30 Bist du auch schön brav gewesen?

 



















Am Mittwoch in der Früh öffnete ich das fünfte Türchen an meinen Adventskalender. Vorfreudig wie ein kleines Kind wartete ich auf den erhellenden Augenblick, in dem ich das Konterfei eines Fußball-Profis erblicken würde. Übrigens: „In der Früh“ ist eine Definitionssache. Man passt sich ja an. Dem beruflichen Umfeld zum Beispiel. Bei mir war es daher so etwa zehn, vielleicht halb elf am Vormittag, als ich ihn behutsam in die Hand nahm, den FC Bayern-Adventskalender. Und wer grinste mir entgegen in seiner unnachahmlich lässig-lethargischen Art, dem kurz geschorenen Haupthaar und dem roten Trikot? Es sollte ein Zeichen sein, ein Omen. Kein gutes, nein. 

 

Ich hätte es wissen müssen. Das Unheil war vorprogrammiert. Doch wer glaubt zu dieser Jahreszeit, in der wir uns alle besinnen sollen (worauf eigentlich?) schon an den törichten Krampus, wenn auch der liebe Nikolaus vorbeischauen könnte? Das kleine, rechteckige Bildchen sah so harmlos aus, so friedfertig, und der Gesichtsausdruck des Spielers vermittelte Freundlichkeit. Mit der Gewissheit des Geschehenen ist klar: Eine trügerische Situation. Als es Abend wurde und draußen die Straßenlaternen angingen, um der finsteren Umgebung einen Korridor zu bahnen, da vergaß Jerome Boateng, was ihn der Nikolaus am nächsten Tag fragen würde: Bist du auch schön brav gewesen? Die rote Karte, pflegt Franz Beckenbauer gern zu sagen, muss man allein wegen Dummheit geben. Es ist wie immer: Recht hat er, der Kaiser. 

 

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Welch veraltetes Zeremoniell. Schön wär‘s gewesen, wenn dem schlaksigen Innenverteidiger ein Lämpchen aufgegangen wäre in der 51. Minute dieses bitterkalten Winterabends zu Fröttmaning. Aber das Leitungssystem versagte. Mutmaßlich, weil die Sicherung durchgebrannt war. Und so nahm Jerome Boateng kurz hinter der Mittellinie ein paar Schritte Anlauf. Er beschleunigte seinen Körper auf eine beträchtliche Geschwindigkeit, drückte sich elastisch vom Untergrund ab und klopfte mit beiden Beinen voraus dezent beim weißrussischen Gegenspieler an. Ob jener denn willens sei, das Spielgerät preiszugeben, wollte Boateng in Erfahrung bringen. So war das, so oder so ähnlich. Dass der arme Weißrusse tendenziell weniger geneigt war, den Ballbesitz abzutreten, sollte ihm noch leid tun - zwei Hundertstelsekunden später. Zu einer gesonderten Aussprache der beiden Parteien, die ihre unterschiedlichen Standpunkte zu einem Konsens hätte leiten können, reichte die knapp bemesse Zeit dazwischen nicht mehr aus. Es war bereits rohe Gewalt im Spiel, und sie wurde vorsätzlich angewandt, keine Frage. Auch sein Plädoyer für Notwehr lief für Boateng ins Leere. Während der unbeugsame Konterpart am Boden kauernd die Rasenoberfläche der Münchner Arena auf ihre Konsistenz überprüfte, fällte der (Schieds-)Richter energisch ein Urteil. 

 

Weder kann man behaupten, dass es salomonisch gewesen wäre, noch schien der Angeklagte damit einverstanden zu sein. Es wirkte, als würde er seine eben begangene Tat als Lappalie abheften, als Kavaliersdelikt zu den Akten legen, vielleicht sogar von der Rechtmäßigkeit des Handels überzeugt sein. Jedenfalls drückte Boatengs Gestik zunächst Ungläubigkeit aus, dann Entsetzen, schließlich Ärger und Wut. Nur die zehn Kollegen, die dasselbe Tarngewand trugen, stimmten nicht ein in die visuelle Revision. Sie distanzierten sich, einvernehmlich. In das Unverzeihliche verwickelt gewesen oder heimtückische Komplizen zu sein - diese wüsten Verdachtsfälle galt es aus der Welt zu schaffen, noch ehe sie überhaupt entstanden. Wenigstens vermied es Boateng, der Gestalt mit den weißen Haaren eine Machenschaft als Rädelsführer zu unterstellen. Stattdessen fiel der Abgang zügig und unbeherrscht aus, und wenn sich die restliche Truppe im späten Februar und frühen März wieder zu einem Streifzug durch Europa aufmacht, wird Boateng fehlen. Königsklassen-Resozialisierung nennt man das. 

 

Die Champions League beginnt langweilig zu werden. Dortmund hat Madrid und Manchester geschlagen, Schalke Montpellier und Piräus, und Bayern gewann den direkten Vergleich gegen BATE Borisov. Was soll noch passieren für die deutschen Mannschaften in diesem Wettbewerb? Wo liegen die Grenzen? Gibt es überhaupt welche, jetzt, da das Londoner Elfmeter-Trauma kläglich in der Vorrunde gescheitert ist? Da der amtierende Champion der ach so herausragenden Premier League sieglos Gruppenletzter wurde? Da dessen Stadtrivale zu Hause dem Giganten aus Cluj unterlag? Zum Einordnung: Cluj, das ist genau derjenige Verein, den der FC Bayern vor zwei Jahren im eigenen Stadion klar und deutlich mit 3:2 durch zweieinhalb Eigentore zurück nach Transsilvanien ballerte. 

 



















Den frappierendsten Hinweis auf die neue Überlegenheit der Bundesliga bietet doch dieser letzte Vorrunden-Spieltag. BVB, S04, FCB fuhren bestenfalls im Spritsparmodus, packten die erste Garnitur in die warme Garage und zogen fast ausschließlich mit Ersatzteilen bestückt in den Ring. Bei Schalke spielte etwa ein Metzelder von Beginn an. Das klingt wie eine Erinnerung an das vergangene Fußballer-Jahrtausend, und irgendwie ist es auch so. Derweil siegte Dortmund selbst mit Großkreutz in der Startelf, während in München 1,69 Meter-Shaqiri mit dem Kopf ins Tor traf. Also bitte. Nur her mit Real, Milan, Arsenal. Je früher, desto besser, denn desto eher läuft der Motor heiß für die wirklich wichtigen Etappen. Dann, wenn die deutsche Eskorte im Viertel - und Halbfinale zu den Reisetrips nach Porto, Istanbul, Glasgow ausrückt. Und einmal dort angekommen, wird es schlagartig wieder erhöhtes Kamikaze-Potential geben - die Sperre von Boateng dauert schließlich nicht ewig.


Was ihm der Nikolaus gestern wohl im Stiefel mitbrachte? 

 

Dezember 2012