23 Die Maß ist voll

 



















Fünf Spieltage sind absolviert, Zeit für ein erstes Fazit. Erfreulicherweise hat das Münchner Oktoberfest seine Pforten geöffnet. Anhand der weltbekannten Wies‘n machen wir den Bundesliga-Frühform-Weißbier-Check. Wer konnte brillieren und hat sich die Maß redlich verdient, wer benutzt den Liter allein, um seinen Frust darin zu ertränken? 

Eines gleich vorweg: Es heißt nicht etwa „Maaaas“, wie das offensichtlich viele vermuten (zumindest vernimmt man diese linguistische Todsünde des langgezogenen Vokals allzu oft) - sondern kurz, knapp und kantig: „Mass“, wobei das Wort abrupt und zischend ausklingt. Mass! Einfach nur Mass!

 

Starten wir an der verlustpunktfreien Tabellenspitze. Der FC Bayern läuft bei seiner fünften Jahreszeit erfahrungsgemäß zur Höchstform auf. Beispiel letzter Dienstag, als bei Magaths Trümmer-Truppe von einem bissigen Wolfsrudel keine Rede sein konnte. Angebrachter wäre vielmehr die Bezeichnung Streichelzoo gewesen. Ganz anders die Bayern. Drei Tore, drei Punkte, dazu ein neues Schweizer Bankgeheimnis mit guter Kondition zu unschlagbaren Konditionen, und der bessere Mario als Torjäger. Respekt, Jupp-Josef Heynckes. Das gibt in der Wies‘n-Wertung fünf von fünf Maß. Und für Schweinsteiger, der wieder saustark aufspielt, freilich obendrein - man ahnt es bereits - eine saftige Schweinshaxn. An Guadn allerseits. 

 

Dass die Münchner nicht schon die Vorbereitungen für die Meister-Sause auf dem Rathausbalkon intensivieren können, um direkt im Anschluss an das Oktoberfest im Schunkel-Modus zu verweilen, liegt an Aufsteiger Frankfurt. Echte Delikatessen, diese Hessen! Mit ihrer Zauber-Veh rangieren sie auf Kurs Champions League. Und das nach nur fünf Spieltagen. Beachtlich. Der Besuch auf der Theresienwiese passt noch dazu in doppelter Hinsicht wunderbar. Erstens boten sie gegen den Möchtegern-Meister ein beRAUSCHendes Fußballfest, verlassen das Trainingslager also bestens präpariert. Zweitens besitzen sie schon per Vereinsnamen die Erlaubnis zur Einreise: Wie in der Satzung verankert, werden die Frankfurter Spieler geschlossen in Ein-Tracht erscheinen... Die Wies‘n-Wertung ergibt demnach ebenfalls fünf von fünf Maß. Der wuselige Japaner Inui erhält wie Bayerns Schweinsteiger eine Extra-Wurst. Ich hätte da an einen Steckerlfisch gedacht, den er mit seinen Stäbchen sicher prima verzehren kann. 

 

Inui ist ein gutes Stichwort. Wer genau hinschaut, und das muss man bei ihrer Körpergröße, erkennt, dass wir uns in den Asia-Wochen aufhalten. Überall verzücken die Vertreter aus den Ländern des Lächels mit ihrer Ballkunst die Massen - anbei nochmal zur Wiederholung: Nicht Maaaasen, sondern Massen. So, jetzt muss das aber wirklich sitzen. 

Also ja, die Asiaten: Bald werden sich die Mannschaften im Anstoßkreis mit gegenseitigen Verbeugungen des Oberkörpers begrüßen, so einnehmend ist deren Quantität und Qualität. Sogar beim HSV, dem Hamburger Sorgen-Verein. Der ein Mysterium ist. Da besiegen sie die Borussia 3:2, haben einen Adler im Tor, der wieder das Fliegen gelernt hat - und spielen kurz darauf erneut gegen die Borussia trotz Überzahl nur Unentschieden. Irgendwas stimmt da nicht. Auch nach der Verpflichtung des Heilsbringers kommen die Hanseaten nur schleppend in Vaart. Aber sie haben wie gesagt einen Asiaten in ihren Reihen. Wie heißt er noch gleich? Heung-Min? Keine Ahnung, jedenfalls ist das So‘n Koreaner. Das steht fest. Die Wies‘n-Wertung sagt: Zwei von fünf Maß. Außerdem Zuckerwatte für Sylvie. Und Insekten für den Fink. 

 

Bei Düsseldorf hat Trainer Norbert „Huub“ Meier die Defensivarbeit zur obersten Pflicht ausgerufen. Mit Erfolg. Fünf Spiele, kein Gegentor. Der Bundesliga-Rückkehrer profitiert zudem von einer entwaffnenden Männer-Mentalität. Kürzlich verletzte sich Torwart Giefer am Kiefer, stand jedoch beim nächsten Spiel zwischen den Pfosten. Welch eine Arbeitseinstellung. Doch Vorsicht: In zwei Wochen gastiert der FC Bayern in Düsseldorf. Dann braucht es neben der Betonmischer-Grundausbildung wohl auch ein bisschen Fortuna, um die Null halten zu können. Wies‘n-Wertung: Vier von fünf Maß. Dazu eine Freifahrt auf dem Glücksrad. 

 

Emporkömmling Greuther Fürth hätte mehrere Runden nötig. Bislang stehen in drei Heimspielen drei Niederlagen und kein geschossenes Tor im Klassenbuch. Auswärts siegten die Franken in Mainz und holten in Wolfsburg einen Punkt - wobei Letzteres freilich nicht überzubewerten ist. Man darf gespannt sein, wohin die (wilde) Reise für das Kleeblatt geht. Und wie oft verlautet wird: Greuther fürth. Die Wies‘n-Wertung zeigt derweil ihre Vorbildfunktion und verteilt angesichts der Umstände eineinhalb Maß - schließlich sind sie ja noch ein sehr junges Bundesliga-Mitglied. Da muss es nicht sofort exzessiver Alkoholkonsum sein. 

 



















Eineinhalb Maß - von solch üppigen Ausschänken träumen sie in Stuttgart. Vau-Ef-Be, oh weh. Coach Labbadia geht die Pleiten-Serie nahe. Er wirkt gebrechlich. Das würde in der Wies‘n-Wertung lieber keine Maß als Aufputschmittel nahelegen, sondern anstelle der flüssigen tendenziell feste Nahrung. Aber ob die knausrigen Schwaben bereit sind, diese Brezn-Preise zu zahlen? Inklusive Trinkgeld!? Falls nicht, tut sich eine Alternative auf. Weil es für die Stuttgarter eh schon in die Hose gegangen ist und man sich jetzt ruhig weiter ankleckern kann, empfiehlt die Bedienung einen Obazden. 

 

Bleibt noch Hoffenheim. Der Traditionsverein befindet sich neuerdings im Aufwind. Ein Schelm, wer diesen Positivtrend nach der anfänglichen Gegentor-Flut auf das verletzungsbedingte Fehlen von Tim Wiese zurückführt. An dieser Stelle können wir im Übrigen die Ausfallursache richtig stellen. Es handelt sich bei ihm nicht um einen Faserriss im herkömmlichen Sinn. Genauere Lokalisierungsversuche orteten eine überdehnte Haarsträhne als Grund der wochenlangen Zwangspause. Schlimmer geht‘s immer. Da hilft nur noch eins: Ab auf die Wies‘n, ein halbes Hendl bestellen, es mit den Fingern verspeisen („abfieseln“), und dann, ohne die Hände zu waschen, damit durch die Haare fahren. Sowas verleiht der Frisur einen unnachahmlichen Glanz. Dazu statt rosa Trikot ein fesches Dirndl. Und vielleicht ergattert Wiese ja anschließend einen Job in der Geisterbahn.  


September 2012