8 Peter

 


April 2014. Wer etliche Stunden im Zug verbringt, trifft auf die unterschiedlichsten Menschen. Am Ostersonntag stand der Fußball im Mittelpunkt des Geschehens. Eine Begegnung ohne Worte, aber viel Inhalt. 

 

Vielleicht wissen einige Leser, dass ich seit April ein Praktikum beim Sportportal SPOX absolvieren darf. Der Arbeitsort Unterföhring und das moderate Münchner Preisniveau bringen den Umstand der Pendelei mit sich. Ich nutze die Bahn und brauche zwischen vier und fünf Stunden. Täglich. Ohne Verspätungen. 

 

Nun, am Osterwochenende, wurde es noch ungünstiger. Bauarbeiten. Schienenersatzverkehr. Wald - und Wiesenrouten. Ich fuhr um 18:20 Uhr in Unterföhring los und war um 21 Uhr zu Hause. Leben und Leben lassen - momentan habe ich von beiden Elementen nicht allzu viel. 

 

Lange Zugfahrten sind dabei insofern problematisch, als dass sie den Akku des mobilen Endgeräts bis zur Unfähigkeit strapazieren. Außerdem verliere ich ständig im Quizduell. Der Vorteil an langen Zugfahrten ist die Zeit, die man hat, um Menschen zu mustern. Für mich ist die Varietät der Leute ein unheimliches Faszinosum. Wer sich in einer Großstadt wie München bewegt (und sei es nur der Abschnitt vom Ostbahnhof bis Unterföhring), wird mit sämtlichen Gattungen, Nationalitäten und Rassen konfrontiert. Im Kern sind alle mit denselben Ausprägungen ausgestattet, in der Schale unterscheiden sie sich kolossal in Optik, Habitus und Stil. 

 

Es ist interessant, fremde Personen zu studieren und natürlich zu interpretieren. Ich beobachte gern Menschen. Ab und zu spreche ich auch mit welchen. 

 

Obwohl ich die Pendelei seit einem halben Monat betreibe, kommt es mir vor, als würde ich jeden Tag neue Leute sehen. Und damit neue Gesichter. Die einzige Konstante ist die Inkonstanz, womit ich weiß, wie es dem Hamburger SV ergehen muss. 

 

Als ich mich gestern Abend, nach dem SPOX-Dienst, auf dem letzten Teilstück gen Heimat befand, war das Zugabteil in der Regionalbahn wie leergefegt. Logisch, Ostern. Der einfühlsame Smartphone-Akku bewahrte mich vor weiteren Quizduell-Pleiten, daher saß ich ruhig, teilnahmslos und gelangweilt am Fenster. So muss sich kalter Entzug anfühlen. 

 

Man merkte Peter an, dass ihn Sorgen plagten

 

Dann kam ein Mann mittleren Alters herein. Sein Gang verriet, dass er einen harten, sicherlich anstrengenden Tag hinter sich hatte. Er trottete den Korridor entlang, bevor er schlaff auf die Sitzbank plumpste. Vis-à-vis von mir. 

 

Der Mann, das konstatierte ich rasch, sah aus wie ein Peter. Er hätte auch Jürgen heißen können oder Bernd. Aber für mich war er Peter. Die erste Assoziation hatte sich manifestiert. 

 

Peter war um die fünfzig, hatte zurückgewichenes und an den Schläfen ergrautes Haar. Markant war seine Gesichtsfarbe, die so wirkte, als wäre er frisch aus der Toskana zurückgekehrt. Peter trug eine solide Brille, hatte solide Bartstoppeln und solide Kleidung. Meine Nase verriet mir, dass er soeben eine Zigarette geraucht hatte. Vielleicht waren es auch zwei.




















Ich fand Gefallen an der Charakterisierung von Peter und erweiterte die Skizze um Details. Peter ist ein Typ vom alten Schlag, ohne Zweifel. Er übt einen technischen Beruf aus, womöglich im Schichtdienst, und verdient sein Geld mit ehrlichem Handwerk. Privat ist Peter seit zwanzig Jahren verheiratet (in erster Ehe), hat zwei Kinder im frühen Erwachsenenalter und lebt in einem Einfamilienhaus mit Garten. Peter ist ein integrer deutscher Staatsbürger.

 

Ich mag meine Phantasie.

 

Und ich mochte Peter. Irgendwie. Aber er erweckte einen angeschlagenen Eindruck. Sein Blick war leer, fast glasig, und wanderte ziellos ins Nirgendwo. Selbst in den Momenten, in denen er die Augen schloss, schwang eine Portion Bedrückung mit, ein weinerliches Wimmern. Ich bildete mir ein, dass die Lider nicht aus Müdigkeit zusammenklappten, sondern aus Resignation. Peter hatte den Mund leicht geöffnet, wetzte unruhig umher und suggerierte seiner Umwelt, also mir, dass ihn beträchtliche Sorgen plagten. 

 

Peter litt, und der Grund war der Fußball. Man konnte es ahnen und man konnte es sehen. Seinen hageren Körper umschlang ein bordeauxrotes Trikot des 1. FC Nürnberg aus der Saison 2009/2010. Oh weh. 

 

„Reelle Chance gegen Paderborn!“

 

Am Nachmittag hatte der Club verloren. Das vierte Spiel in Folge. 1:4. Gegen Leverkusen. Nürnberg ist Vorletzter, später am Abend setzte sich Stuttgart um fünf Punkte ab. Den Franken droht der Abstieg. Es wäre ihr achter. 

 

Ich war der festen Überzeugung, dass Peters negative Gedanken nicht um den Arbeitsplatz kreisten, oder die Ehefrau, oder die beiden Kinder. Es war der Fußball, der 1. FC Nürnberg und der zermürbende Abstiegsstrudel. 

 

Ich bin Bayern-Fan. Der 1. FC Nürnberg liegt mir ungefähr so nah wie Schalke 04 die deutsche Meisterschaft. Vielleicht hegen Nürnberg und Schalke deshalb eine Fan-Freundschaft. Wenige Stunden zuvor hatte ich noch gewitzelt, wie es sein muss, durch Tore von Sebastian Boenisch, Roberto Hilbert und einen Doppelpack (!) von Emir Spahic (!) zu unterliegen. Das tat mir jetzt leid. 

 

Denn ich will nicht gehässig sein. Wirklich nicht. Ich überlegte, Peter ein paar aufmunternde Worte zu unterbreiten. Etwa so: „Wird zwar eng, aber der Club schafft das schon.“ Oder: „In der Relegation gegen Paderborn habt ihr eine reelle Chance!“ Oder wenigstens: „Nicht verzagen, der HSV ist noch schlechter.“ Doch letztlich zog ich es vor, zu schweigen. Allein, damit ich eine etwaige Nachfrage nach meinen fußballerischen Präferenzen vermeiden konnte. In der Stimmung, die Peter ummantelte, wäre der FC Bayern vermutlich ein semioptimaler Aufhänger gewesen. 

 

Ich möchte nicht verhehlen, dass mir in jener Viertelstunde die Idee zu diesem Text kam. Genauer gesagt ratterte es nur so in der Gehirnhälfte, in der sich das Schreibzentrum befindet. Trotzdem, und das ist mir wichtig zu betonen, will ich die bescheidene Situation meines Gegenüber nicht egoistisch zweckentfremden. Es wäre schön, wenn wir uns auf die Dachzeile „Zustandsbeschreibung“ einigen könnten. Davon haben beide Seiten etwas.

 

Peter, der Clubberer, war sichtlich ermattet. Der Leverkusen-Nackenschlag hatte ihn mitgenommen. Mal baumelte sein Kopf saftlos herab, mal stützte er ihn schwerfällig auf den rechten Handballen, mal presste er ihn gegen die Kopfstütze und wandte den Blick nach oben. Als würde er flehentlich um Hilfe bitten. Ganz oben. Ganz, ganz oben. 

 

Vielleicht gehört Peter zu meinen Twitter-Followern und liest diesen Blog. Ich glaube das nicht, und er würde sich ohnehin nicht persönlich angesprochen fühlen. Am gestrigen Abend war Peter nur ein Abziehbild von Tausenden. Zieht man die Bundesliga als Gesamtsystem heran, sogar von Millionen. Der Fußball ist ein aufgeblähtes Geschäft der sprudelnden Scheine geworden, kommerzialisiert und choreographiert, situiert und manchmal deplatziert. Aber in seiner reinsten, natürlichsten, auch schmerzhaftesten Form lieben und leben ihn die treuen Fans in ihren Trikots.

 

Vom Herzensklub und Herzens-Club

 

Am Mittwoch werde ich ebenfalls ein Shirt mit Emblem überstreifen. Hasan Salihamidzic, Nummer 20, Jahrgang 2001. Oder die 2000er-Ausgabe von Carsten Jancker, die beim Champions-League-Finale 2013 so viel Glück brachte. Beim Champions-League-Finale 2012 eher weniger. 

 

Ich werde mit dem FC Bayern München fiebern, wenn im Santiago Bernabéu von Madrid das vierte Finale in fünf Jahren auf dem Spiel steht. Was der blanke Wahnsinn ist. Ja, ich werde mich aufregen, weil ich mich auch beim müden Kick in Braunschweig aufregte. Ich habe geschimpft, gemotzt und gezetert, und als Claudio Pizarro der Führungstreffer gelang, war ich, der neue Praktikant, ungewollt auffällig in der SPOX-Redaktion: „PIZA!“ Ein Ausruf zur Aufmerksamkeit. Emotionskontrolle zählt nicht zu meinen größten Stärken. 

 

Peter aber hat mein fußballerisches Weltbild wieder definiert. Manchmal brauche ich das wohl. Während Bayern-Fans derzeit Sammer-Sandkörner im Getriebe suchen, zehrt der Abstiegskampf an den Nerven seiner Protagonisten auf und neben den Rasenrechtecken. Nicht selten richtet die Ligazugehörigkeit über die Existenz des Herzensklubs. Besonders, wenn dieser ein Herzens-Club ist.  

 

Um kurz vor 21 Uhr stiegen Peter und ich an derselben Haltestelle aus. Seine Gedanken schwirrten noch immer in ihrem eigenen Kosmos, er war apathisch, wie paralysiert. Und dann verschwand er, langsam, im Dunkel der Nacht. 

 

Morgen gehen wir wieder zur Arbeit, verrichten acht Stunden unsere Aufgaben und werden nicht mit 314.000 Euro Wochengehalt à la Toni Kroos entlohnt. Das ist unfair. Man könnte sich desillusioniert abwenden von diesem abgeschlossenen Universum Fußball, das für uns nicht länger zu (be)greifen ist. Aber dann verschieben wir den Alltag doch für 90 Minuten, jeder auf seine Weise, jeder mit seinem Verein. Mittwoch Madrid, Samstag Mainz.

 

Bayern wünsche ich das Triple.

 

Nürnberg den Klassenerhalt. 

 

Servus Peter.