6 Kranke Phantasien


- März 2013 - 

 

Ich fiebere beim Thema Fußball. Falls ich das noch nie erwähnt hatte, wird es Zeit. Neulich, also in der gesamten vorherigen Woche, habe ich besonders geFIEBERt. Zur überzeugenderen Veranschaulichung mixte ich Schüttelfrost dazu und garnierte mit Hitzeattacken.   

 

Wer immer nur Sky guckt, der weiß gar nicht, was ihm an Radioübertragungen entgeht. Früher, in der Prä-Pay-TV-Ära, sah ich die Bundesliga nicht live, sondern hörte sie - im Radio. Jeden Samstag. Kurz vor dem gefühlten Ableben äußerte ich nun diesen letzten Wunsch: Ich wollte die Bundesliga-Konferenz im Radio verfolgen. Liegend, schwitzend, frierend. Egal. Und niemals hätte ich gedacht, über die Berichte berichten zu können. Dem Paradies-Vorsteher vielleicht, ja, nicht jedoch dem Internet-Benutzer. Mein Fieberstand deckte sich fast mit der Rückennummer von Anatoliy Tymoshshuk. Gut okay, das ist heillos übertrieben. Aber einen Toni Kroos steckte ich in die Tasche. Und einen Franck Ribéry erst.

 

Wahrlich beglückend war der Moment, als der Kommentator in Augsburg auf die „erbärmliche Söldner-Truppe“ schimpfte und damit Hoffenheim meinte. Ich nickte beseelt in mein Kopfkissen hinein. Gesundheitsfördernd waren die permanenten Torschreie aus München. Für die innere Ruhe immens wichtig erwiesen sich zudem die Reportagen von Stuttgart - Nürnberg und Mainz - Wolfsburg. Wohltuend, wirklich, diese vom Thriller durchzogenen Krimis. 

 

Ich fühlte mich ziemlich frisch. Dachte an den Mittwoch und meine Karte für den Pokal, Bayern gegen Dortmund, Südkurve. Bemerkte ein Lächeln, das mir übers Gesicht huschte. Erstickte dann beinahe an meinem eigenen Hustenschleim. Und beamte mich selber wieder in den Aggregatszustand „ich fühle mich beschissen“. Eine fatale Abwärtsspirale setzte sich unvermeidlich in Gang. Das Fieber stieg in Tymoshchuk-Regionen, der Radioreporter in Augsburg nuschelte ein paar angewiderte Worte vom Hoffenheimer Anschlusstor, und meine Halluzinationen wurden schlimmer. Plötzlich wähnte ich meine Blutsverwandte, die sonst aus Spanien eine physische Distanz von mehreren Hundert Kilometern aufbaut, in unmittelbarer Nähe. Sie stand da so vor mir als wäre sie einfach: Hier. Und das über Tage. Schaudernd drehte ich mich wieder zur Seite. Im Traum erschien mir Ali Karimi. 


Doch die Surrealität meiner Wahrnehmungen potenzierte sich weiter. Man wird mich für vollkommen verrückt erklären. Aber als ich so dahindarbte, gleichzeitig fror und schwitzte und deshalb mit einem kalten Waschlappen UND einer heißen Wärmflasche ausgestattet war - da phantasierte ich etwas von einem Gegentor für den FC Bayern. Ein Gegentor! Für Bayern! Durch Bremen auch noch! Meine Mutter beugte sich besorgt zu mir herunter. Dann holte sie bei den behandelnden Ärzten die Absolution ein: Verdopplung der Tablettendosis.

 

Es ist erschreckend, welche Volumina an Informationsflüssen man in der Bettlägerigkeit unfähig ist zu absorbieren. Als ich Freitag vor einer Woche temporär aus dem sozialen Leben schied, waren wir Papst, aßen Lasagne und freuten uns auf das DFB-Pokalfinale. Kaum wird man unverschuldet vom laufenden Neuigkeitenprozess ausgegliedert, kommt man als besserer Neandertaler zurück auf das auserkorene Fleckchen Erde. Zunächst tastete ich mich vorsichtig an den robust wirkenden Bambusstäben entlang. Sie brachen. Ich stürzte. Am Boden kauernd, vernahm ich die Schlagzeile, eine Frau habe die Männer düpiert und sei Pole Position gefahren. Daraufhin schleppte ich meinen maladen Körper zurück ins Bettchen. Bevor die Aasgeier ihn auszehrten.




















Eine Frau auf der Pole Position. So stand es da. Zumindest las ich es so. Konnte ich denn lesen? Ich zweifelte an meinem Verstand. Und am Fieberthermometer. Von da an registrierte ich alles, was ich aufzusaugen versuchte, wie durch einen milchigen Schleier. Aus einem luftleeren Raum sprudelte und sprudelte es, ich schöpfte ab: „Berlusconi liegt bei den Wahlen in Italien aussichtsreich im Rennen.“ Wo war ich? Der Schleier verdichtete sich, drückte meine Gehirnwindungen aneinander. „1860 München gewinnt 2:1 in Braunschweig.“ Jetzt reichte es. Ich stand Millimeter davor, komplett auszurasten, durchzudrehen, wild um mich zu schlagen. Wo zum Henker war meine echte Gesinnung geblieben!? 

 

Mutmaßlich dort, wo sich auch die Eintrittskarte für Bayern gegen Dortmund befand: Nicht mehr in meinem Besitz. Die an eine Epidemie grenzende Grippe hatte mir zwei Prüfungstermine versperrt, außerdem, und das wog selbstredend um ein Vielfaches schwerer, den Weg in die Allianz-Arena. Mein Schleier, mein Husten und meine Mutter wollten es so. Und so kam kein Fernseh-Zuschauer des Bezahlsenders am Interview mit Michel Platini vorbei. Der DFB hatte Weitsicht bewiesen und dem UEFA-Boss gezeigt, wie man das so anstellt mit einem Endspiel im Winter. Ein nett gemeinter Denkanstoß für Katar 2022. Sie rechneten nicht damit, dass Jessica Kastrop in typischer Manier jessicakastropte und die ganzen schönen Pläne über den Haufen warf, als sie zur wöchentlichen Investigativfragestunde ausholte: „Inwieweit...“

 

Auf der Tribüne saß, wie aufgereiht, die Delegation unserer Nati: Jogi, Hansi, Andi, Olli. Sie bestaunten den Sieg der Bayern, mich wunderte allerdings, dass sie Kapitän Lahm und Kollegen nicht den Pokal überreichten oder wenigstens die Siegesmedaillen aushändigten. Als kleinste zu erwartende Geste hätten sie immerhin zum Cup-Erfolg gratulieren können, ein feuchter Händedruck, das ist doch nicht zu viel verlangt. Und sei es nur als Kondolenzbekundung wegen des Papst-Abschiedes.

 

Wahrscheinlich ist all das geschehen, wahrscheinlich hat sich Trainer Henyckes auf dem Münchner Rathausbalkon für den ersten Titel der Saison feiern lassen und seinen Vertrag um sieben Jahre verlängert. Wahrscheinlich hat auch Pep Guardiola erkannt, wie sinnlos die Nachfolge - theoretisch - wäre, jetzt, da Uli Hoeneß` Lebensziel bereits verwirklicht ist: Dortmund schlagen. Wahrscheinlich trainiert Pep bald Greuther Fürth, ach was, wahrscheinlich hat er längst unterschrieben. Mich hat während meiner de-facto-Abwesenheit jedenfalls niemand in Kenntnis gesetzt. Trotzig habe ich nun entschieden, auf die Wiederaufnahme des Normalo-Trotts zu warten, bis Michael Schumacher sein erneutes Comeback gibt. Lacht nicht. Wenn der TSV 1860 auswärts beim souveränen Tabellenführer gewinnt, kann niemand für nichts mehr garantieren. Urbi et orbi.