich unbefugtes Publikum, und das passierte, wie alles in der Formel 1, nicht ohne Hintergedanken. Hamilton kalkulierte exakt, welche Lawine die Äußerungen von Rosberg lostreten würden.


„Rosberg hat gesagt, er hat es mit Absicht gemacht. Er sagte, er hätte es vermeiden können. Ich war baff, als ich im Meeting zugehört habe. Er kam einfach da rein und sagte, dass das alles mein Fehler wäre.“


Absicht, soso. Diese Facette muss man dem WM-Zweiten lassen: Er ist listig. Dieselbe Formulierung wirkt bei anderer Interpretation nämlich harmlos. Rosberg weigerte sich schlicht, die Auslaufzone zu benutzen, er sträubte sich, seinem Dauerrivalen erneut den Vortritt zu gewähren. Nichts anderes beinhaltete die Vokabel „Absicht“. Aus Hamiltons Mund aber klang es wie ein vorsätzlich produzierter Unfall unter Teamkonkurrenten.


Die Teamorder wird kommen

Endgültig bizarr wird das Ganze, weil selbst diese Konstruktion gutgeheißen werden kann. PR-Phrasen? Profillosigkeit? Langeweile? Jetzt hat die Formel 1 ihre Kontroverse, fachgerecht serviert mit O-Tönen aus dem Mercedes-Motorhome. Ich finde, es ist das Beste, was der Serie passieren konnte.


Ach ja: Das Rennen in Spa gewann Daniel Ricciardo. Es war sein dritter Saisonsieg, der zweite am Stück. In der WM-Tabelle liegt der Red-Bull-Pilot nun 35 Punkte hinter Hamilton, weitere 29 fehlen zu Rosberg. Wer mag ausschließen, dass es zwischen den Sternträgern noch einmal kracht? Oder zweimal? Ich bin überzeugt: Die Teamorder wird kommen.


Ricciardo lauert schon.