28 Multi Gründe


- September 2013 - 


Der ungeliebte Weltmeister: Sebastian Vettel polarisiert. Dieser Text vermutlich auch. 


Am Sonntag hatte Deutschland die Wahl. Singapur auch, nur eine Ecke kleiner und marginal irrelevanter. An der Rennstrecke im südostasiatischem Stadtstaat entschieden sie sich für Pfiffe, Sebastian Vettel wurde zum Zielobjekt. Nicht Philipp Rösler. Während Ex-Formel-1-Pilot Martin Brundle nach dem frappierend einseitigem Grand Prix die Podiumsinterviews führte, verschaffte die Meute ihrer Aversion hörbaren Ausdruck. Dominator Vettel gewann den dritten Lauf in Folge, aber (erneut) nicht die Zuneigung des Publikums. Was in Monza noch als gekränkter italienischer Nationalstolz verbucht werden konnte, hat sich inzwischen zu einer ernsthaften Posse entwickelt. Eigendynamik ist nunmal der stärkste Antrieb.

 

Vettel nahm den auf ihn projizierten Unmut äußerlich gelassen zur Kenntnis, ja er mühte sich, ostentativ cool zu reagieren: „Solange sie buhen, machen wir einen guten Job", sagte er, gequält lächelnd.

 

Ob man den designierten vierfachen Weltmeister mag oder nicht: Seine sportlichen Leistungen sind zu achten. Es dürfte unstrittig sein, ganz generell, dass es nichts mit Sportsgeist zu tun hat, den rechtmäßigen Sieger einer Veranstaltung mit Pfiffen zu belegen. Das ist respektlos.

 

Allerdings, und damit fängt die Sache an, interessant zu werden, waren die Vorkommnisse in Monza und Singpur keine belanglosen Einzelfälle, die auf Frustration der Ferrari-Anhänger zu minimieren wären. Die Liste der Contra-Vettel-Bekundungen hat bereits eine stattlich-bedenkliche Länge erreicht, wüste Pfiffe sind zum verkappten Standardrepertoire geworden. In Australien, England und Kanada trugen sich ähnliche Szenarien zu. Nun ist es nichts Ungewöhnliches, dass sich Deutsche in Großbritannien nicht der allerhöchsten Beliebtheit erfreuen, und doch war die Situation bemerkenswert: Als Vettel ausrollte, johlten die Massen, obwohl kein Brite direkt profitierte - sondern Nico Rosberg, seines Zeichens deutscher Staatsbürger. Sogar am Nürburgring erhielt der Zweitplatzierte Kimi Räikkönen mehr Applaus als Sieger Vettel. Monza und Singapur setzten die Reihe in unschöner Manier fort.


Besser als sein Ruf

 

Ich glaube, dass sich Vettel sein Image-Grab selbst geschaufelt hat. Das fing nicht erst in dieser Saison an. In meiner Bekanntschaft tummeln sich nicht viele Formel-1-Fans, aber wenn es um den Red-Bull-Piloten geht, teilen sie fast unisono dieselbe Einstellung: Als Vettel 2008 sensationell im Toro Rosso siegte, 2009 zum WM-Kandidaten avancierte und 2010 den Titel einsackte, war die Freude beträchtlich. Doch bereits 2012, beim dritten Championat, hatte sich das Pendel überwiegend geneigt, und heuer endgültig in Antipathie umgeschlagen. Das muss Gründe haben.

 

An der „Formel Langeweile" kann es nicht wirklich liegen. Michael Schumacher hat - Stand jetzt - das ein oder andere Mal öfter die Gegner düpiert und die Rennserie vereinnahmt als sein deutscher Thronfolger. Ausgepfiffen aber wurde der Seriensieger nie, bis auf den wenig ruhmreichen Stallorder-Skandal von Österreich natürlich, und damals konnte es keine andere Meinung geben. Dass ein Fahrer die Formel 1 beherrscht, ist sowieso nichts Neues. Immer wieder schwangen sich Ausnahmekönner dazu auf, eine Ära zu prägen. Der Reiz besteht gerade darin, diese zu beenden.

 

Bei der Suche nach triftigen Motiven stößt man also unweigerlich auf die Person Sebastian Vettel. Beleuchten wir zunächst die sportliche Seite. Ich behaupte: Der 26-jährige ist weit besser als sein Ruf. Newey, dieser Name muss ständig als Faustpfand herhalten, um Vettel-Erfolge zu schmälern. Freilich, der geniale Designer hat mit den Entwürfen der Red-Bull-Autos den Nährboden bereitet, doch in glanzvolle Siege umgewandelt wurde er durch die Virtuosität Sebastian Vettels. Drei respektive vier WM-Triumphe sind das Produkt von Klasse. Mark Webber ist - auch bedingt durch eine seltsame Flut an Technik-Pannen - nie über den dritten Rang in der Weltmeisterschaft hinausgekommen.

 

Vettels Vita fehlt entweder ein Teamkollege auf absoluter Augenhöhe, wie es Kimi Räikkönen gewesen wäre, oder die Herausforderung eines anderen Teams. Mit der Red-Bull-Verpflichtung von Daniel Ricciardo und seiner eigenen Vertragsverlängerung bis 2015 sind diese Optionen für's Erste ad acta gelegt. Da werden Zweifel und Zweifler am tatsächlichen Niveau bleiben.

 

Wie ein schmollendes Kind

 

Womit wir bei der menschlichen Betrachtung angelangt wären. Es scheint, als könne diese das Tempo des Rennfahrers nicht mitgehen. Eine gewagte These, die sich mit Praxisbezug unterfüttern lässt.

 

Als Vettel in Valencia 2012 ausfiel, mokierte er sich wie ein schmollendes Kind, dem der Lutscher geklaut wurde. Die Unterlippe nach vorne geschoben, den Trotz-Blick im Gesicht. Es hätte nur noch gefehlt, die Arme vor dem Brustkorb zu verschränken und beleidigt auf den Boden zu stampfen: Das ist gemein! Vettel beklagte sich bitterlich über den Einsatz des Safety Cars, das in seinen Augen allein deswegen auf die Strecke geschickt worden sei, um ihn einzubremsen - und so für Spannung zu sorgen. Eine Sichtweise, die an Peinlichkeit schwer zu überbieten war. Grober Unfug.

 

Es war nicht das einzige Mal, dass sich der Deutsche als schlechter Verlierer präsentierte. Lieber Erster denn Zweiter zu werden, ist das Normalste der Formel-1-Welt. Und nicht zuletzt Sinn der ganzen Kreisfahrerei. Trotzdem gebührt es der Anstand, fremde Leistungen anzuerkennen, Vettel aber kommt Derartiges kaum über die Lippen. Auch öffentliche Selbstkritik zählt nicht zu seinen Stärken. Das kostet Sympathiepunkte. Außer bei RTL, versteht sich.

 

Was ebenfalls zur abgeflauten Skala beiträgt, ist die beinahe manische Neigung von Red Bull, sich gegen alles zu sträuben, das ihr Höher-Schneller-Weiter-Streben behindern könnte. In der Formel 1 wird traditionell getarnt und gemauschelt, getrickst und getäuscht, aber die Österreicher haben die Doktrin der Ich-AG in eine neue Dimension geschraubt. Gut gemeinte Vorhaben zur Kostendeckelung werden von Red Bull konsequent blockiert - überraschenderweise operieren sie mit dem mächtigsten Etat und dem größten Personalvolumen... Außerdem stand der Rennstall in den letzten Jahren häufiger in Verdacht, die Grauzonen des Reglements (über)strapaziert zu haben. Da waren sonderbare Motor-Mappings in der Umlaufbahn, mysteriöse Löcher im Unterboden und jüngst die vehemente Forderung nach modifizierten Reifen. Fairerweise muss ergänzt werden, dass Vettel schon vor der Einführung der neuen Konfigurationen an der WM-Spitze lag, und dass Red Bull diesen Tenor nicht exklusiv anstimmte. Das „Reifen-Massaker" von Silverstone diente als (gern angenommener) Anker, um Pirelli die Pistole auf die Brust zu setzen. Seitdem zieht Vettel einsam seine Bahnen. Eindeutig zweideutig.

 

Die Kehrtwende

 

Und dann kam Malaysia 2013. Es war die ominöse „Multi 21"-Affäre, es war die knallharte Attacke auf Webber entgegen der ausdrückliche Weisung des Teams. Und es war die Kehrtwende in der Betrachtung des ewig schelmischen Sebastian Vettel. 25 Punkte, ein Affront. Sich über die Order des Arbeitgebers hinwegzusetzen, war kein cleverer, einem Vollblutrennfahrer angemessener Schachzug. Es war die Offenlegung einer neuen, unbekannten, nicht zwingend nachahmenswerten Facette. Top-Piloten müssen Egoisten sein und im Zweifel unangenehm, aber manchmal verrät der Zeilenzwischenraum, aus welchem Holz jemand geschnitzt ist.


Der bewusst missachtete Befehl war ein Zeugnis von Unreife. Mit seinen Worten fuhr Vettel einen weiteren Schlingerkurs. Unmittelbar nach dem Rennen entschuldigte er sich für einen „großen Fehler" und sagte: „Hätte ich die Chance, es anders zu machen, würde ich das tun." Einige Tage später klang der vermeintliche Reumut so: „Mark hatte es nicht verdient. Ich würde es immer wieder tun." Auch wenn sich Red-Bull-Teamchef Christian Horner abstrampelt, die nachhallende Wirkung zu verschleiern („Malaysia ist abgeschlossen!"), steht für mich fest: Diese Aktion hat Sebastian Vettels Wahrnehmung enorm geschadet - und das zurecht.

 

„Multi 21" wird ihn begleiten. Meist im Stillen, auf den Podien dieser Welttournee in aller Deutlichkeit. Wahrscheinlich wird ihn das mehr wurmen als er zugeben will, aber im Endeffekt herzlich egal sein. Image bringt keine Pokale. Schade eigentlich. Sonst befänden wir uns vor einem ultraspannenden WM-Schlussspurt.