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Wir sollten noch einmal über Olympia philosophieren. Die Spiele mögen ja ganz hervorragend gewesen sein, euphorisch, stimmungsvoll, mit prall gefüllten Sportstätten und wider Erwarten ohne das große Verkehrs-Chaos (was freilich daran lag, dass die desinteressierten Londoner ihr Heil allesamt im Exodus suchten und fanden). Selbst die scheinbar unvermeidliche Kostenexplosion ist ausgeblieben. Und aus deutscher Sicht lief es auch recht annehmbar. Stabhochspringen war zum Beispiel ein echtes Highlight. Otto und Holzdeppe gegen den Rest der Welt und am Ende nur dem ollen Franzosen unterlegen - Chapeau! 

Jedoch muss Kritik erlaubt sein. Standen denn die sogenannten Kampfrichter nur zur Zierde da, um ihre - mit Verlaub - lächerlichen Hüte präsentieren zu können? Es wirkte fast so. Speziell hatten sie es auf die Deutschen abgesehen. Die Läuferin erklärten sie vorübergehend für disqualifiziert, und keiner wusste, warum. Da hat wohl der Schiedsrichterassistent des Helmer-Phantomtors von 1994 einen neuen Job als olympischer Aufpasser ergattert. Naja, und der Hammerwerferin wurden mal eben fünf Weitenmeter geklaut. Klarer Fall von: Gar nicht Great, Britain. Ulkig sah es dann aber schon aus, wie in Zeiten hochmoderner technischer Ausstattung das gute, alte Maßband herausgekramt werden musste. Ein äußerst netter Anblick - von den Kopfbedeckungen der Maßband-Verleger/-innen mal abgesehen.

 

Olympia bedeutete den Ausgangspunkt, den ersten Dominostein zur Wiederaufnahme sportlicher Betätigungen, und danach jagte ein Höhepunkt den nächsten. Zunächst stellte ein Münchner Fußballverein das Binnen-Kräfteverhältnis wieder gerade und wurde im Anschluss daran völlig zurecht mit einem Pokal, Konfettiregen und vor allen Dingen der - dem feierlichen Anlass entsprechend - passenden Melodie geehrt: We are the Champions. 

So schloss sich doch noch ein Kreis. Wenn auch mit ein bisschen Verspätung. Nämlich, wie sich ein Sieg beim Finale dahoam 2012 anfühlt. Allerdings vermisste ich den Autokorso zum Marienplatz und, logisch, die Weißbiergläser. Ein paar Tage später wurden die Hintergründe offensichtlich: Denn für den ersten Empfänger der Trophäe war nach dem Supercup vor dem Kreißsaal. Mittlerweile dürfen wir gratulieren: Herzlichen Glückwunsch ins Hause Lahm! Am Mittwoch erblickte der kleine Julian das Licht der Welt. Gesund, munter und quietschfidel. Wie es sich für seinen Nachnamen gehört, war er keine Frühgeburt. Wäre es jedoch ein Mädchen geworden, hätte Papa Philipp seine Verbundenheit zum FC Bayern München demonstrieren können - indem er und seine Frau das Kind auf den entzückenden Namen Mia getauft hätten. Getreu dem Vereinsmotto: 




















Philipp Lahms stressige Woche setzte sich unverzüglich fort. Weil er nicht nur Spielführer der Bayern, sondern gleichzeitig auch der Nationalmannschaft ist, stellte das abendliche Länderspiel gegen Argentinien natürlich einen unverzichtbarer Pflichttermin dar. Mehr als vom reinen Ergebnis konnte er hinsichtlich seiner verantwortungsvollen Ämter natürlich durch den Vorzeige-Rhetorik-Kurs seines Kapitän-Vor-Vorgängers Oliver Kahn profitieren. Dessen mit schwungvollen Elan vorgetragenes Loblied auf die deutsche Elf freute Löw und Bierhoff so sehr, dass sie gleich einstimmten in den Titan‘schen Chor öffentlich-rechtlicher Beweihräucherung. Die schwarz-rot-goldene Auswahl befindet sich auf dem besten Weg zum Titel, darin sind sich alle Beteiligten einig. Nur über den exakten Zeitpunkt gibt es noch kleinere Unstimmigkeiten. Hört man Löw so reden, hat er eine großzügige Spanne von etwa 2006 bis 2010 im Visier. Es ist einzig zweifelhaft, ob die Mannschaft dann nicht bereits überaltert daherkommen wird. Nach einigen Auswechslungen war Schalkes Höwedes mit 24 Jahren der Senior auf dem Feld. Die Gefahr, dass ein Großteil des Teams bald seinen Zenit überschreitet, droht akut zu werden. Man denke da an Götze oder Torwart ter Stegen. Herr Löw, bitte handeln sie. 

 

Handeln, und damit wenden wir uns bis zum tückischen WM-Quali-Auftakt gegen die Färöer Inseln von unserer geliebten Nati ab, hat auch Lahms Brötchengeber auf der Agenda stehen. Jetzt platzte die Bombe und hat 40 Millionen in die Umlaufbahn befördert. Richtung Spanien soll der Zaster gehen, das kann dem Schuldenstand von La Liga nur guttun. Erneut schafft Deutschland also finanzielle Abhilfe für Krisengebiete. Diesmal scheint das Geld sogar ausnahmsweise sinnvoll investiert. Der Baske Javi Martinez soll ein Bayer werden. Jedenfalls beabsichtigen das zwei von drei involvierten Parteien: Martinez und Bayern. Nur Bilbao sträubt und windet sich nach wie vor. Ein zäher Poker. Vielleicht sollte man am Besten H. Geißler zu Rate ziehen. Der kennt sich aus, wenn es ums Schlichten geht. Zumindest hat er Erfahrung in Streitgesprächen. Wäre ja ein Anfang. 

Eine endgültige Lösung dieser Personalie stand, wie heißt es doch so schön, bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe noch nicht fest. Cool: Das wollte ich immer schon mal schreiben. 


August 2012