22/1 Elf Jahre danach

 

Schatztruhen sind dazu da, um bei Gelegenheit den angesetzten Staub abzuwischen, sie mit quietschendem Unterton zu öffnen, darin zu stöbern, historische Fundstücke hervorzukramen und Erinnerungen aufleben zu lassen. Das machen wir heute mal.



















 

Meine Schatztruhe heißt Gedächtnis. Vorteil: Ich spare mir zeitaufwändiges Googeln nach geeigneten Dokumenten. Nachteil: Es fehlt oben beschriebenes Flair, denn beim Aufklappen der Kiste quietscht nichts. Wobei - ob das zwingend schlecht ist, sei mal dahingestellt...

  

Heute spielt der FC Bayern München gegen den FC Valencia. Champions League. Vorrunde. Es ist das erste Aufeinandertreffen der beiden Mannschaften seit jenem mythenbehafteten Tag im Mai 2001, bei dessen Gedanken es mir noch heute kalt den Rücken runterläuft. Als Zehnjähriger war ich nicht imstande, die Geschehnisse in ihrer universellen Komplexität zu fassen und einzuordnen. Vielleicht war es deshalb einfach nur schön. 

  

Um sich die Story besser vergegenwärtigen zu können, hilft es, nochmals in die damaligen Stunden einzutauchen. Und zwar so richtig. Wer Lust darauf hat, springt jetzt mit mir auf die Zeitmaschine auf. Wem dieses Tamtam zu öde ist, der tritt bitte von der Bordsteinkante zurück und schaut der abfahrenden Meute hinterher. Von mir aus mit wehenden weißen Taschentüchern. Jedenfalls sollte die Entscheidung relativ zügig fallen. Im Optimalfall innerhalb der nächsten zwei Zeilen. Wir können nicht ewig warten. Das tat der Zug am 23. Mai 2001 um 13:07 Uhr auch nicht...

  

Posten? Frag' doch den Briefträger...

  

Wir schreiben 2012. Wir wollen in 2001. Das sind elf Jahre. Man hat das Gefühl, dass sich die Welt seitdem komplett auf den Kopf gestellt hat. 

 

Ich war ein mittelmäßiger Fünftklässler mit Tendenz nach oben, fleißig und strebsam, aber mathematisch ausbaufähig veranlagt. Ich schrieb nicht zu 90 Prozent auf Tastaturen, sondern ausschließlich mit Füllern. Wäre ich mit einem sogenannten „Blog“ konfrontiert worden, hätte ich nach kurzem Überlegen spitzfindig zum Tintenkiller gegriffen, mit der Zungenspitze die Oberlippe befeuchtet, das „g“ im Inbrunst der Überzeugung entfernt und ein „ck“ daraus gemacht. Dann wäre ich stolz gewesen, zum Lehrer gerannt und hätte mir ein Lob abgeholt. Ganz bestimmt.

Hätte man den Begriff „posten“ definieren sollen, wären alle achselzuckend zum nächstbesten Briefträger marschiert, um Aufklärung zu verlangen. Der gelb gekleidete Mann hat sich mit Belangen rund um die Post schließlich auszukennen.  

Smartphones mit ihren innovativen Innovationen gab es noch keine, und was eigentlich ein Internet ist, wussten viele Jugendliche wohl auch nicht so genau. Hauptsache es tut nicht weh.

Bundeskanzler war der Schröder Gerhard, während Miss Merkel nach wie vor mit ihrer leicht unvorteilhaften Frisur daherkam. Also diesem Haarschnitt vor ihrem politischen Ämter-Aufstieg vier Jahre danach. Ihr wisst schon. 

Fußballspieler waren noch in erster Linie Sportler und keine Werbe-Testimonials mit gläserner Fassade. Sie konnten, wenn ihnen danach war, sogar mal einen trinken gehen, ohne ihre bierseligen Grimassen sogleich im world wide web bewundern zu müssen. Eine Spielstätte hieß Stadion, nicht Arena, und war anstelle von Banken nach Flüssen benannt. Die Spieler wollten nicht in dreifarbigen Modetretern Eindruck schinden. Sie liefen geschlossen in schlichten schwarzen Schuhen auf. Wie sich das gehört(e). 

 

Der verdammte Pott

 

Der FC Bayern München absolvierte eine in Teilen grausame Saison 2000/2001. Das Starensemble bot meist einen Fußball, der Kaiser Franz auf der Tribüne die Zornesröte ins Gesicht trieb. Die nackten Fakten waren kaum betörender: Man unterlag Großstadtklub Unterhaching ebenso wie Absteiger Frankfurt, und das sogar im eigenen Stadion. Darüber hinaus leistete Bayern aktive Aufbauhilfe Ost, indem von vier Partien gegen Rostock und Cottbus drei verloren gingen. Im DFB-Pokal wurde dem Regionalliga-Klub Magdeburg durch das Erreichen der nächsten Runde eine satte Zusatzeinnahme beschert.

 

Eine Vielzahl der Spieler näherte sich der 30 oder war bereits darüber hinaus. Von der Truppe, die 1999 in Barcelona diesen epochalen Genickschlag erlitten hatte, waren außer Basler und Matthäus alle Eckpfeiler übrig. Das Bayern-Team anno 2001 hatte einen Traum und ein Ziel: Diesen „verdammten Pott“, wie es der Leader Stefan Effenberg ausdrückte, nach München zu holen. Das Drama von Camp Nou, als sie den Cup schon in den Händen hielten und er ihnen von Manchester United erst in der Nachspielzeit entrissen wurde, wirkte als Motivationsspritze mit Tendenz zur Überdosis. Noch in der Nacht der brutalsten aller Niederlagen formierten sich die Geschlagenen und bildeten unter den Anführern Effenberg und Kahn einen Schwur: Nein, das konnte es nicht gewesen sein. So nicht. Wir holen uns dieses Ding! Koste es, was es wolle.

 

Die Bayern besaßen gewiss nicht die spielerische Klasse und jene verschnörkelte Leichtigkeit, womit sich der spanische Renommierklub Real Madrid zu „Galaktischen“ apostrophierte. Aber sie hatten Kampfgeist in die Waagschale zu werfen. Und Leidenschaft. Und ganz besonders eines: Willen. Unbändigen Willen. 

 

International rissen sie sich zusammen. Die Bundesliga nahmen sie irgendwie am Rande mit. Meister waren sie oft genug geworden. Nebensache. Trotzdem sollten sie es wieder schaffen in diesem aberwitzigen Krimi von Hamburg, als Patrik Andersson den indirekten Freistoß zum bayerischen Kulturgut stilisierte. So kam es, dass sie quasi ein Meister aus Versehen wurden. Und einer mit neun Saisonniederlagen. Wieder ein Rekord...

 

In der Champions League überstanden sie selbst die kaiserliche Schelte nach dem 0:3 von Lyon: „Uwe-Seeler-Traditionself!“ Im Viertelfinale nahm man Rache an Manchester, im Halbfinale eliminierte man Real. 1:0 auswärts. 2:1 daheim. Gegen United. Gegen Madrid. Bayern hatte wieder das Finale erreicht. 

 

Der 23. Mai 2001 war ein sonniger Frühlingstag. Die warmen Temperaturen passten zur Gemütslage des zehnjährigen Fünftklässlers, der plante, am selben Tag in den Münchner Tierpark zu reisen. Ein Geburtstag wollte gefeiert werden. 

 

-> Teil 2


September 2012