27 Wie im richtigen Leben


- August 2013 - 

 

Am Freitag trifft der FC Bayern auf den FC Chelsea. Es ist das Finale um den europäischen Supercup, doch jeder weiß, dass in Prag hauptsächlich zwischen den Zeilen gelesen wird. Über den Schauder eines Frühlingsabends. 

 

„Trauma“ ist im Sport ein großer Begriff. Welche Relation besteht schon zu den Schicksalen der normalen Welt? Welche Implikation liefert ein Wettkämpfer, der unermüdlich war, aber erfolglos? Darf man in einer Boom-Branche von einem Drama sprechen, gar von ergreifender Tragik? Wo es doch nur Fußball ist? „Nur“ Fußball. Dieses aufgepumpte, abgehobene, arrogante Business, das dem Protzgehabe verfallen ist und seine Zirkusfiguren mit dem liquiden Produkt des Kommerz überschüttet.


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Jäh sacken Jungmillionäre zusammen, als hätte ihnen jemand den Saft aus den Gliedern gesogen. Sie verstecken ihre Gesichter hinter Händen, vergraben sie im Boden. Sie weinen. Wegen Scheinen? Man muss annehmen, dass es echte Tränen sind, ehrliche Niedergeschlagenheit. Es ist nicht das Geld, das die Trauer bewirkt. Es ist der grobporig zerplatzte Traum, den Thron zu besteigen, und das in der Heimat. Diese Chance wird nicht wiederkehren. Sie ist einmalig.  

 

Zuvor trifft Thomas Müller zum 1:0. Nach 83 Minuten des Wartens. Thomas Müller, der Bayer in Bayern für Bayern. Die Geschichte eines Märchens.

 

Der Norden Münchens wird zum Epizentrum des Glücks. Die Arena erzittert und mit ihr eine ganze Stadt. Rot und weiß, die Farben der Ekstase. Von null auf einhunderttausend in Lichtgeschwindigkeit, durch einen Ball vom Kopf an die Latte ins Tor. Eine Lustlawine rollt. Unaufhaltsam. Abertausend Menschen lassen sich von ihr begraben, und es gibt in diesen frenetischen Momenten nichts, was sie lieber täten. Elf Fußballspieler in roten Hemden liegen übereinander, kreuz und quer, der Lärm ist ohrenbetäubend, die Strömung reißend. So muss es sich anfühlen, wenn man dabei ist, auf einem Endorphin-Teppich von diesem irdischen Kosmos zu segeln. Wenigstens für ein paar Sekunden. Wenigstens für sechs Minuten.   

 

Alles explodiert. Thomas Müller explodiert, dieses Goldköpfchen weiß gar nicht, wohin mit seinem Überschwall. Auch Jupp Heynckes explodiert, für seine Verhältnisse allemal. Und natürlich explodiert Uli Hoeneß, der Mann, der Bayern tief im Herzen trägt. Nicht umsonst ist es rot. Wie ein kleines Kind hüpft er mit den Kollegen im Kreis, dort oben auf der Tribüne, doch ihm schwant nicht, dass es die enthemmte Erfüllung vor der zermürbenden Leere sein wird. 

 

Auf den Rausch folgt der Kater. Wie im richtigen Leben.  

 

Es ist, als wäre die Jahresabschlussparty auf seinem Zenit pulsiert, und plötzlich hätte jemand den Stecker gezogen. Funkstille. Oder den Boden unter den Füßen weggerissen, umgestürzte Kegel hinterlassen, während das Lachen im Dunste verhallt. Langsam, aber eindringlich. Leise, aber stechend. Das Lachen des Killers.   

 

Als Drogba sich hochschraubt, höher als Boateng, höher als alle Umstehenden in roter Montur, sticht er mit der blanken Nadel zu - mitten ins Herz. Dahin, wo der Schmerz am Größten ist. Weil es die verwundbarste Stelle ist. Und weil sich niemand präparieren konnte. Am Allerwenigsten Uli Hoeneß.


Sport kann Sieger küren, Helden hervorbringen, Legenden bilden. Sport kann grausam sein. Und ein Trauma begründen? Wahrscheinlich schon. Auch wenn es nur Fußball ist. „Nur“ Fußball.  

 

Verpflanzter Bestandteil der DNA

 

Am Freitag treffen der FC Bayern und der FC Chelsea erneut aufeinander. In Prag, Finale um den europäischen Supercup, Champions-League-Sieger gegen Europa-League-Gewinner. Man kann es als Revanche bezeichnen, als ein neuerliches Säbelrasseln zweier Klubs, die diesmal beide von Trophäen umrahmt werden. Eine Wiedergutmachung ist es nicht. Ein Auswetzen der Scharte gleich gar nicht. Bayern könnte Chelsea demontieren, deklassieren, ihre Überlegenheit demonstrieren. Bloß nicht deprimieren. 

 

Die Nacht des 19. Mai 2012 ist nicht löschbar. Man kann versuchen, sie von der Festplatte zu verdrängen, durch die bahnbrechende Feier im Jahr darauf, durch den beschwipsten Gedanken an Wembley, vielleicht durch Alkohol. Kein guter Ratschlag. Die Niederlage gehört zur Identität des FC Bayern wie alle Siege. Vermutlich noch stärker. Die Bilder haben sind eingebrannt, sie werden nicht verblassen. Nie. Egal, was inzwischen geschehen ist und was geschehen wird. Boateng wird in der vorletzten Minute immer wieder nicht wachsam sein. Robben wird die Eckbälle halbhoch und den Schuss aus elf Metern unplatziert treten. Schweinsteiger wird dabei nicht hinschauen können und unvermittelt aus seinem Aberglauben gerissen werden. Später wird er im Anlauf verzögern und von einem Geräusch in einen lang anhaltenden Zustand der Trance versetzt werden. KLATSCH. 

 

Ebenso wird München die Explosion der Emotionen auf ewig einnehmen. Diese sechs Minuten, nachdem Müller geköpft, Heynckes gejuppt und Hoeneß im Kreis gehüpft war. Die sechs Minuten, die der Lohn zu sein schienen für rastloses Bemühen und dem verdientesten aller Führungstore, das man sich vorstellen kann. Die sechs Minuten Henkersmahlzeit, bis der FC Bayern die Geister rief, deren Gewänder er nicht abstreifen kann. Sie sind im Inneren verpflanzt und werden dort verharren. Als Bestandteil der DNA. 

 

Aber es klafft keine offene Wunde mehr. Sie ist nur noch sichtbar, wie eine Narbe, die daran erinnert, was einmal gewesen ist. Und weil es eine Narbe ist, verschwindet sie nicht von der Haut. Ihre Rötung wird sich lindern, jedoch nie vollständig heilen. Rötung. Welch Ironie. 

 

So entwickelt Bayern München ein unumstößliches Leitmotiv: Aus Resignation werde Motivation! Sie bündeln all ihre Energien, alle Macht, alle Kraft. Treten an mit dem schieren Willen, diesen verwunschenen Cup nach Hause zu holen. Wenn er schon nicht bleiben wollte, durfte, konnte, damals, an diesem herrlichen, schrecklichen Frühlingsabend im Mai 2012. 

 

Zwölf Monate später hat sie ihr Antriebsstrang tatsächlich ins Endspiel geleitet. Der FC Bayern steht am Schluss- und Höhepunkt einer Saison, die verdeutlicht hat, dass diese Mannschaft bereit ist. Vielleicht war sie das vor einem Jahr noch nicht. 


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In jedem Ende steckt ein Anfang. Sagen die Leute. Klingt gar nicht so verkehrt. Was altkluge Weisheiten angeht, ist das Reservoir unerschöpflich. Manchmal setzt selbst das entschwebt wirkende Fußballgeschäft zu einem Landeanflug an, und immer dann wird die Showbühne zu einem Ausriss der Realität. Auf den Rausch folgt der Kater folgt der Rausch. Wie im richtigen Leben.