26 Deutsch-österreichische Wachablösung

 



















Alter Schwede! Die DFB-Auswahl ist beim Elchtest glatt durchgefallen. Diese Partie geht in die Geschichte ein, und der kreidebleiche Bundestrainer hätte auf den Extra-Eintrag im DFB-Duden durchaus verzichten können. Denn „L“ wie „Leichtsinnigkeit“ definiert sich seit jenem historischen 16. Oktober 2012 ziemlich genau so: Klose, Klose, Mertesacker, Özil, Ibrahimovic, Lustig (ne, eigentlich nicht), Elmander, Elm. 

 

Wer Joachim Löw hinterher im ARD-Interview gesehen hat, musste das Schlimmste befürchten. Wenigstens aber, dass ihm Moderator Beckmann sein benutztes Taschentuch reicht. Mit weinerliche Stimme lamentierte die Frisur der Nation das soeben Geschehene. Apathisch wirkte er bei den Versuchen des Findens von Erklärungsansätzen. Die Spieler, stammelte Löw, würden allesamt in der Kabine kauern, und zwar: „Auf dem Boden, auf den Bänken, auf der Massagebank.“ Beachtenswert ist die hierbei in Perfektion angewandte Eloquenz des Trikolons mit einhergehendem Klimax. Aber Schönrederei gehörte schon immer zu Löws größten Stärken. 

Man gewann den Eindruck einer verlorenen Schlacht. Wie ein Lazarett, wie gefallene Helden beschrieb der sichtlich schockierte Bundestrainer den Zustand seiner im Mark erschütterten Gefolgschaft. Fassungslosigkeit war gar kein Ausdruck. Zum Glück saß Bundeskanzlerin Merkel auf der Tribüne. Nachdem sie der Mannschaft anschließend Trost spendete - wahlweise auf dem Boden, den Bänken oder der Massagebank -, wandelte sich die entgeisterte Ungläubigkeit in aufgesetztes Lächeln bei gleichzeitiger Weltuntergangsstimmung. Merkel hat Erfahrung mit sowas. 

 

Angesichts der nachwirkenden Ereignisse deutscher Pleiten und österreichischer Ausnahme-Athleten bieten sich Gegenüberstellungen an. Wir vergleichen in den einschneidendsten Kriterien. 

 

Souveränität: Die bisher nicht gerade als Schreckgespenst bekannte österreichische Fußball-Nationalmannschaft ging in ihrem Spiel gegen Kasachstan mit 1:0 in Führung. Dann fiel das 2:0, es folgte das 3:0 und gar das 4:0. Abgesehen von der Tatsache, dass selbst alteingesessene Historiker nicht fähig sind, sich an ein derartiges Austria-Torfestival zu erinnern, darf festgehalten werden: 4:0 vorne gelegen und am Ende 4:0 gewonnen. Nicht jedes Team kann behaupten, ähnliche Wunderdinge verwirklicht zu haben. 4:0 in Front gehen ist nämlich nur die halbe Miete. Jüngste Beispiele untermauern diese These. 

Ergo: Vorteil Österreich.

 

Einzigartigkeit: Der arme Felix Baumgartner. Da schuftete er fünf Jahre für das kurze Erreichen der Schallgeschwindigkeit, wähnte sich nach geglückter Mission im Besitz einer einmaligen Bestmarke - und musste doch tatenlos zusehen, wie der ruhmreiche deutsche Fußballverband ein paar Tage darauf in dieselben Verhältnisse vorstieß. Vier Gegentore in dreißig Minuten. Manuel Neuer sausten die Bälle nur so um die Ohren. Und weil der Keeper schon elegantere Figuren gemacht hat, fordern einige bereits: Ein Neuer muss ins Tor. Nämlich Adler. Das macht Sinn, kennt er sich mit Sturzflügen doch aus. Schon allein biologisch. 

Wir konstatieren: Unentschieden. 

 

B-Note: Die recht weitläufigen Dimensionen der Stratosphäre sind nichts gegen die Freiräume, die den schwedischen Angreifern gewährt wurden. Im deutschen Sechzehner fanden sie so viel Platz zum munteren Austoben, dass sich Felix Baumgartner da oben im All eingeengt gefühlt hätte. Und wer glaubte, die Fallhöhe des Extremsportlers sei so unübertroffen wie rekordverdächtig, der wurde in Berlin eines Bessern belehrt. Dort demonstrierten Jogis Jungs eindrucksvoll, wie man tatsächlich noch tiefer sinken kann. Kehrseite der Medaille: Der Aufprall war entschieden härter als bei Baumgartners federleichtem Landeanflug. 

Wieder unentschieden, Tendenz Österreich. 

 

Probleme: Jogi Löw wird aus mehreren Gründen in Erinnerung bleiben. Um auf Nummer sicher zu gehen, brauchte es jedoch den berühmten Wow-Effekt. Wenn es schon kein Titel wird, dann zumindest etwas ganz Besonderes. Hiermit ist das Werk vollbracht. Er ist Coach derjenigen Mannschaft, die es im 868. Länderspiel seit dem Jahre 1908 als allererste fertigbrachte, einen Vier-Tore-Vorsprung abzugeben. Löws analytische Spielauswertung ergab: Die deutsche Abwehr war wie IKEA - billig, aber einsturzgefährdet. Das lag am Fehlen des ansonsten überragenden Dortmunders Marcel Schmelzer. Nicht zu Unrecht hatte Löw den Linksverteidiger kürzlich als wichtigsten Stabilisator im Defensivbereich lobend hervorgehoben. Baumgartner hingegen kämpfte mit einer ausgefallenen Visierheizung, was ihm die Orientierung dramatisch erschwerte. Das wiederum könnte ebenfalls ein Grund für die leicht konfus erscheinende DFB-Hintermannschaft gewesen sein. Auch sie torkelte in der letzten halben Stunde wie benebelt durch die Gegend. 

Erneuter Vorteil Österreich. 

 

Die Auswertung ergibt einen unzweideutigen Punktsieger. Deutschland ist hinter Österreich zurückgefallen. Klar, ging es darum, den Berg auf zwei dünnen Brettern schnell und möglichst fehlerfrei runterzudonnern oder mit angesprochenen Hilfsmitteln am Weitesten zu hüpfen - da war uns das Alpen-Volk traditionell einige Klassen voraus. Gefühlt seit etwa 100 vor Christus. Das eigentliche Verheerende aber ist: Die Österreicher müssen nicht mal mehr darauf warten, bis die weiße Pracht den Erdball bedeckt hat, um ihre Künste zur freien Entfaltung zu bringen. Mittlerweile genügt es, eine 4:0-Führung über die Zeit zu schaukeln und medienwirksam aus fast 40 Kilometern Höhe abzuspringen. Das sollte uns zu denken geben.



Oktober 2012