21 Sommerschlussverkauf

 

Die letzten August-Tage sind in der Bundesliga seit jeher durch heißgelaufene Faxgeräte, ans Verglühen grenzende Telefondrähte und eine erhöhte Schlagzahl an Blitzüberweisungen gekennzeichnet. Untrügliche Zeichen: Das Transferfenster schließt. Zwar weiß keiner so genau, wann es überhaupt geöffnet hatte, das ging wohl in den Schimpftiraden im Zuge der deutschen EM-Abreise unter. Und auch von überdimensionierten Putzkolonnen zur regelmäßigen Pflege des Fensters ist nichts bekannt. Doch die Top-Manager behalten selbst bei verschmutzten Scheiben immerzu den Durchblick. Da sind Abkommen über Gehalt, Vertragslaufzeit und Siegprämien schon in Stein gemeißelt, ohne dass der Spieler überhaupt im Lande ist. In München wischen sich die Chef-Ärzte Rummenigge und Sammer heute noch den Schweiß von der Stirn angesichts der schweren Geburt dieses wahrhaftig dicken Brockens. Popstar-ähnlicher Rummel entstand ihnen zudem bei der ärztlichen Untersuchung des jüngsten Familienzuwachses, die zu stark vorgerückter Stunde vonstatten ging. Als dieser obligatorische Check nämlich rein zufällig von neugierigen Passanten beobachtet wurde (andere nennen es Investigativ-Journalismus), bekam die ganze Szenerie skurril-mystische Facetten. Irgendwie war es, als ob in München in jener Nacht eine Bombe explodiert wäre. Vollkommen kontrolliert natürlich. Und, besonders wichtig: Mit gutem Ausgang...

 

Anderntags losten schick gekleidete Damen und Herren und einige ehemalige Fußball-Stars mit Bauchansatz im feinen Monte Carlo die Gruppen für die Champions League-Saison aus. Während der FC Bayern jeden Cent seines kostspieligen Spanien-Imports braucht, um gegen Lille und BATE Borisov wenigstens eine Außenseiterchance zu besitzen, hätte sich der Rivale aus dem Westen seine Ausgaben für ihren Rolls Reus schenken können. Wer dieses Freilos nicht im Vorbeilaufen zu lästigen Pflichtübungen abstempelt, wird auch im Liga-Alltag Probleme kriegen. Madrid ist schließlich nicht Mainz. 

 

Beim HSV herrschte besonders rege Betriebsamkeit in den Konferenzräumen. Das irritiert, war von einer Teilnahme am Europapokal, welche ein Aufmotzen des Kaders noch nötig machen würde, doch eigentlich keine Rede. Höchst seltsam. Quasi im Stundentakt aber wurde Vollzug vermeldet, erst Jiracek, dann Badelj, da sah man die Spuren, die Einkaufs-Meister Magath dort hinterlassen hat. Den Königstransfer sparten sie sich für die letzten verbleibenden Momente auf. Dramatisch klug inszeniert tickte die Uhr unbarmherzig herunter, feilschten die HSV-Bosse mit Tottenham um Millionen und vielleicht um die Gunst von Sylvie van der Vaart, ehe alle zufrieden waren und endlich weißer Rauch aufstieg. Ergebnis: Rafael wieder Prachtstück auf dem Rasen, seine Gattin auf der Tribüne. Nur die Londoner gucken in die Röhre: Sie verlieren einen Spieler und eine Spielerfrau. Wahrlich kein Supertalent, der Spurs-Manager.  

 

Zur Abwechslung seien mir abschließend zwei Absätze Ernsthaftigkeit gestattet. Unsere Gesellschaft ist Sensations-gierig, hypt die sogenannten Stars rasch in den Himmel und lässt sie im Misserfolg umso tiefer fallen. Sämtlichen Online-Medien war die bahnbrechende Neuigkeit, dass Bayern-Messias Martinez sein erstes Trainingsspiel verloren hat, eine Ticker-Meldung wert. Im Grunde kann einem der junge Baske leid tun. Keinen Schritt wird er gehen können ohne die versammelte Meute, die ihm auf die Füße schaut, jede Bewegung ziseliert, beim ersten Fehlpass ihr Oberlehrer-Gesicht aufsetzt und vorrechnet, wie viel Geld der FC Bayern durch seine Verpflichtung sinnlos verbrannt hat. Gar nicht auszudenken die künstlich entsetzten Reaktionen nach der ersten Niederlage, bei der Javi Martinez aktiv mitwirkt. Nein, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. 

 

Wenn allein 100 Medienvertreter und 20 Kamerateams bei der offiziellen Vorstellung aufkreuzen, lässt sich das viel zitierte Brennglas der Öffentlichkeit, unter dem er fortan steht, leicht abschätzen. Ich kann und will dieses aufgebauschte Heldentum weder verstehen noch unterstützen. Auch deswegen endet dieser Eintrag mit dem Beweis, dass sich die (Fußball-)Welt weiter dreht und aus der Martinez-Zone Gassen nach draußen auf die Hauptstraße führen. Man mag es ja kaum mehr glauben. Ein Auszug aus den Transfer-News vom 31. August:

 

 

16.31 Uhr: Zweitligist MSV Duisburg hat Xhelil Abdulla vom holländischen Erstligisten De Graafschap verpflichtet. Der 20-jährige Mazedonier ist ablösefrei." 

 

August 2012