29 Liverpooler Leiden

 

Einst waren sie Stammgast im größten europäischen Wettbewerb für Vereinsmannschaften, eine unverrückbare, gar monumentale Institution, und es gab Zeiten, da war das Halbfinale gerade gut genug. Noch vor sieben Jahren gewannen sie die Champions League in diesem irrwitzigen Match gegen den AC Mailand. 3:3 nach 0:3. Aufgeholt in sechs Minuten. Und dann Dudek, der Hampelmann im Tor. Legendär. 

 

„The Kop“, die stimmgewaltigste aller Fan-Tribünen auf unserem weitläufigen Planeten, schmetterte das breitgetretene „You‘ll never walk alone“ mit einer unverkennbaren Inbrunst, dass eine Gänsehaut das Mindeste war, was einem dabei widerfuhr. Wer das nahezu unverschämte Glück hatte, den wöchentlich auftretenden Liverpooler Sängerknaben im Realerlebnis lauschen zu dürfen, wird eine Erinnerung besitzen, die sich auf ewig eingebrannt hat. Nicht, dass ich zu den Auserwählten zählen würde. Aber die erzitternden Traversen, der voluminöse Hall, das beeindruckende Zusammengehörigkeitsgefühl machen es dem vornehmen Fremden leicht, die Phantasie ungezügelt walten zu lassen. „This is Anfield“ steht auf einem Schild im Kabinentrakt, welches die Faszination in drei mickrige Wörter packt. Und diese drei mickrigen Wörter sind ausreichend, weil sie von so viel Geschichte getragen werden, von so viel Verbundenheit und so viel Leidenschaft. 'Passion' sagt der Engländer dazu 'Passion' der Deutsche. Erkenne den Unterschied. 

 

Nun, die Fußball-fanatischen Fans in der englischen Industriestadt quetschen auch heute noch ihren Energiespeicher bis zur totalen Erschöpfung aus, um maximale Power in die Vereins-Hymne zu legen, als ginge es um ihr Leben. Kapitän Steven Gerrard spielt nach wie vor in seiner Heimat, und die Supporter verehren ihren 'Stevie G' wie gehabt abgöttisch. Sie sind arm und würden trotzdem das berühmte letzte Hemd geben. Die Anfield Road lebt und wird es weiterhin tun. Dieses alte, enge, laute, Stadion, wo nicht viel fehlt und der Mythos käme in Tropfen von der Decke herunter. Anfield trieft geradezu nach ehrwürdiger Historie. 

 

Das ist es ja eben! Historie! 

 

Denn außer den standhaften Fans ist nichts geblieben vom Ruhme der Vergangenheit. Seit Jahren schaffen sie es nur mit Müh und Not in die Euro League, von der letzten Meisterschaft müssen die Großväter ihren Enkeln erzählen. Hinweis für alle, die mit der Liverpooler Klub-Chronik nicht lückenlos Hand in Hand gehen: Als die Reds die englische Liga gewannen, war Deutschland seit ein paar Monaten wiedervereinigt.

 

Die „Big Four“ der Premier League sind lange gesprengt. Als Erstes war Liverpool ausgeschert, parallel dazu hatte sich die neureiche Plage Manchester City in die zuvor unerreichbare Phalanx eingekauft. Welch ein Jammer, dass der Scheich-Verein jetzt erneut in der Champions-League-Gruppenphase gescheitert ist. Untröstlich bin ich, ehrlich.

 

Doch das soll nicht unser Thema sein. 

 

Darf man Sportnachrichten Gehör schenken und muss man ihnen glauben, dann steht der schrittweise Niedergang eines der traditionsreichsten Klubs der Welt dicht vor einem Aufprall ohne Airbag. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man fast schon wieder drüber lachen. Wo früher ein Kevin Keegan spielte, könnte bald, es tut weh, aber bringen wir‘s hinter uns, kein Geringerer als Kevin Großkreutz auflaufen. Eine Zeitung mit großen Bildern, reißerischen Überschriften und wenig Text vermeldete entsprechende Gerüchte. 

 

Wie tief ist der FC Liverpool nur gesunken? Scheinbar nicht tief genug. Himmel, hilf! Und lass den Großkreutz da, wo er ist. Sonst können sie den Laden in Liverpool zusperren. Soweit soll es nicht kommen. 

 

November 2012