22/2 Elf Jahre danach

 

Es ist ein Klassiker. So ein bisschen das Nimm-du-ihn-ich hab-ihn-sicher-Kuriosum. Mittwoch, Schule, sechste Stunde. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Das Lieblingsfach mit den vielen verwirrenden Zahlen steht als finale Hürde auf dem Programm. Die drei Schüler, die um 13:07 Uhr in den Zug nach München steigen sollen, glauben fest an einen Lehrer, der Bescheid weiß und etwa zehn Minuten vor dem regulären Unterrichtsende die Erlaubnis zum Gehen erteilen wird. Diese Vermutung rührt daher, weil eine Begleitperson des Trips selbst Mitglied des Lehrerkollegiums ist. Da hatte man sich bestimmt verständigt. Ansonsten würde das zu knapp werden. Es ist zwar nicht allzu weit von Schule bis Bahnhof, aber sieben Minuten reichen dann auch wieder nicht. Jedenfalls hatte mir die Mama den Ablauf in der Früh ungefähr so erklärt. Wenigstens sinngemäß.  

 

Ich kann mich erinnern als wäre es gestern gewesen. Die Uhr zeigt dreiviertel eins, da fange ich schon mal vorsichtshalber mit dem Zusammenpacken an. Zirkel, Geodreieck, Federmäppchen, bloß weg damit. Ich rutsche auf meinem Stuhl unruhig hin und her, behalte dabei fast durchgehend die Uhr im Sichtfeld. Nicht, dass das eine Ausnahme wäre, aber in diesen Minuten schaukelt sich diese ungemein bildende Beschäftigung mit einer erhöhten Frequenz hoch. 

 

Es wird zwölf vor eins, zehn vor eins, sieben vor eins. Blickkontakt zur Mitreisenden. Unsicherheit. Eigeninitiative? Hm.

Vier vor eins. Hektik. Zwei vor eins. Wut. Wieso sagt der denn nichts...? 

12:59 Uhr: Schulschluss. Für alle. 

War‘s ein Missverständnis? Perfide Absicht? Hinterhältiges Auflaufen-lassen des bemühten, aber recht schwachen Mathematik-Schülers? Psycho-Terror? Zehnjährige können grausam sein.

 

Tränen und Pizzen

  

Es passt ins chaotische Bild, dass uns eine umständliche Route die letzte Chance nimmt. Als wir gehetzt und schweißgebadet (ganz so schlimm war‘s nicht, klingt aber gut) am Bahnhof eintreffen, erwarten uns ungeduldige Erwachsene und ein leeres Gleis. Danach gibt es zwei Dinge: Tränen und Pizzen. Zug verpasst. Zeitplan über den Haufen geworfen. Umdisponieren nötig werden lassen. 


Abends steigt in Mailand das Champions-League-Finale zwischen dem FC Bayern und dem FC Valencia. Wenn ich mich richtig entsinne, legt vorsichtig formuliert nicht jedes Gruppenmitglied den höchsten Wert darauf, sich bei Spielbeginn vor dem TV-Gerät einzufinden. Anders könnte ich mir die Wahl der Rückfahrt heute nicht wirklich erklären.

  

Nach den latenten Anlaufschwierigkeiten ist es ein Tagtraum. Sonne, Tierpark, Spaß und Freude. Ein Kind denkt da nicht so sehr an ein Fußballspiel. Auch wenn ich im Laufe des Nachmittags ab und an versichert bekommen will, es GANZ SICHER rechtzeitig nach Hause zu schaffen. Die Antwort stimmt mich stets zufrieden.

 

Natürlich tritt das Gegenteil ein. 

 

Warum, das weiß ich nicht mehr genau. Tatsache ist: Um 20:45 Uhr sitzen wir im Zug, befinden uns irgendwo auf halber Strecke. Ein auf heutige Verhältnisse angewandt undenkbarer Zustand. Der FC Bayern ringt um Europas Krone, und ich vegetiere auf Bahngleisen. Unglaublich, würde Louis van Gaal krächzen. Unglaublich!

 

Als vereinzelte Wortfetzen während der Heimreise das Finale tangieren, beschleicht mich eine mysteriöse Vorahnung, wonach Valencia in der dritten Spielminute das Führungstor erzielt. Ich verweise aus gegebenen Anlass nochmals auf die Zeit, von der wir sprechen: 2001. Da ist man froh, über ein Mobiltelefon zu verfügen, und sei es noch so klobig. Inzwischen wundert man sich ja beinahe, dass diese Teile mit ihren multilateralen Features nach wie vor ein stinknormales Telefonat ermöglichen. 

 

Was ich damit andeuten will: Nein, auf Live-Streams oder derartigen neumodischen Schnickschnack können wir nicht zurückgreifen. Vielleicht inspiriert mich das Bordpersonal. Oder die traumhafte Aussicht auf Ackerfelder. Letztlich ist es halt blöd, dass meine prophetischen Gaben das Wahrheitsgehalt der Realität abdecken. Sollte das ein Zeichen sein, bin ich bis heute auf der Suche nach dem Sinn.      

 

Der pure Kahnsinn

 

Beim Aussteigen am Bahnhof der Tränen und Pizzen werden uns die harten Fakten erbarmungslos bestätigt. 1:0 für Valencia durch ein Elfmetertor in Minute drei. Ab nach Hause. Diesmal streicht „hetzen“ übrigens seine uneingeschränkte Befugnis ein. 

 

Als ich ankomme, hat Mehmet Scholl den postwendenden Gegenschlag per Strafstoß längst fahrlässig vergeben. Aber irgendetwas vermittelt mir stets den Eindruck: Nur die Bayern gehen heute als Sieger vom Platz. 

 

Kurz nach der Halbzeit zeigt der holländische Schiedsrichter Jol zum dritten Mal auf den Elfmeterpunkt, und, das können wir heute leicht zugeben, liegt damit zum dritten Mal kapital daneben. Am Ende vermutlich ausgleichende Ungerechtigkeit. 

 

Der Chef vollstreckt sicher. Effenberg zeigt sein Tiger-Gesicht. Es ist eines jener Spiele, in denen sich Glück erarbeiten lässt. Die krasse Kehrseite dieses Phänomens erlebt man am 19. Mai dieses Jahres. Aber reden wir nicht mehr drüber. 

 

2001 laufen sie immer hinterher. Dem frühen Rückstand, dem vergebenen Elfmeter, den vielen ungenutzten Chancen in regulärer Spielzeit und Verlängerung. Dann dem Fehlversuch von Paulo Sergio im Elfmeterschießen. Als Olli Kahn gegen Zahovic pariert und sich das Blatt wenden könnte, versagt Andersson. Ausgerechnet. Traum oder Trauma? 

 

Kahns titaneske Parade gegen Carboni wird zum Markstein für alles, was danach kommt. Zunächst ist es Effenberg. Wieder Effenberg, wie schon in der 50. Minute. Wieder minimaler Anlauf. Und wieder Tor! Der Kapitän bugsiert die Bayern durch die steilen Felswände des Scheiterns - und erstmalig in Front. Seine Körpersprache gibt das unmissverständliche Signal zur Attacke: Jetzt packen wir's, jetzt holen wir uns diesen verwunschenen Pott! 

 

So geschieht es. Kein Roter verschießt mehr. Als es 6:5 steht, stechen Kahns Augen dem nervösen Schützen Pellegrino entgegen. Der pure Kahnsinn. Pellegrino hat schon vor dem Schuss verloren. Die Nerven. Das Duell. Das Spiel.




















Was folgt, ist eine Explosion der Gefühle, wie man sie selten erlebt hat. Eine Mailänder Himmelfahrt. Um 23:33 Uhr ist der FC Bayern am Gipfel angekommen. Nach 25 Jahren des Wartens. Nach drei verlorenen Endspielen. Nach 120 Minuten mit insgesamt 19 Elfmetern.

 

23. Mai 2001 - ein unvergesslicher Tag, ein unvergesslicher Abend, ein unvergessliches Spiel. Auch heute noch. Über elf Jahre danach.

23. Mai 2001 - ein Datum, als Spieler zu Helden wurden. 


Teil 1 <-


September 2012