2 Kennen Sie das auch? 

 


Januar 2014. Sie denken von morgens bis abends an Fußball? Sie glauben, dass er Ihr Leben vereinnahmt hat? Sie befürchten, ihn zwanghaft konsumieren zu müssen? Sie konfrontieren sich selbst mit der Frage: Bin ich ein Suchtopfer?

 

Das muss nicht sein. Lesen Sie den folgenden Abriss aus dem Alltag eines durchschnittlichen deutschen Bürgers. Studieren Sie seine Verhaltensmuster, vergleichen diese mit Ihrer persönlichen Situation und ziehen, natürlich anonym, entsprechende Rückschlüsse. Wichtig: Sollten Sie sich in mehreren Punkten erkennen oder gar imitiert fühlen, empfehlen wir Ihnen, die tägliche Dosis Fußball temporär zu verringern. Rein präventiv.  

 

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Montagmorgen. Der Wecker klingelt, Sie hören ihn nicht, er klingelt nochmals, Sie wollen ihn nicht hören. Am Vortag hat Ihr Verein, nehmen wir aus repräsentativen Gründen den FC Bayern München, einen (weiteren) bedeutsamen Sieg davongetragen. Die Feier ist länger ausgefallen, sie zehrt noch immer an Ihnen und besonders Ihrem Schlafkonsum. Der Wecker klingelt zum dritten Mal, das heißt, er klingelt nicht, er summt die Melodie zum „Stern des Südens“. Ein vertrauter Refrain, der Ihnen den Start erleichtern müsste. Aber das Leben ist kein Konjunktiv. Sie simulieren Wehleidigkeit, weil das bei den Italienern 2006 so unverschämt erfolgreich war und Sie auch einmal Weltmeister in Deutschland sein wollen. Um die Sache abzukürzen: Eine halbe Stunde später plärrt Ihre nicht Fußball-affine und daher leidgeprüfte bessere Hälfte etwas Unverständliches durch die Wohnung. Ohne Einlauf und Anpfiff sehen Sie selten einen Ansporn, Ihre schlaffen Muskeln in Bewegung zu bringen. 

 

Ein kurzer, aber beherzter Spurt in die Badstube, dann geschwind hinunter an den Frühstückstisch. Sie diskutieren mit Ihrer Frau, werfen zum Streitschlichten eine Münze, verlieren selbstverständlich und spielen zunächst auf die gegnerische Visage zu. Die Zeit drängt, schon zwanzig Minuten auf der Uhr und noch keine nennenswerte Aktion. Sie erkundigen sich (in ähnlich liebreizendem Ton wie die werte Gattin zuvor) über die Verfügbarkeit von Beilagen und reagieren nach negativem Befund entsetzt: „Eier, wir brauchen Eier!“

 

Hastig stopfen Sie Kohlenhydrate in sich hinein, die Halbzeit neigt sich dem Ende entgegen, jetzt aber flott, der Zug wartet nicht. Sie verlassen das Haus, hetzen zurück - wie schusselig, Schienbeinschoner vergessen. Ein paar Triple-Schritte, hinein in den Zug, der Bahnwärter pfeift ab. Pause. Erstmal regenerieren. 

 

Die Abteilung ist bis zum Bersten gefüllt, trotzdem stehen Sie passiv im Abseits, da weniger als 60.000 Gleichgesinnte um Sie herum sind (für Menschen in Leverkusen gilt: 7.000 bis 15.000). Hätten Sie doch das Auto genommen, ärgern Sie sich, während Ihnen in Gedanken eine edle Karosse vorschwebt. Ein Rolls Reus muss es nicht sein, aber der Aston Martinez gefällt Ihnen. Sie sind konservativ, wollen nur bei Profis einkaufen, was läge näher als ein Besuch der Mercedes-Benz-Arena? Ganz einfach: Der Audi-Sportpark. Einen neuen Bayern-Anhänger benötigen Sie ohnehin. 

 

Immer diese Abwehrkräfte...

 

Der Zeiger schlägt Alarm: Tak-tik. Tak-tik. Pünktlich auf die 90. Minute erreichen Sie Ihren Arbeitsplatz, aber Sie wirken urlaubsreif. Schal und mit Fahne begrüßen Sie Ihre Kollegen, mit Vereinsfahne, richtig, der gestrige Sieg. Ihr Eifer hält sich in Grenzen, man kann nicht behaupten, dass Sie offenkundig Foul wären, eher versteckt. Überraschenderweise bekommen Sie just die dritte Luft, als Ihnen Ihr Chef wild gestikulierend Anweisungen erteilt, das spornt an. Beim Schreiben von Mails und Berichten erhalten Sie bei jeder Leerzeile einen Absatz-Kick. 

 

Ihr Sitznachbar, mehrfacher Doktor, ist Halbspanier. Sie mögen ihn nicht sonderlich, neiden ihm den Doppelpass aber nicht. Die vielen Titel schon. 

 

Sie schöpfen Kraft aus Ritualen, wie zum Beispiel dem täglichen Meditieren um 15:30 Uhr, ein Zeremoniell, das Sie mit dem ersten geköpften Bier und einer leckeren Bratwurst begehen. Innerlich bereiten Sie sich ausgiebig auf den Moment der Wahrheit vor. Circa ab 9:23 Uhr.

 

So viel Stress. Sie überlegen, was am Abend unternommen werden könnte. Kochen vielleicht? Nein, die Hitzefelder am Herd sind Ihnen suspekt. Ab in den Zoo? Auch nicht, weder die Aussicht auf Ziege noch Fuchs oder Schaaf kann Sie begeistern. Musik? Neulich waren Sie auf einem Konzert von Fergie, wurden allerdings bitter enttäuscht, weil kein Kaugummi das Playback enttarnte. Auch die Vorstellung von One Republic konnte Sie nicht erheitern, hatten Sie in naiver Annahme doch Jogis Jungs erwartet. 

 

In der Kahntine gibt es, wie jeden Tag, ein klein ausgefallenes Lahmkotelett mit Semmelklose, die so schmecken, als wären sie etwas älter. Der Fraß führt die Serie A der ungenießbaren Mahlzeiten fort.  

 

Das Essen liegt Ihnen schwer im Magen, Sie sind matt statt satt, merken, wie eine Krankheit Ihren Körper befällt. Die Abwehrkräfte schwächeln, wieder einmal. Sie bitten ihren Vorgesetzten, heute eher ausgewechselt zu werden, nicht ohne zu versichern, die verlorene Zeit nachzuspielen. Als die obligatorischen drei Minuten vorüber sind, zeigen Sie sämtlichen anwesenden Personen den erhobenen Daumen, pusten kräftig die Backen auf und zollen der Empfangsdame mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen Tribut für ihren Einsatz. Beim Arzt bieten Sie einen Tausch der Hemden an, doch letztlich sind Sie es - und nur Sie -, der sich seines Oberteils entledigt. Wohl kein Samm(l)er.  

 

Ein Jahr bis zum Abstieg

 

Der Arzt diagnostiziert eine chronische Leistungszerrung, diesen Schreck betäuben Sie gewissenhaft mit einer Glanzparade Glimmstängel. Rauchen ist eine heimtückische Sucht, immerhin beweisen Sie Identifikation bei der Wahl ihrer Zigarettenmarke. Ihre Entscheidung am Automaten deckt sich mit der Tribünenseite Ihrer Dauerkarte: West. 

 

Kaum haben Sie den Qualm in die Lungen gesogen, verbessert sich Ihr Gesundheitszustand. Sie beschließen, spontan Ihr Wunschauto Probe zu fahren. Die Spritztour verläuft prächtig, Sie meistern sogar den Nürnberg, eine Erhebung mit enormen Gefälle, die ehrfurchtsvoll Steil-Pass genannt wird. In der Regel beansprucht der Abstieg ein Jahr, Sie aber sind schneller. Und werden übermütig.

 

Galant ignorieren Sie, wie eine Ampel von gelb auf rot schaltet. Sanfter Druck eskortiert Sie zum nächsten Parkplatz, die ergatterten Punkte sind kein Trost. Sie schlendern ziellos umher, zufällig taucht ein Friedhof auf, Sie betreten ihn und lassen in einer perfiden Mixtur aus Frust und Trotz sowohl Kinderstube als auch Pietät vermissen: „Steht auf, wenn Ihr Bayern seid...“

 

Der Polizeihauptkommissar (Fan des TSV 1860) verhaftet Sie wegen Nötigung. Auf dem Weg zum Gericht beobachten Sie einen Bauern, der mit dem Traktor ein Feld umpflügt. Sie fragen den Wachtmeister: „Ist das Mertes Acker?“ Keine Antwort. 

 

Sie bleiben wissbegierig. In der kurzfristig anberaumten Verhandlung erkundigen Sie sich beim auf der rechten Flanke befindlichen Staatsanwalt, ob er der Linien-Richter sei. Um Schaden abzuwenden, haut Ihr Verteidiger brachial dazwischen, die Fetzen fliegen, und Sie fügen sich reumütig: „Ein Tor ward ich.“ 

 

Bevor Sie, ohne Straf-Stoß, gen Heimat aufbrechen, heben Sie massig Geld von der Bank ab - als Hommage an Reservespieler des FC Bayern. Rasch kehren Sie noch beim Friseur ein, der Ihnen viel Schnitt verpassen soll. Gesagt, getan, die Geheimrats-Ecke wird direkt verwandelt. Grégory Toupet sieht schlecht aus. 

 

Natürlich liegen elf Meter zwischen Einfahrt und Haustür, solche unwesentlichen Details sind Ihnen nicht unwichtig. Nachbarn tuscheln außerdem, warum Ihr Gartentor exactement 7,32 Meter mal 2,44 Meter misst. Warum die Pfosten weiß gestrichen sind. Und warum Sie immerzu ekstatisch auf Knien herumrutschen, sobald das Tor (zu)fällt. 

 

Held der Tassen

 

Gemütlicher Ausklang eines anstrengenden Arbeitstags? Pustekuchen. Die Ehepartnerin - sichtlich erfreut über Ihre verfrühte Anwesenheit - schickt Sie zum Einkaufen, ein bisschen hiervon, ein wenig davon, und ans Gebäck sollen Sie denken. Weihnachten steht an (in elf Monaten), Sie lechzen nach Stollen, kehren allerdings mit leeren Händen zurück, weil das Sportgeschäft Ihres Vertrauens bloß Noppen im Angebot hat. Um die Maid nicht weiter zu vergrätzen, bieten Sie gönnerhaft ihre Mithilfe im Haushalt an; Geschirrspüler ausräumen, den Müller rausbringen, sieh nur, so viel Dreck auf dem Regal. Völler Elan feiert der rekonvaleszente Putzlappen sein Comeback und wird mit einem Abstauber zum Held der Tassen. 

 

Ihr Kind fällt Ihnen um den Hals, Sie lächeln - mit Hannover 96 haben Sie kein Problem. Sie verabreichen Ihrem Filius (7) eine Maxipackung Fruchtzwerge, damit er einmal Kroos und Starke wird. Als fürsorgender Vater registrieren Sie, dass sich Ihr Sohn in einem kritischen Stadion der Persönlichkeitsentwicklung befindet. Daher unterstützen Sie ihn bei den Tücken der Mathematik, besonders glänzen Sie bei Transfer-Aufgaben und der Division, die Sie Primera beherrschen. Einziger Makel: Sie jonglieren lässig mit Millionenbeträgen, tatsächlich wird der Zehnersprung behandelt. Kein Problem, prompt visualisieren Sie sich die Arjen-Robben-Story. Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, interessieren Sie sich sowieso stärker für die kicker-Noten als das Halbjahreszeugnis, welches Sie, nebenbei bemerkt, als „noch tieferen Tiefpunkt“ abkapseln. 

 

Schließlich und endlich: Abschluss, wohlverdient, die Couch ist besetzt, also lümmeln Sie sich auf die Tschämpiäns Lieg. Fernseher an, es laufen die Nachrichten, aber eigentlich laufen sie nicht, sondern traben nur, höchst gemächlich. „Basler löst Kneipenschlägerei aus!“ In der Schweiz passieren Dinge, unerhört. Sie lauschen bestenfalls mit einem Ohr, „Tagesschau“ und „Sportschau“ sind halt doch zwei Welten. Halb dösend vernehmen Sie das deutsche Militär beim Auslandseinsatz, was Sie mit den internationalen Chancen der Bund-esliga assoziieren. Und überhaupt, welch Unfug im TV palavert wird! Wie kann ein Hollande französischer Nationalspieler sein!? Wer ist diese Frau im Hosenanzug, die sonst nur beim patschigen Klatschen auf Ehrentribünen zu sehen ist? Warum wird anno 2014 das Exil Napoleons erwähnt, wo Elber schon vor über zehn Jahren nach Lyon gewechselt ist? Sie zweifeln, ob es mit Ihrer Allgemeinbildung ausreichend bestellt ist, pressen die Augen zusammen, spannen die Synapsen an - und atmen erleichtert auf. Sie können sich nach wie vor an alle Ergebnisse und Torschützen des FC Bayern bis ins vergangene Jahrtausend erinnern. Puh. 

 

Sie belohnen sich für Ihre exorbitante Intelligenz. Bier ist dummerweise restlos in der Kehl entschwunden, dafür erspähen Sie ein koffeinhaltiges Erfrischungsgetränk und sinnieren: Pep? Si! Von Tetrapack halten Sie im Übrigen nichts. Es sollte ein Dreierpack sein. Lupenrein. 

 

Erschöpft kriechen Sie unter die Bettdecke und danken, wie vor dem Einschlafen üblich, dem Fußballgott für den 19. Mai 2001. Ansonsten sind Sie nicht überaus religiös, glauben weder an Himmel noch Hölle, sondern an Sky und den Betzenberg. 

 

Ach ja, und weil Sie an jenem Spieltag die Doppelsechs testen, wird Ihre Frau neun Monate später das Pressing durchexerzieren. Wehen. In Wiesbaden. 

 

Schön, wenn Sie „echte Liebe“ dahinter vermuten.