33 Die Mauerblümchen

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November 2013 -

 

Spiele-“Wissen“, womit man morgen am Stammtisch (nicht) glänzen kann. 


Wenn mir Ende Juni gesagt worden wäre, dass im November jemand bei "Wetten, dass..?" auftritt, der Johannes heißt, 23 ist und eine Fußballwette im Gepäck hat, die von Ergebnissen und Torschützen handelt - dann wäre ich erst einmal baff gewesen. Anschließend hätte ich versucht, das Ereignis zu realisieren, die Anspannung zu unterdrücken und mich sukzessive auf die Sendung vorzubereiten.

 

Nun trat am Samstag vor zwei Wochen tatsächlich ein 23-jähriger Johannes mit einer Fußballwette auf, die auf einer Gedächtnisleistung von Ergebnissen und Torschützen fußte. Aber er hatte wenig Ähnlichkeit mit mir. Um ehrlich zu sein, wurde der Essener Johannes Witzenrath ein völlig verdienter Wettkönig. Ich verfolgte es relativ perplex, weil das Ganze eine spezielle Konstellation beinhaltete. Gleicher Name, gleiches Alter, im Prinzip gleiche Idee. Denn ohne auch nur im Geringsten prahlen zu wollen: Ich hatte vor einigen Monaten ebenfalls einen Fußball-Wettvorschlag eingereicht, der auf dieselbe Systematik abzielte. Es ging um alle Pflichtspiele des FC Bayern München seit 1998, in Bundesliga, Pokal und Champions League, mit Spieltagen und Halbzeitständen, Ergebnissen und Torschützen...

 

Es kam anders, und wahrscheinlich ist das besser so. Die Ruhe, die Souveränität, die Lässigkeit von Johannes Witzenrath war bewunderns- und beneidenswert. Außerdem sind wir uns sicher einig, dass dieses "Wissen" zu Glanzpunkten am Stammtisch verhelfen, aber im Grunde kaum nutzloser sein kann. Außer jene mysteriösen Kenntnisse sind 50.000 Euro wert.

  

Der Stoff, aus dem die Mythen sind

 

Warum ich das erzähle? Nun, morgen gastiert Spitzenreiter FC Bayern München bekanntlich bei Verfolger Borussia Dortmund zum Liga-Klimax der Hinrunde. Im Vorfeld war die Betriebsamkeit wieder beträchtlich. Es wurden Personalien und Systeme verglichen, individuelle sowie mannschaftstaktische Stärken und Schwächen abgewägt, die Eigenarten von Pep und Klopp analysiert. Und es wurde im Archiv gewühlt, um Legenden, Mythen und Gassenhauer auf dem Gabentisch auszubreiten. Das gehört zum guten Ton eines Klassikers, praktischerweise hat sich in den vergangenen 15 Jahren allerhand geeigneter Stoff dazu angestaut.


Wie vor jeder Auseinandersetzung zwischen Bayern und Borussia wurde uns nochmals gezeigt, wie der Vul-Kahn im Stile eines asiatischen Kampfsportlers den Knochenjäger interpretiert und sich im selben Spiel an Heiko Herrlich festbeißt. Wir staunten, wie Tomas Rosickys Freistoß vom Innenpfosten in die auffangbereiten Arme des Titanen springt und dieser, auf Knien geerdet, die rechte Jubelpranke gen Himmel reckt. Wir schmunzelten, wie Jan Koller im viel zu kleinen, knallorangenen Torwarttrikot die Bälle aus der Luft pflückt, wir sahen Luca Toni im Cup-Finale am Ohr schrauben und beobachteten amüsiert einen Jürgen Klopp, dem aus lauter Übermut die Brille kaputt geht. Zuletzt blickten wir natürlich auf den kullernden Ball, der vom Fuß Arjen Robbens in Richtung Toreck trudelt. Dabei genossen wir, sofern Bayern-Sympathisant, den enthemmten Freudentaumel, der nach dem sehnlich erwarteten Champions-League-Triumph aufgeführt wurde.


Das sind die Meilensteine aus Begegnungen, die Geschichten schrieben und deshalb Geschichte wurden. Wer aber, und damit schlage ich den Bogen zurück zu "Wetten, dass..?", wer aber erinnert sich beispielsweise an den wuchtigen Fernschuss, den Jens Jeremies im Schneetreiben des 4. Dezember 1999 zum Führungstreffer entsandte?

 

Bayern mit Etappensieg, Dortmund im gelben Trikot

 

Die Partie im Münchner Olympiastadion endete 1:1, ein gewisser Jürgen Kohler erzielte noch den Ausgleich. Eine Episode aus Bayern versus Dortmund, die heute bestimmt den wenigsten ein Begriff ist. Genau wie der schleppende Start zur Lattek-Mission anno 2000. Als der Altmeister im April beim BVB antrat, um zu retten, was nicht mehr zu retten schien, baggerte Torwart Lehmann einen Tarnat-Freistoß vor die Füße von Hasan Salihamdidzic - der bedankte sich mit dem goldenen Tor. Ohne Lehmanns Patzer und Brazzos Abstauber wäre Leverkusen ihr Haching-Trauma erspart geblieben...


Militärisch gnadenlos präsentierten sich die Bayern im Herbst 2001. Es war das erste Wiedersehen nach dem Gift-Gipfel vom Frühjahr, als der bemitleidenswerte Schiedsrichter Strampe zwölf Gelbe Karten und drei Platzverweise verteilt hatte. In der Nachspielzeit drehte Rosicky einen Freistoß ans Gebälk, siehe oben, und Oliver Kahn beschwor höhere Mächte: "Es gibt manchmal so Zeichen im Leben... er ist eben nicht rein, weil der Gegner es dann nicht verdient hatte, zu gewinnen." In der Folgesaison brannte ein bis dahin ohne Punktverlust und Gegentor ausstaffierter BVB auf Revanche, aber der Gast aus München konnte die ausgerufene Wachablösung abwenden. Salihamidzic und Roque Santa Cruz markierten die Treffer zum 2:0 der Bayern, es war ein Spiel, das Verhältnisse zurechtrückte. Und doch nur zum Etappensieg gereichte. Im Zielraum trug Borussia Dortmund das Gelbe Trikot, im wörtlichen wie übertragenen Sinne.


Gänzlich in der Wahrnehmung verschwunden dürfte vor allem das zweite Aufeinandertreffen in der Saison 2002/2003 sein - ein Langweiler vor dem Herrn. Hatte im November zuvor Keeper Koller für Erheiterung gesorgt, war die Partie "eines der schlechtesten Spiele zwischen Dortmund und Bayern, an das ich mich erinnern kann", wie Kahn rekapitulierte. "Da war gar nix drin. Ich weiß gar nicht, wer gewonnen hat. Wahrscheinlich einfach der Glücklichere." Tatsächlich siegte Dortmund in einem seltsam emotionslosen Gekicke durch einen berechtigten Handelfmeter, den Marcio Amoroso zum 1:0 verwandelte.


Rassiger war der erneute Glaubenskampf im Jahr darauf. Der FC Bayern hechelte Werder Bremen hinterher, brauchte am 29. Spieltag dringend Punkte. Nach torlosen ersten 45 Minuten fädelte BVB-Angreifer Salvatore Gambino (wer kennt ihn nicht?) geschickt bei Salihamidzic ein. Entscheidung: Elfmeter, Proteste: wütend, Tor: Ewerthon. Chrisitan Wörns erhöhte auf 2:0, Bayern diskutierte den Pfiff von Schiri Markus Merk. Und Bremen holte den Titel.




















Makaay, Pizarro, Ali Karimi

 

Stürmer Ewerthon nahm fünf Monate später eine weitere Hauptrolle ein. Allerdings war er damit nicht allein. 2:0 lag der BVB am 18. September 2004 bereits in Front, der Brasilianer hatte einen Doppelpack geschnürt. Dank eines furioses Finish aber kultivierte der FC Bayern seine spirituelle Last-Minute-Kraft. In der 88. Minute verkürzte Lucio auf 1:2, ehe Roy Makaay quasi mit der Schlusssirene zum Ausgleich einköpfte. Unvergessen!


Und so etwas wie ein Abschied. In den kommenden Jahren sollte Borussia Dortmund, gebeutelt von erheblichen finanziellen Turbulenzen, dem Branchenführer zumeist keinen gleichwertigen Schlagabtausch bieten können. Schon das letzte Dortmunder Gastspiel im Olympiastadion am 19. Februar 2005 wurde zum Debakel: 0:5, Makaay-Hattrick inklusive. Das Borussen-Tor hütete der junge Roman Weidenfeller. Das tat er auch am 17. Dezember desselben Jahres, als der FC Bayern im Signal-Iduna-Park mit 2:1 gewann. Die Tore schossen Ali Karimi (!) und Claudio Pizarro, für Dortmund netzte Florian Kringe ein. Na, dämmert's?


Wohl kaum. Vielleicht können einige das Dortmunder 3:2 zum Rückrundenstart 2006/07 aus den grauen Zellen hervorkramen. Alex Frei und Tinga bescherten Kurzzeittrainer Jürgen Röber einen Traumeinstand - recht viel mehr brachte der Bert-van-Marwijk-Nachfolger jedoch nicht zustande. Bei der nächsten Auflage im Oktober saß Thomas Doll auf der Bank, die Partie ging trost- und torlos über die Bühne. Am 13. April 2008 war es Toni, der dem BVB zwei Tore beim abermaligen 0:5 einschenkte. Lukas Podolski, Zé Roberto und Andreas Ottl trafen ebenso, und Uli Hoeneß strahlte vergnügt über "Fußball zum Verlieben."


Dann kam Klopp. Und mit ihm ein beispielloser Aufschwung, besonders in den direkten Duellen. Bei seinem zweiten Spiel überhaupt als verantwortlicher BVB-Trainer trotze er dem Meister prompt einen Punkt ab. Im August 2008 endete Klopp gegen Jürgen Klinsmann nach Toren von Kuba und Tim Borowski unentschieden, 1:1. Klopp hatte "Vollgas-Veranstaltungen" versprochen und sollte Wort halten. Bayern spürte es.


Weißt du noch, damals, Jeremies im Schneegestöber?

 

Es war der 13. Februar 2010, Louis van Gaal stand in Amt und Würden, als die Seinen durch Mark van Bommel, Robben und Mario Gomez bei einem Gegentor von Mohamed Zidan mit 3:1 gewannen. Seitdem versuchte der ruhmreiche FC Bayern in sechs (nationalen) Versuchen vergebens, einen neuerlichen Sieg über Dortmund zu landen - bis heute also, nahezu vier Jahre am Stück, die deftige 2:5-Schlappe im 2012er Pokalfinale noch gar nicht eingerechnet. Die Negativserie dürfte leidlich bekannt sein: 2010/11 verloren die Bayern 0:2 auswärts und 1:3 daheim, 2011/12 jeweils 0:1, 2012/13 trennte man sich zweimal 1:1. Lucas Barrios, Nuri Sahin, Mats Hummels, Robert Lewandowski, Kevin Großkreutz waren die Tor-Protagonisten. Die letzten beiden Dortmunder Treffer in der Allianz Arena gelangen im Übrigen Mario Götze.


Bayern München gegen Borussia Dortmund, dieses Spiel hat uns über die Jahre viele denkwürdige Momente beschert. Aber manchmal sind es gerade die vermeintlich unscheinbaren Augenblicke wie Jeremies' Weitschuss im Schneegestöber, die herrliche Anekdoten liefern. Bei lebhaften Stammtisch-Debatten. Bei mir persönlich. Und bei Wettkönig Johannes Witzenrath sowieso.