6 Daheim ist‘s halt (nicht) am schönsten

 

Mai 2015

 

Zehnmal ist der FC Bayern in diesem Jahrtausend deutscher Meister geworden, doch der letzte Titel, der zu Hause perfekt gemacht wurde, liegt lange zurück. Ein Blick auf das Wann, Wo und Wie der Titelentscheidungen seit 2000.

 

1999/00: Danke Wunderhaching!

Viel scheint nicht mehr zu gewinnen für den FC Bayern an diesem letzten Bundesliga-Spieltag, dem 20.5.2000. Bayer Leverkusen strebt mit drei Punkten Vorsprung nach der ersten Meisterschaft der Vereinsgeschichte, weist allerdings die schlechtere Tordifferenz auf. Heißt: Gewinnt der FCB gegen Werder Bremen und verliert Leverkusen bei der SpVgg Unterhaching, wäre die Titelverteidigung doch noch perfekt. Ein unwahrscheinliches Szenario, auch wenn Underdog Unterhaching seine Premierensaison auf einem verblüffenden zehnten Rang beenden sollte.

Bayern erledigt die Pflicht so schnell wie souverän, Carsten Jancker (2./12. Minute) und Paulo Sergio (16.) lassen keine Zweifel entstehen, der Bremer Anschluss durch Marco Bode schönt das Ergebnis. 14 Kilometer weiter aber erlebt Leverkusen sein Fiasko: Zunächst trifft Michael Ballack ins eigene Tor, später bereitet Ex-Bayer Markus Oberleitner der „Werkself“ den Garaus. 2:0 für die Spielvereinigung - das Olympiastadion explodiert! „Unterhaching hat Geschichte geschrieben“, ruft ein Weißbier-triefender Ottmar Hitzfeld euphorisch.

 

2000/01: Anderssons Urknall

Ein Jahr später wird die Dramatik in Spähren gesteigert, die selbst Hartgesottene an den Rand der Belastbarkeit bringt. Der Schlagabtausch mit Schalke beginnt am 32. Spieltag, als Bayern seine Chancen dank Roque Santa Cruz (87.) in Leverkusen wahrt. Gegen Kaiserslautern drischt Alexander Zickler die Kugel gar erst in der 90. Minute zum 2:1 in den Giebel - fünf Sekunden, nachdem Stuttgarts Krassimir Balakov die Schalker Passivität bestrafte. Jetzt liegen die Münchner in einer ähnlichen Position wie Leverkusen vor Jahresfrist: drei Punkte vorn, drei Tore hinten.

34. Spieltag, 19.5.2001. Bayern gastiert in Hamburg, Schalke empfängt - noch so ein mysteriöser Gleichklang - die SpVgg Unterhaching. 2:0 und 3:2 führen die Münchner Vorstädter, ehe Schalkes Kraftakt einen 5:3-Sieg sicherstellt. Was dann folgt, ist oft erzählt: Wie Sergej Barbarez die Bayern in der 90. Minute vermeintlich ausknockt, wie in Gelsenkirchen bereits das Feld geflutet wird, wie Oliver Kahn sein „Immer-weiter“-Mantra begründet - und wie Patrick Andersson in der vierten Minute der Nachspielzeit zum indirekten Freistoß antritt...

 

2002/03: Eine Liga als Sparringspartner

Weitaus nervenschonender geht es zwei Jahre darauf zu. Nach dem dritten Platz 2002 hat der FC Bayern einen Umbruch vorgenommen, der sich im Abschied des langjährigen Kapitäns Stefan Effenberg personifiziert. Mit „Neu-Cheffe“ Michael Ballack und ob der Auswärtskleidung als „weißes Ballett“ glorifiziert, mutiert die Champions League zur maßlosen Enttäuschung. Den Zorn über das Vorrunden-Aus bekommen die Bundesligisten zu spüren, Oliver Kahn bleibt zweitweise 803 Minuten ohne Gegentor, die Mannschaft marschiert unbeirrt und fokussiert.  

Am 26.4.2003 (30. Spieltag) sichert Bayern durch ein 2:0 in Wolfsburg überpünktlich den 18. Titel. Schlussendlich rangiert man 16 Punkte vor dem VfB Stuttgart - eine Demonstration nationaler Überlegenheit. 

 

2004/05: Magaths Meistertaufe

Aller Anfang ist schwer. Sechs Jahre wirkte Ottmar Hitzfeld als Chefcoach des FCB, holte vier Meisterschaften, zwei Cup-Siege, Champions League und Weltpokal. Im Sommer 2004 übernimmt der vormalige Stuttgart-Trainer Felix Magath, dessen Ankunft von Karl-Heinz Rummenigge als „Kulturschock“ bezeichnet wird. 

Prompt verpatzt Bayern den Aufgalopp, verliert am 3. Spieltag 1:4 in Leverkusen. Mit den Wochen nähern sich Mannschaft und Trainer an, nach der Niederlage bei Rivale Schalke aber befindet sich Bayern am 25. Spieltag in der Rolle des Jägers - die bravourös bewältigt wird. Man gewinnt alle restlichen Spiele und frisst sich ein 14-Punkte-Polster an, das 4:0 am 30.4.2005 in Kaiserslautern bedeutet die Meisterschaft. Es ist Magaths erster Titel als Trainer, natürlich lässt die „Weißbiertaufe“ nicht lange auf sich warten...


 


















2005/06: Das doppelte Double

Der Lauterer Betzenberg: früher oft Schicksalshochburg, Mitte der 00er Jahre ein Ort für den Tanz in den Mai. Der 6.5.2006 markiert Meisterschaft Nummer 20, diesmal reicht ein 1:1 (Tor: Andreas Ottl) am 33. Spieltag. Damit gelingt es den Bayern als erstem deutschem Fußballverein, das Double zu verteidigen.  

Die Glückwünsche trudeln selbst von oberster Adresse ein. „Ein großartiger nationaler Erfolg! Der 20. Titel spricht für die Leistungsstärke und das Können des Teams, aber auch für das überzeugende Handeln der im Verein Verantwortung Tragenden, gratuliert Bundeskanzlerin Angela Merkel den Münchnern, die Bremen um fünf Zähler distanzieren. So erlebt die Allianz Arena gleich die erste Schalenübergabe.

 

2007/08: Servus Olli, Servus Ottmar

Im Februar 2007 kehrte Ottmar Hitzfeld zurück, im Mai 2008 wird er von seinen Emotionen übermannt. Der Saisonausklang gegen Hertha gerät zum ergreifenden Abschiedszeremoniell für den „General“ sowie Oliver Kahn. Beide Legenden bestreiten ihr letztes Pflichtspiel für den FCB, der 4:1-Sieg umrahmt Meisterschale und Pokal, die feindekoriert im Konfettiregen schimmern. Es ist ein Epilog mit Stil.

Kurios: Nachdem die vergangenen drei Meisterschaften in Wolfsburg (2003) und Kaiserslautern (2005, 2006) festgezurrt wurden, dient wieder die VW-Stadt als Party-Location. Am 4. Mai 2008 genügt ein torloses Remis, um eine überzeugende Saison mit Fernglas-verdächtigen zehn Punkten Abstand zu garnieren. Luca Toni und Franck Ribéry gehören zu den frischen Attraktionen der Liga - Kahn und Hitzfeld werden ihr fehlen.

 

2009/10: Tod oder Gladiolen

So manche Parallele zu Felix Magath ist unverkennbar. Einen harten Kurs präferiert er, der gestrenge Louis van Gaal, der Bayern vor allem international wieder konkurrenzfähig trimmen soll. Und tatsächlich stellt die Ägide des Niederländers den Anfang europäischer Festjahre dar. In seiner Debütsaison dringt der FCB bis ins Champions-League-Finale vor, wo es ein 0:2 gegen Inter Mailand setzt.

Wie unter Magath dauert der Anpassungsprozess, und wie vor fünf Jahren schwingt sich Schalke zum ärgsten Rivalen auf. Van Gaal kultiviert seine Weisheit der „Tod oder Gladiolen“, den Alles-oder-Nichts-Spielen also, zum geflügelten Ausspruch. Am 33. Spieltag ist es praktisch vollbracht (drei Punkte und 17 Tore Vorsprung), am 34., dem 8.5.2010, auch mathematisch: 3:1 in Berlin, Gladiolen für München! 

 

2012/13: Früh wie nie

91 Zähler, 98 Tore, 18 Gegentreffer, 16 Siege in 17 Rückrundenspielen, 25 Punkte Vorsprung - im Triple-Jahr bricht der FC Bayern allein in der Bundesliga einen Bestwert nach dem anderen. Es klappt einfach alles: Startrekord, eine einzige Saisonniederlage (1:2 vs. Leverkusen) und das legendäre 9:2 über den HSV.

Beim Meisterball frösteln die Bayern am 6.4.2013 in Frankfurt. Bastian Schweinsteiger trifft per Hacke, Trainer Jupp Heynckes wird ein Abgang zuteil, wie er triumphaler nicht hätte ausfallen können. Zurücklehnen und genießen, die Devise bei Bayern-Spielen, sie ist besonders wohltuend nach zwei Dortmunder Championaten. Und sie sollte zur Methode werden...


 


















2013/14: Meister im März

Weiter, immer weiter. Der FC Bayern steht nie still, auch nach dem Triple nicht. Pep Guardiola übernimmt Heynckes‘ Staffelstab, um zu optimieren, was nicht mehr verbesserungswürdig wirkt. Doch siehe da: Als der Titel dingfest gemacht wird - wieder einmal mit Berliner Beteiligung -, ist es noch kühler als 2013 in Frankfurt. Kein Wunder, wir schreiben den 25.3.2014, die Bayern siegen 3:1 und werden der erste März-Meister überhaupt. Vielleicht eine einmalige Errungenschaft.

„Die Bundesliga gehört Pep“, huldigt das spanische Blatt „El Periódico“ nach 25 Siegen aus den ersten 27 Ligaspielen. Mit dem DFB-Pokal, dem europäischen Supercup und der Klub-WM sahnen die Münchner auf ganzer Linie ab. 

 

2014/15: Hattrick 

Zum fünften Mal schafft ein Verein drei Meisterschaften am Stück. Viermal zuvor waren es die Bayern (1972-74, 1985-87, 1999-2001), einmal Borussia Mönchengladbach (1975-77). Gerade als man glaubt, es gäbe keine Marken mehr, die der FC Bayern in jüngster Vergangenheit nicht pulverisierte, muss Manuel Neuer in der Hinrunde lediglich vier (!) Bälle aus dem Netz holen.

Bloß die Sache mit der fehlenden „Heim-Meisterschaft“ entwickelt sich langsam zum Malheur. Diesmal beschert ein 1:0 gegen - natürlich - Hertha BSC am 25.4.2015 theoretische Gewissheit. Wasserdicht wird es anderntags, als Wolfsburg unterliegt, doch streng genommen wartet Bayern seit der Haching-Sensation, dass die Titelentscheidung vor Heimkulisse erfolgt. Auf ein Neues im nächsten Jahr...