36 In der Defensive


- Dezember 2013 - 

 

Lionel Messi, Cristiano Ronaldo und Franck Ribéry machen den Weltfußballer unter sich aus. Das ist keine große Überraschung, vielmehr die Zementierung gängiger Prinzipien: Im Mittelpunkt stehen immer die Offensiven, die Dribbler, die Torschützen. In meinen Augen aber wäre ein anderer an der Reihe gewesen.  


Von 1990 bis 2009 wurde die Trophäe des Weltfußballers ausgehändigt, seit 2010 vergibt die FIFA den Ballon d‘Or. Lassen wir formelle Unterschiede einmal beiseite und einigen uns darauf, dass beide Auszeichnungen denselben Zweck verfolg(t)en: Die Ehrung des herausragenden Fußballers eines Jahres. Was beim Betrachten der Gewinnerliste sofort auffällt, ist die strikte Neigung zu Spielern, die der Fußballsprache ihr Vokabular verleihen, ihre Rechtschreibung und Grammatik. Wer viele Tore schießt oder sie initiiert, steigert seine Chancen, und wer dabei auch noch ein Touch Star-Potential beherbergt, treibt die Aussichten in verlockende Höhen. Wahrscheinlichkeitsrechnung für Fortgeschrittene.

 

Der Fußball hat nicht zuletzt durch seine Protagonisten den Status erlangt, der ihn zu einem Gesellschaftsereignis erster Güte verkehrt hat. Biedere Arbeiter, treuherzige Abschirmjäger, emsige Fleißbienen sind seit Anbeginn des Spiels nur die Beilage zur Feinkost, irgendwie nötig zwar, aber selten mit besonderer Aufmerksamkeit oder gar Ruhm bedacht. Von allen unscheinbaren Helferlein hat der Ausputzer des Kaisers noch die größte Wertschätzung erfahren (wider Willen). 

 

So wurden in den vergangenen zwei Jahrzehnten hauptsächlich Persönlichkeiten ausgezeichnet, die Verzückung und Vermarktung garantierten. Roberto Baggio, Ronaldo, Zinedine Zidane, Ronaldinho, Kaká, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi sind Paradebeispiele der Merkmalsausprägungen Tempo, Tricks und Tore, Marketing, Merchandising und Moneten. 

   

Die Figur, der Floh, der Filou

 

Messi gewann den Preis zuletzt viermal in Folge. Und vermutlich ist er nach wie vor der Beste seines Fachs. Wenn man es daran bemisst, welches irdische Wesen die Kugel am Elegantesten streicheln kann, führt kaum ein Weg an ihm vorbei. Aber man bemisst es nicht daran. Zumindest nicht ausschließlich. Fußball ist keine One-Man-Show, die im Drei-Tage-Rhythmus eine neue Ich-AG anmeldet, nicht einmal ein extrovertierter Vertreter wie Cristiano Ronaldo kann sie ungestraft abziehen - obwohl er seine Mimosenhaftigkeit etwas abgelegt hat. Der Portugiese gehört zweifellos zu den spektakulärsten Fußballern unserer Zeit, er strotzt vor Kraft, Tordrang und Haargel. Ronaldo ist eine Figur geschniegelter Präsenz, die sowohl im edlen Wachsfigurenkabinett als auch des Gegners Strafraum prächtig in Szene gesetzt wird. Meist von ihm selbst. Einer muss es ja tun. 

 

Natürlich befindet sich Messi in der Endauswahl, weil es wohl töricht wäre, ein solches Geschöpf nicht in den erlauchten Kreis zu befördern. Fast Blasphemie. „La Pulga“, der Floh, ist wieder infantil gehüpft, aber in den entscheidenden Momenten kürzer und niedriger. Als Barcelona an Bayern abprallte wie eine Fliege an der Fensterscheibe, konnte er, bereits angeschlagen, keine Impulse setzen und musste später eine Verletzung auskurieren. Es war nicht die einzige wunde Stelle in einer keinesfalls perfekten Saison. 

 

Ein Weltfußballer solle etwas vorweisen können im Jahr seiner Krönung, das ist bei leitenden Angestellten des FC Bayern München 2013 nicht das größte Problem. Gleich mehrere Leistungsträger wurden in den erweiterten Zirkel aufgenommen, wo sie verschämt Hoffnungen hegen durften. Aber Manuel Neuer war zu unterbeschäftigt, Thomas Müller zu wenig Fußballer im ureigensten Sinn, Bastian Schweinsteiger im zweiten Halbjahr zu häufig malad. Bleibt Franck Ribéry, der Filou. 

 

Oder?

 

Es gibt da diese alte, uralte Weisheit von den Spielen und der Offensive sowie den Titeln und der Defensive. Ein ausgeleierter Aphorismus, dauernd gewälzt, gewaltig überstrapaziert. Und wahr. Andernfalls würde dem Fußball das Gros seiner Facetten fehlen, die ihn zu einer derart interessanten, vielschichtigen und unkalkulierbaren Institution peitschen, spannend, diskutabel und oft absurd. Käme es allein darauf an, welches Team den treffsichersten Individualisten in seinen Reihen hat, wäre der Sport ziemlich dröge. Außerdem, das gilt es zu bedenken, können nicht alle Zlatan sein. 

 

„Der kann gar nicht schlecht spielen!“

 

Für meine Begriffe sollte der Weltfußballer 2013 Philipp Lahm heißen. Es wird nicht dazu kommen, die drei Kandidaten sind nominiert, unumstößlich. Doch für den Gesamterfolg der Mannschaft war Lahm die unverzichtbare Stütze schlechthin. Gerne hämisch auf seine Körpergröße minimiert, avancierte er auf dem Feld zum Riesen. Ob in Augsburg oder bei Arsenal, in Bremen oder Barcelona, und speziell, als das Wohl eines stolzen Klubs zur Disposition stand: In Wembley streifte er als einer der Ersten das Zitterfüßchen der hypernervösen Anfangsminuten ab - ein Signal zur Attacke, das Bayern brauchte. Lahm entpuppte sich nicht nur als verlässliche Korsettstange im rotationserprobten Ensemble, er war der heimliche Dirigent des Triumphzugs. Der Möglich-Macher. Der Null-Fehler-Mann. Der Beste eben. 

 

Philipp Lahm musste über Jahre gegen sein Dasein auf der linken Seite anreden, rechts sei er (noch) besser aufgehoben, meinte er dann. Er übte sich, 25-jährig, im medialen Armdrücken mit Bayern München, schwatzte dem tatenlosen Capitano die Binde ab, publizierte als Aktiver seine Memoiren, diskreditierte darin denjenigen Bundestrainer, der ihm in die Nationalelf verholfen hatte (Rudi Völler), fusionierte gewissermaßen mit dem Hause Springer, stieg zum mächtigsten deutschen Fußballer auf. 

 

Und spielte überragend.

 

Egal, in welchen Frequenzen. Egal, gegen welchen Angreifer. Egal, auf welcher Position. Pep Guardiola probierte Lahm aus Personalmangel im defensiven Mittelfeld und konnte sich gar nicht mehr einkriegen vor Begeisterung über dessen verblüffende Aneignung des fremden Territorialgebiets. Lahm sei der „intelligenteste Spieler“, den er je trainiert habe, schwärmte Pep, darauf kann man sich schon etwas einbilden. Selbst Hermann Gerland, in seiner Funktion als Fußballtrainer nicht für hemmungslose Nächstenliebe bekannt, entfuhr einst ein rares öffentliches Lob für einen seiner Schützlinge. „Der kann gar nicht schlecht spielen“, raunte der Tiger, als er den pubertierenden Philipp bewerten sollte. 

 

Auf Twitter gibt es regen Zuspruch für die Kombination Lahm/Weltfußballer. @das_ailton ereifert sich: „Maßlos unterschätzt und weit unter Maß gewürdigt, was der Woche für Woche abreißt.“ @BrandyU2 kennt den Grund für die Nichtbeachtung: „Schicksal eines Defensivspielers! Leider!“

 

Außer dem Italiener Fabio Cannavaro 2006 wurde nie ein Verteidiger mit dem Goldenen Ball geehrt. Stets waren und sind es die Offensivvirtuosen, die sicherlich ihre Daseinsberechtigung im FIFA-Imperium besitzen, aber nicht als geschlossene Gesellschaft erscheinen sollten. Manchmal wäre der Rest vom Fest bedeutsamer. 

 

Vielleicht greift Philipp Lahm die Missstände ja in seinem nächsten Buch auf.