31 Mario Gomez. Ein Gedicht.

 

Leise rieselt der Schnee, der Winter ist da, und was man so alles Last Christmas getrieben hat, kommt einem auch langsam wieder in den Sinn. Der Dezember ist großartig. Wo überall schneeweiße Skulpturen die Landschaften bedecken, stehen ziemlich genau am 24. des Monats Tannen mit grünen Blättern in den Wohnzimmern. Toll. 

 

Dann werden auch die Fußballer aus dem Flimmerkasten verschwinden, wenigstens für vier Wochen, und James wird wieder über Teppiche stolpern - the same procedure as every year. Herrliche Weihnachtszeit. Deshalb fanden wir es kurz vor dem 3. Advent nicht angebracht, die Leser (hoffentlich gibt es welche) mit den Beschlüssen, Nicht-Beschlüssen und deren Folgen des DFL-Sicherheitsgipfels zu langweilen.

 

Stattdessen hat sich die Lyrik-Abteilung in der Redaktion von Mittermeiers Sportblog etwas Besonderes einfallen lassen. Tage - und nächtelang haben sie sich ihre Köpfe zerbrochen und sind über Versfetzen gebrütet, um sich der Endfassung anzunähern. Nun ist es vollbracht. Endlich. Das Produkt hat zwar nichts mit Weihnachten zu tun, aber dafür umso mehr mit Mario Gomez. Wenn das kein Grund ist, in dieser Sekunde eben nicht zur nächsten Seite zu wandern, dann weiß ich auch nicht. In diesem Sinne: Lasst es euch gut gehen. Vorab schon mal ein frohes Fest. Und bis nächstes Jahr.  

 



















Louis van Gaal attestierte einst ganz ohne Spott:

Unglaublich, Spieler Gomez hat einen Körper wie ein Gott.

Doch der Neid packte ihn beim Blick auf seine eigene Wampe,

und so verbannte er Gomez flugs auf die Banke.

Unter van Gaal konnte sich Gomez nicht entfalten,

da blieb genug Zeit, die Frisur zu verwalten.

 

Eigentlich hat Gomez ziemliches Glück gehabt,

Trainer Klinsmann verpasste er jeweils nur knapp.

Unter Jogi debütierte er in den deutschen Farben,

aber bei Bayern hinterließ Tulpen-General Louis tiefe Narben.

Erst als Heynckes übernahm, der weise Don Jupp,

verlieh das dem Mario einen gewaltigen Schub.

Plötzlich durfte er spielen und dankte es mit Toren,

die Kritiker bekamen was auf die Ohren.

Inzwischen sind's fast 100 Hütten in Rot,

Gomez versetzt die gegnerischen Torhüter in Not.

Doch das Eigenartige an der Sage,

und das wirkt wie eine Plage,

ist die Anerkennung, die dem Schützenkönig

verwehrt zu bleiben scheint ein wenig.


Die Leute verunglimpften ihn zu seinen schlimmsten Phasen,

effektiv wie ein Stempen sei er, den man in den Rasen habe geschlagen.

Fast wie früher Cheffe Effe

ist Gomez streitbar, so viel er auch treffe.

Er sagt selber, dass er die Beobachter teile -

das war schon immer so und ist keine Weile.

 

Ein Fußballer strebt nach Reputation,

gut, bei den Frauen hat er die schon,

aber eben längst nicht überall,

daran gilt es zu arbeiten, am Besten mit Baumgartner-Schall.

Vier Treffer gegen Freiburg sind schön und gut,

vier weitere gegen Basel machen Mut,

drei gegen Hoffenheim schafft fast jeder,

keine Kunst bei Torwart Wiese, Indianer rote Feder. 

Die Bilanz des Mario Gomez liest sich wahrlich toll,

ein Randaspekt aber ist nicht gerade wundervoll:

Kein Tor gegen Chelsea, keins gegen Dortmund - 

das, bemängeln viele, ist der springende Punkt. 

 

In dieser Saison war Gomez anfangs verletzt

und wurde würdig von Mandzukic ersetzt.

Claudio, der Pizza-Dienst, lieferte pünktlich gegen Lille und Lautern,

doch einen Stammplatz konnte er sich damit nicht klabautern.

Mandzukic vertrat Gomez überaus stark,

als dieser zurückkam, erschütterte es Mandzukic im Mark.

Seither spielt er wie eine Flasche,

die Spiele laufen immer nach derselben Masche.

Mandzukic geht leer aus, dann verlässt er das Feld in seinem Trikot,

gegen Hannover und Augsburg war das zum Beispiel so.

Gomez dagegen kam, sah und traf,

wie das seine Art ist, mit rechts, links und scharf.

Und, oh Wunder,

Gomez könnte auftauchen im grün-gelb karierten Pullunder,

es wäre egal, denn auch für Zuschauer der Richtung feminin

sind Bayern-Spiele jetzt wieder ein Pflichttermin.

 

+++

 

Zum Weltturnier 2010 in Südafrika durfte Gomez reisen,

aber als Ersatz konnte er bloß den Nachtisch verspeisen,

und im Volke ging ein Schenkelklopfer umher,

den sensiblen Mario verunsicherte er mehr und mehr.

Wenn Jogi brachte den Stürmer in den letzten Minuten,

Gomez musste sich also sputen,

um für Belebung zu sorgen dort vorn,

so war dies das unterschwellige Zeichen: Löw wirft die Flinte ins Korn.

 

Zwei Jahre später schießt im DFB-Team nach wie vor

der Klose Miro Tor um Tor. 

Die EM in Polen und der Ukraine

aber nutzte dann Gomez zu seiner Bühne.

Ein Tor gegen Portugal, zwei gegen Hollande -

filigran und elegant im Duett mit Schweinis Bande.

Doch ein TV-Experte sorgte sich am Ende,

hat er sich wundgelegen, steht an eine Wende?

Was die Kritik schollte, das verstand Gomez nicht

und zeigte dem Mehmet sein Belanglos-Gesicht.

In Wirklichkeit aber trank er zum Fruste ein Bier - 

eine Frechheit, so etwas zu machen mit mir!

 

Ganz anders stellt sich die Lage dar

auf dem Gebiet des deutschen Boulevard.

Da werden Fußball-Spieler sehr schnell zu Helden,

um sie im Misserfolg beim Sozialamt zu melden.

So frohlockte die Bild-Zeitung famos,

als die EM begann grandios.

Sie kombinierte in großen Lettern rasch

und titelte von einem Gomez-Giganten-Aufwasch.

Aber wie es so ist im Hause Springer,

als im nächsten Spiel gegen die Wikinger

und dann selbst gegen den griechischen Pleitegeier

kein weiterer Schuss bewirkte eine Feier,

bekam Gomez wieder auf die Eier.

Mensch Meier.

 

Der Ruhme ist von kurzer Dauer,

die Schreiberlinge sind bald wieder sauer,

dann sorgte Balotelli für Trauer -

Aus gegen die italienische Mauer.

Und Bild schimpfte über die Strähne,

die aus Gomez' wilder Mähne

ihm angeblich das Sichtfeld nähme.

Zum Schluss vergoss er eine Träne.

 

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Seit kurzem ist Gomez wieder Junggeselle,

die Beziehung erhielt wohl eine Delle.

Aber davonschwimmen werden sie ihm nicht, die Felle,

gelle?

 

In festen Händen war er seit Stuttgarter Tagen, neun Jahre an der Zahl,

nun ist die Romanze beendet mit einem Mal.

Da hielt die Gattin wie Uli Hoeneß mit der Meinung nicht zurück:

Mario, du bist ein Guter, aber zu sehr gut fehlt dir ein Stück. 

Wäre er nur zielsicher gewesen gegen Chelsea in der Tschämpiäns Lieg,

dann hätte er die Frau und wir Fans den Sieg.

Offensichtlich, was der Präsident mit seiner Schelte wollte,

den Stürmer pushen, der sich aufraffen sollte.

Welches Motiv aber verfolgte die Ex, ja welchen Zwecke?

Man weiß es nicht, jedenfalls lässt sie ihn nicht mehr unter die Decke.

 

Ach Mario, du hast es gut,

dir steht sogar der hässlichste Hut.

Die Modeindustrie wirft sich auf die Knie,

damit du wirbst und lächelst für sie.

Im Anzug posieren, den Kamm ausprobieren,

mit Duft parfümieren, dich deodorieren. 

Wenn die Teenies kreischen, Mädchen, kaum halb so alt wie du,

dann genieß dein Standing und beim Heimspiel die Ruh'.

In der Allianz-Arena herrscht Silentium,

da hörst du jede Liebesbekundung.

 

Bist ja schon ein rechter Frauenschwarm, 

man kann nicht behaupten, du wärst arm. 

Das liegt, daran glaube ich fest,

auch an deinem gestylten Vogelnest. 

Die Tolle wird fixiert mit reichlich Spray,

sodass du auch nach dem Kopfball konstatierst: Alles okay!

Und falls es trotzdem mal g‘scheit scheppert,

falls du dir nachher denkst: Bist deppert? 

Falls es also mit einem Abwehrspieler kracht -

keine Sorge, lieber Mario: Es gibt noch Taft. 


Dezember 2012