7 Als Podolski in Burghausen baden ging


- März 2013 - 

 

Wenn der FC Arsenal am Mittwoch in München antritt, wird Lukas Podolski fehlen. Verletzt. Womöglich bleibt ihm eine weitere Demontage erspart. Denn dass die Relation Bayern und Poldi ein überschaubares Maß an Kompatibilität enthält, zeigte sich nicht erst bei Podolskis dreijährigem FCB-Intermezzo. Eine Zweitliga-Pleite als Vorbote des Grauens. Burghausen, im August 2004...

 

Ich sehe das Bild noch vor mir, als wäre es gestern gewesen. Der verhinderte Vollstrecker stiefelt in Richtung Kabine, auf Socken, die Schuhe in der Hand, den Blick garstig zu Boden gerichtet. Autogrammwünsche bleiben ihrem Wortsinn treu, nämlich Wünsche. Die bettelnden Fans werden links liegen gelassen. Nichts wie weg hier! Der 1. FC Köln hatte einen sauberen Fehlstart hingelegt, einen mickrigen Punkt aus zwei Spielen geholt, und sein Prinz hatte allzu wenig majestätischen Glanz verbreitet. Von der EM in den Fußball-Unterbau, als 19-jähriger und mit einem Rucksack voller Erwartungen aufgeschnallt, das schien den Knaben mit den blonden Strähnchen zu überfordern. 

 

Um die missliche Situation des Lukas Podolski zu verstehen, müssen wir sie in den Gesamtzusammenhang einbetten. Der Schauplatz des Übels war Burghausen. Das ist ein kleines Örtchen am südöstlichen Zipfel Bayerns, an der österreichischen Grenze gelegen, und über Jahre war die längste Burg Europas das einzige Aushängeschild der 18000-Seelen-Gemeinde. Sicherlich kein schlechtes, aber halt nichts, womit das Sportfernsehen angelockt werden konnte. In der Saison 2001/2002 stieg der Sportverein Wacker Burghausen in die zweite Fußball-Bundesliga auf. Völlig überraschend. Plötzlich stand man auch fußballerisch im Rampenlicht, plötzlich durfte man gegen Eintracht Frankfurt um Punkte spielen, gegen Alemannia Aachen und später sogar gegen den ungeliebten Nachbarn 1860 München. Einmal gewann der krasse Außenseiter im Grünwalder Stadion sensationell mit 4:2. Was so kitschig klingt wie die Geschichte vom Aschenputtel, ist in Wirklichkeit ein allumfassendes Glücksgefühl von ergiebiger Seltenheit. 




















Denn irgendwie wurden die Leistungen der Fußballer in Stadt und Umgebung nie ausreichend gewürdigt. Zu einem Zuschauerschnitt, der selbst in der Regionalliga bescheiden wäre, kamen ständige Querelen um Trainer Markus Schupp, der Wacker auf die Plätze acht und neun führte und trotzdem keine rechte Akzeptanz bei Fans und Verantwortlichen genoss. Der Schlachtruf „Schupp muss weg!“ war so betörend wie omnipräsent. Der Coach kämpfte mit einem Publikum, das offensichtlich verwöhnt und nur schwer zufriedenzustellen war. Möglicherweise erkannten sie in Burghausen die Zeichen der Zeit erst 2007, als nach fünf Jahren die schöne Seifenblase platzte und der harten Realität wich: Dem Abstieg.

 

Mehr Promis als bei RTL

 

Burghausen war ein kleiner Fleck auf der Fußball-Landkarte, aber immerhin ein Fleck. Schon bevor der Verein mit dem Pokalspiel gegen den FC Bayern bundesweite Bekanntheit erlangte (wenigstens für einen Abend), war die Promi-Dichte an der Salzach höher als in den meisten RTL-Sendungen. Mehrmals gab sich Jürgen Klopp in der Wacker-Arena die Ehre, erst mit Mainz, 2010 als Pöhler von Dortmund im DFB-Pokal. Überhaupt ist der Losfee ein Dank auszusprechen. 2003 gastierte Stuttgart in Burghausen, mit Spielern wie Hildebrand, Kuranyi und Hleb. Draußen stand Felix Magath und sah einen dünnen 1:0-Erfolg der Schwaben. Ach ja, und wer am Stammtisch angeben will, dem sei noch dieses gesagt: Das erste Pflichtspiel von Franck Ribéry für die Bayern war eben jener Elfer-Krimi in Burghausen, am 6. August 2007. Mit Gebrüll im Tor: Oliver Kahn. An der Seitenlinie kauernd: Ottmar Hitzfeld und Uli Hoeneß. Zur Prime Time auf Sendung: Die ARD.

 

Ich selbst war Augenzeuge an diesem Montagabend, ein Wahnsinnserlebnis, doch hauptsächlich erinnere ich mich an viele öde Zweitliga-Kicks bei Gefrierfachtemperaturen. Da war zum Beispiel ein 0:2 gegen Unterhaching an einem - Pardon - arschkalten Novembernachmittag. Ins Gedächtnis eingegraben hat sich außerdem ein in seiner ureigensten Bedeutung zittriges 1:0 über Siegen, bei dem mir fast die Zehen gefroren wären. Wenn ich genauer darüber nachdenke, zahlte mir der Fußballgott bei Burghauser Stadionbesuchen immer das zurück, was ich als hauptberuflicher Bayern-Fan nicht erleben musste: Biedere Fehlpassfestivals und Niederlagen im Nieselregen. Andererseits war das garantierter Fußball in Reinkultur. Andererseits war das schön. Und schön kalt, aber das Thema hatten wir bereits. 

 

Der SV Wacker brachte Spieler hervor, die es in die Bundesliga schafften. Dummerweise gab‘s in der Regel einen Rückfahrtschein gratis obendrauf. Oder aber das One-Way-Ticket ans andere Ende der Welt. So wie bei Thomas Broich. Im Frühjahr 2004 wechselte der als Mittelfeldjuwel gehandelte Youngster nach Mönchengladbach. Kurz darauf saß er im ZDF-Sportstudio und wollte sich mehr oder weniger direkt in Rudis Rumpeltruppe mit dem Decknamen „Nationalmannschaft“ reden. Klappte eher so mittel. Broich gelang weder bei der Borussia, noch in Köln und Nürnberg der Durchbruch. Heute ist er ein Star in Australien. Auch eine Karriere.

 

Stefan Reisinger ist der Einzige, der sich im Oberhaus etabliert hat. In der Saison 2004/2005 erzielte er für Wacker 15 Tore, im Jahr darauf für den TSV 1860: Null. In Fürth fand Reisinger seine Treffsicherheit zurück, in Freiburg wurde er Kult und in Düsseldorf momentan so etwas wie Stammspieler. Als die Fortuna in der ersten Runde des Pokals nach Burghausen musste, agierte sie ziemlich kläglich und siegte natürlich mit 1:0. Torschütze: Stefan Reisinger. Ungefähr fünf Minuten vor dem Kopfball ins lange Eck sagte ich meiner Schwester die unvermeidlich eintretende Szenerie voraus. Mein Vorteil waren die jahrelang gesammelten Kenntnisse über Burghauser Eigenarten. Sowas prägt. 


Vielleicht war „Nessi“ Schuld


Die Wacker-Arena ist ein putziges Gebilde, und sie befindet sich in einer Lage, die wohl einmalig ist im deutschen Fußball. Frank Goosen, Schriftsteller, Kabarettist und Bochum-Fan, witzelte einst, dass das angrenzende Freibad größer sei als das Stadion. Tatsächlich hat die „Badseite“ ihre Bezeichnung nicht ohne Grund. Hinter dem kryptischen Ausdruck verbirgt sich die Gegengerade, und wenige Meter dahinter bräunen sich im Sommer die Badegäste auf Handtüchern. Erklimmt man die - im Verhältnis zur Tribüne - monströse Wasserrutsche „Nessi“, wird man mit einer prächtigen Sicht auf das Spielfeld belohnt. Gleich neben dem Bad ragt wiederum das - im Verhältnis zu allem anderen - in planetenhaften Dimensionen schwebende Werk von Chemie-Gigant Wacker gen Himmel. In derlei Gegenden wird in Burghausen professioneller Fußball gespielt.

 



















Diese Informationen im Handgepäck verfrachtet, wenden wir uns nun dem Sommer des Jahres 2004 zu. Am zweiten Spieltag der gerade begonnenen Saison empfing der SV Wacker den Bundesliga-Absteiger 1. FC Köln. Bei Burghausen hatte oben erwähnter Markus Schupp Aufstiegstrainer Rudi Bommer ersetzt, der nicht ohne Nebengeräusche zu 1860 gewechselt war. Die Domstädter setzten all ihre Hoffnungen in einen bubenhaften Angreifer aus dem eigenen Nachwuchs. In der vorigen Saison hatte der Nobody zehn Tore in der Eliteklasse geschossen und es noch in den Kader für die Europameisterschaft geschafft. Gut, Letzteres war bei der damaligen Stürmer-„Konkurrenz“ (Fredi Bobic, Thomas Brdaric) kein übermäßiges Wunder. Und den linken Fuß dieses gerade volljährigen Kanoniers musste man erst einmal bändigen. Im Rheinland riefen sie den Karneval aus und kürten die Kölsche Jahrhunderterscheinung zum „Prinz Poldi“.  

 

Also, Wacker-Arena, am Freitag, den 13. August 2004. Wer wild und wahllos Interpretationen anstellt und abenteuerliche Quervergleiche zieht, der kommt zu der Erkenntnis, dass Bayern und Podolski nicht recht zusammenpassen. Der Stürmer sollte diese Erfahrung einige Jahre danach selbst machen, in Burghausen gab es einen bitteren Vorgeschmack. Dabei war der Start umso süßer. Köln ging schon nach zwei Minuten in Führung. Ein schlechter Scherz aus Sicht von Wacker, ein guter für den FC, denn es war Matthias Scherz, der einnetzte. Die Vorlage leistete Podolski, doch mehr ertragreiche Aktionen brachte er nicht zustande auf Burghauser Boden. Vielleicht lag es an „Nessi“ und dem Chemiewerk im Hintergrund. Who knows. 

 

Milchzähne beißen auf Forkel

 

Nach sieben Minuten riss zeitgleich mit der Achillessehne von Schiri Koop der Faden des 1. FC Köln. Es vergingen fast zwanzig Minuten, ehe der vorherige Assistent Melms in die Rolle des Spielleiters schlüpfte und seine Position als Assistent von einem Referee aus dem Publikum (!) eingenommen wurde. Dann drehte Wacker die Partie. Ronald „Ronaldo“ Schmidt, der seit 2002 in Burghauser Diensten steht (und den ich vor ein paar Wochen in einer Pizzeria getroffen habe, wobei er mich nicht erkannte), traf per Freistoß zum Ausgleich, ein gewisser Stefan Reisinger zur Führung. In der zweiten Halbzeit fand das berauschende Match der Hausherren seine Fortsetzung. Ein Deutsch-Kongolese mit dem epischen Namen Maccambes Younga-Mouhani, kurz Marc Younga, erhöhte auf 3:1. Der Anschluss durch Scherz nutzte Köln nichts, da Schmidt im Gegenzug wieder den alten Abstand herstellte. 4:2! Ein Festtag der Burghauser, eine Blamage für Huub Stevens‘ Aufstiegsfavoriten. 

 

Köln unterlag auch, weil Podolski keinen Stich mehr setzte. Er biss sich die (Milch-)Zähne aus an Forkel, Vukovic, Everaldo und wie sie alle hießen. Michael Wiesinger, heute Chef-Trainer in Nürnberg, bekam vom „Kicker“ eine 1,5 verliehen. Podolski eine 4. Eine arg schmeichelhafte 4, wie ich fand. An der spöttisch angerührten Bemerkung, Poldi wäre mit seiner Leistung beim Spaß-Gebolze im Freibad nebenan besser aufgehoben gewesen, kam man freilich nicht umher... 

 

Dass Köln im Rückspiel blutige Rache nahm und die Burghauser mit 8:1 deklassierte, dass der FC letztlich souverän in die Beletage zurückkehrte, dass Podolski am Ende der Saison 24 exquisite Geschosse abgefeuert hatte, davon einige „Tore des Monats“ - all diese unwesentlichen Randaspekte lassen wir an dieser Stelle mal unerwähnt. Sie würden ja bloß das sorgsam gepflegte Bild vom Poldi in Freibad-Form zerstören.


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-> Wer hier und jetzt, wenige Tage vor dem Start der neuen Formel-1-Saison, noch immer keinerlei Hunger auf die bedeutendste Rennerei seit, ja, seit wem eigentlich verspürt, den -  kann ich verstehen. Mir fehlt Schumi auch. Aber trotzdem meldet sich der Magen allmählich wieder: Nachschub! Deshalb habe ich mir die Chef-Schürze gekrallt und mich zwischen Mikro und Welle an duftenden Köstlichkeiten versucht. Da ich allerdings in etwa so gut kochen kann wie mit einem Formel-1-Boliden an der physikalischen Grenze balancieren, fällt das Acht-Gänge-Menü ausnahmsweise ins Wasser. Ein kümmerlicher Appetitanreger kann auch satt machen.