29 Maß-Arbeit 


- Oktober 2013 - 


Bayern gewinnt, aber Misstöne bleiben. Genau wie die Frage: Sind wir heillos verwöhnt? 


Samstagabend folgte der Urknall: Real Madrid unterlag Stadt - und Erzrivale Atletico im eigenen Stadion 0:1. Es war die erste Liga-Niederlage seit 1999, trotz 94 Millionen in Vollbeschäftigung (Ronaldo) und 100 Riesen als Teilzeitkraft (Bale). Derweil raffte sich der FC Barcelona zu einem schmucklosen 2:0 bei UD Almeria auf, einem kargen Aufsteiger.

 

In der Premier League steckt Manchester United knietief im Schlamassel. West Bromwich Albion, zuvor nicht als furchteinflößendes Spitzenteam bekannt, siegte erstmals nach 35 Jahren im Old Trafford, mit 2:1 und nicht einmal unverdient. Damit hat Champion United drei von sechs Saisonspielen verloren, krebst auf dem zwölften Tabellenplatz umher und leckt seine Wunden aus der 1:4-Klatsche gegen Lokalfeind Manchester City. Die wiederum warfen am letzten Wochenende ebenfalls nicht mit Ruhm um sich. Bei Aston Villa kassierte das aufgepumpte Star-Ensemble eine 2:3-Pleite. Währenddessen bietet Mourinhos FC Chelsea kontinuierlichen Bürokraten-Fußball. Mitreiß-Faktor: Nun ja. Zuletzt sprang ein 1:1 bei den Tottenham Hotspurs heraus, in der Champions League wurde der Auftakt gründlich verpatzt: 1:2. Zu Hause. Gegen Basel. (Das gestrige 4:0 in Bukarest klammern wir an dieser Stelle mal dezent aus. Für die Wirkung.) 

 

Außerdem mussten die Londoner Ende August zusehen, wie der FC Bayern im direkten Duell den europäischen Supercup einheimste - und damit die vierte Trophäe anno 2013, das als legendäres Jahr in die Klubchronik der Münchner einziehen wird. Und während so manch internationales Großkaliber äußerst behäbig in die Saison findet, liest sich die Bayern-Bilanz fast makellos: Sieben Spiele in der Bundesliga, sechs Siege, ein Remis, bloß zwei Gegentore. Souveränes Weiterkommen im DFB-Pokal, gelungener Start in die neue Champions-League-Runde, packender Supercup-Sieg. 100-Tage-Pep liegt mehr als im Lot. Oder?

 

Deckungsgleiche Eindrücke

 

Vor zweieinhalb Wochen polterte Sportvorstand Matthias Sammer ungeniert von fehlender Emotion, „Komfortzone“ und „Dienst nach Vorschrift“. Vorausgegangen war ein kaum gefährdeter 2:0-Erfolg gegen Hannover, das immerhin als Tabellendritter in die Allianz-Arena gereist und dort schon zaghafter aufgetreten war. Interessanter als Sammers Generalkritik empfand ich indes die Mannigfaltigkeit von Uli Hoeneß. Hatte er vor dem 96-Spiel noch „Vollgas“ eingefordert - und dies besonders in der ersten Halbzeit mitnichten erhalten -, ermahnte er Sammer hinterher, tunlichst nicht zu überdrehen. Man habe ja den Eindruck, so Hoeneß, „dass der Verein drei von fünf Spielen verloren hat.“ Diesen Eindruck haben sie bei Manchester United übrigens auch. Aber das nur nebenbei.  

 

Kurz hatten die Bayern-Granden mit den Muckies gezuckt, dann sahen sie den lieben Angestellten wieder beim Gewinnen zu. 3:0 über Moskau, 4:0 auf Schalke, 4:1 gegen Hannover, und Guardiola erquickte sich spürbar an den Auftritten. Die beeindruckende Darbietung bei Champions-League-Teilnehmer Schalke quittierte er als „bisher bestes Spiel“, am souveränen Pokalsieg freute ihn die Qualität der zweiten Garnitur. Shaqiri, Pizarro, van Buyten, der Trainer schraubte Ersatzteile in den Apparat und der Motor schnurrte (trotzdem) sanft und kraftvoll. 

 

Mit jeder Woche konkretisierte sich die Skizze der Pep‘schen Philosophie. Gut, Rafinha verdankt seine Dauer-Präsenz zum einen dem prall gefüllten Lazarett und zum anderen dem polyvalent (ein tolles Wort) einsetzbaren Philipp Lahm. Der Kapitän wird eher mittel - denn langfristig seine angestammte Rolle als Außenverteidiger einnehmen und somit Rafinha zurück auf dessen üblichen Stammplatz verdrängen: Die Reservebank. Das Leben ist kein Ponyhof. 

 

Und ich kein Taktik-Fuchs. Aber bei der Lehrstunde auf und für Schalke stach die Dreiecks-Aufgliederung im Mittelfeld markant hervor. Lahm interpretierte den zentralen defensiven Part vor der Abwehr, nicht Bastian Schweinsteiger, Chef-Sechser der Triple-Saison. Dieser besetzte zusammen mit Toni Kroos die vorgezogenen Halbpositionen. Es implizierte stark den Rasenschach Barcelonas und infinite Ballstafetten der Triangel Xavi-Iniesta-Busquets. 

 

R.I.P. Arbeitssieg

 

Gerade als man annahm, sich dem Ideal des Pep-Styles in raumgreifenden Schritten anzunähern, kam Wolfsburg. Der Lieblingsgegner schlechthin. Zur Wies‘n-Zeit. In Tracht-Trikots. Da hätte es ein Schützenfest geben müssen, vier, fünf, vielleicht sechs Stück, ei‘gschenkt is! Am Ende durfte der FC Bayern froh sein, ein überaus zähes Stück Brot mit 1:0-Toren abgespeist zu haben. Der Müller war‘s, weil der Müller meistens hilft, wenn sonst nichts geht. Tags darauf ließ Günter Netzer über seinen Ghostwriter in der BILD-Zeitung ausrichten, Schweinsteiger spiele auf der falschen Position. Franck Ribéry präsentierte sich fahrig wie selten, wurde vom selben Blatt jedoch mit der Note „2“ bewertet. It's all about standing.




















Früher bezeichnete man derartig mühselige Einfuhren als „Arbeitssieg“ und umgarnte dies mit schaurig-schönen Vokabeln wie „Mund abputzen“. Heute scheint sich das geneigte Fachpublikum Spektakel zu erwarten, am Besten alle drei Tage, zu jeder Gelegenheit, wenigstens aber in jedem Heimspiel. Es ist ein Trend, der mich in Ansätzen an die Ära von Felix Magath erinnert. Damals holte der FC Bayern das doppelte Double und konnte sich dennoch nicht in uneingeschränktem Wohlwollen suhlen. Ergebnis - und Erlebnisfußball trennt rein grammatikalisch nur ein Buchstabe. In Wirklichkeit (in München) sind es Welten. Und nach dem Triple-Triumph offenbar ganze Galaxien.

 

Auch ich muss zugeben, mich leicht im Spagat zu verrenken. Bin ich Pro oder Contra der Sammer-Walze? Resümiere ich zufrieden drei Punkte oder beklage fades Geplänkel? Setze ich angemessene Leistungsansprüche an Multi-Millionäre oder schwebe ich als Bayern-Fan in einer heillos verwöhnten Blase? Bereits die Siege in Frankfurt (1:0) und Nürnberg (2:0) sowie das späte Unentschieden in Freiburg (1:1) überzeugten mich nicht restlos. Andererseits sprechen wir von Problemen, die Real Madrid und Manchester United sicherlich gern hätten... 

 

So muss Allzweckwaffe Thomas Müller als personifiziertes Stimmungsbarometer herhalten. Er erdet die Bayern, ohne dabei in plumpe Ausreden zu verfallen: „Was passiert denn erst, wenn wir mal verlieren? Muss dann gleich der ganze Verein eingestampft werden? Wird der FC Bayern dann abgemeldet? Wir sind Fußballer und keine Künstler. Man kann nicht immer glänzen, neue Rekorde aufstellen, über 100 Tore schießen. Das ist eine Wunschvorstellung, aber wir sind hier in der Realität.“ Heute heißt sie Manchester City, Samstag Leverkusen. Da ist Maß-Arbeit gefragt. Auf der Wiese - und der Wies‘n.