4 C'est Zidane


März 2015

 

Frankreich testet gegen Brasilien. Bei der WM 2006, dem letzten Pflichtspiel zwischen den Nationen, wurde die Partie zur epischen Vorführung eines Genies. Zaubern mit Zidane.

 

Jens Lehmanns Zettel befand sich gerade auf dem Weg ins Museum, als die virtuose Nummer 10 noch einmal daran erinnerte, wie schön Fußball sein kann. Es war eine Demonstration der Zelebration, vielleicht war es auch umgekehrt.

 

Zinédine Zidane, dreimaliger Weltfußballer, 34 Jahre alt, sah den Karrierehorizont flirren. Der Franzose befand sich in einer Phase, in der jedes Fußballspiel sein ultimativ letztes sein konnte, er hatte es so gewollt, und er hatte es so gesagt.

 

Die Ankündigung Zidanes, seine Laufbahn nach der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland zu beenden, begleitete seine Auftritte und jene von Frankreichs Nationalauswahl. Zidane, das Sportlerheiligtum, das Denkmal in Kickstiefeln, der Mann, der die Équipe Tricolore 1998 zum Titel köpfte, dieser Zidane wanderte auf den finalen Pfaden einer langen Reise. Nach der Europameisterschaft 2004 war er vom fußballerischen Vaterlandsdienst zurückgetreten, doch als die Qualifikation für 2006 in Gefahr geriet, überlegte es sich der Regisseur nochmals anders. Er wirkte müde. Nicht satt, aber matt. Hörte der Körper nicht mehr auf die Befehle des Geistes? Oder hatte schlicht die Biologie gesiegt, war es zu spät für diese genialen Eingebungen, die Zidanes Vermächtnis begründet hatten?

 

Die Katze fährt ihre Krallen aus

 

Frankreichs Kader war eine Zusammenstellung mit wenig Platz für Talente. Der 23-jährige Franck Ribéry bildete die Ausnahme einer Truppe, die mit verdienten, aber gealterten Akteuren besetzt war: der kahlköpfige Torhüter Fabien Barthez, Außenverteidiger Lilian Thuram, die Stürmer Thierry Henry, David Trézéguet, Sylvain Wiltord. Und Zidane, Doppeltorschütze des WM-Sieges 1998. Acht Jahre später personifizierte er die Qualen der Vorrunde. Kein Esprit, keine Inspiration, ein Vortrag im verfestigen Trott. Raymond Domenechs Team mühte sich zu einem 0:0 gegen die Schweiz, es folgte das 1:1 gegen Südkorea, bei dem - Sakrileg! - Zidane, der Großmeister der Grandezza, in der Schlussminute ausgewechselt wurde. Wegen seiner zweiten gelben Karte fehlte er gegen Togo, und rasch wurden dunkle Gemälde gezeichnet: Sollte seine Karriere ihr letztes Kapitel als Zuschauer schreiben? Ohne Worte, sicherlich, er sprach mit den Füßen. Aber auch ohne Taten? Frankreich musste gewinnen, Zidane war machtlos. Und Frankreich gewann, 2:0.

 

Dann passierte irgendetwas in dieser Mannschaft. Wahrscheinlich weiß bis heute kein Mensch, was.

 

Im Achtelfinale ließen die Franzosen den Spaniern, die so brillant durch die Vorrunde marschiert waren, beim 3:1 keine Chance. Ribéry traf, Zidane legte Patrick Vieira das Führungstor vor, für den Schlussakt sorgte er persönlich. Eine Körpertäuschung, Schuss in Schräglage, die Vereinigung von Eleganz und Effizienz. Alles wie früher. Zidane, die weiße Katze, die mit dieser unvergleichlichen Geschmeidigkeit über Fußballfelder pirschte, zeigte der Welt, dass ihre Krallen noch geschärft waren.

 

Wie Azubis auf der Arbeit

 

Am 1. Juli 2006 kamen 48.000 Zuschauer ins Frankfurter Stadion, um eine Neuauflage des Endspiels von 1998 zu erleben. Frankreich gegen Brasilien. Mit Ronaldo, den sie noch immer „Il Fenomeno“ rühmten, mit Ronaldinho, dem Fußball-Fetischisten, mit Kaká, der eine Dynamik besaß wie kein zweiter. Alle Welt erwartete, dass sie die größte aller Bühnen mit Schmuck erfüllen würden, dass sie Spiele prägen und das Turnier an sich. Doch die Seleção war träge ins Viertelfinale vorgedrungen, Ronaldinho und Kaká fehlte die Frische, Ronaldo war über dem Zenit. Als es gegen die Franzosen ging, mutierten die brasilianischen Künstler zu Zauberlehrlingen, die ganz vorne beginnen mussten, beim Trick mit Hut und Kaninchen, und die sogar daran scheiterten.

 

Französische Revolution. Den Aufschwung eines ausgedienten Teams umströmte etwas Märchenhaftes. Der Siegtreffer in der 57. Minute war so zwingend wie wenige Tore bei dieser Weltmeisterschaft. Von der linken Seite zirkelte Zidane einen Freistoß auf den zweiten Pfosten, wo sich Henry davonstahl und vollstreckte. 1:0. Es war, kaum zu glauben eigentlich, im 60. gemeinsamen Länderspiel von Zidane und Henry das erste Tor, das der Stürmer auf Vorlage des Strategen erzielte.

 

Weitaus stärker aber brannten sich Szenen ein, die den Fluss des Balles am Fuß des Magiers glorifizierten. Zinédine Zidane trug goldene Schuhe, als ob er seinem Werkzeugkasten künstlich Glanz verleihen müsste. Er gab den Dozenten für Schaulustige, alles, was er anstellte, gelang. Es war, als dürften Azubis ihren Vorgesetzten zur Arbeit begleiten, sie dürften sehen und staunen und lernen, nur mitmachen dürften sie nicht. Chefsache.

 

Tanzeinlagen ohne Partner

 

In der Anfangsphase wurde Gilberto als Zidanes Leibwächter abgestellt, schon bald entzog er sich dem Job, er grenzte an Peinlichkeit. Die brasilianischen Superstars hechelten neben und hinter Zidane her, stellten und umkreisten ihn, und manchmal grätschten sie nach den goldenen Schuhen. Bloß an den Ball gelangten sie nie. Zidane beherrschte Raum und Gegner wie zu seiner Blütezeit. Locker, lässig, leicht stolzierte er durch den Mittelkreis, wich auf die Flügel aus, nahm Tempo aus der Partie und forcierte es. Wie ein menschliches Navigationsgerät dirigierte er seine Kollegen dorthin, wo er sie haben wollte. Dann eine Richtungsänderung, ein Antritt, der punktgenaue Pass. Es waren Tanzeinlagen ohne Partner, eine Ball-Nacht.

 

Zidanes Überlegenheit war kein Selbstzweck - nein, selbst der Zweck war bedient. Keine Pirouette, kein Sohlenstreichler, kein Heber diente der maliziösen Demütigung, jede Bewegung enthielt Sinn und Ziel. Er streute viele einfache Pässe ein, doch die Brasilianer waren unfähig, den Spielcode zu dechiffrieren.

 

„Seine Leistung hat sie überrascht? Mich nicht."

 

Bei so viel Hochachtung besteht die Gefahr, zur mythischen Überhöhung neigen. Lassen wir deshalb Nationaltrainer Domenech sprechen, der Fragen mit Gegenfragen beantwortete. Etwa dieser: „Seine Leistung hat Sie überrascht? Mich nicht. C'est Zidane.“ Das ist Zidane.

 

Und das auch. Neun Tage nach der Brasilien-Gala rammte Zidane seinen Schädel in die Brust des Italieners Marco Materazzi. Sein ewig rätselhafter Konflikt zwischen stoischer Ruhe und unkontrolliertem Jähzorn hatte mal wieder nach einem Ventil geschrien, diesmal als letzte, wirklich allerletzte Amtshandlung als Fußballprofi. Ohne ihn konnte Frankreich dieses Endspiel nicht gewinnen. Die Legende des Zinédine Zidane aber ließ der Ausraster von Berlin eher noch anwachsen. Denn am Ende sind es erst die Fehler und Makel, die einem Helden seine unverwechselbare Kontur verpassen.


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-> Die Erinnerung an das außergewöhnliche Spiel dieses außergewöhnlichen Spielers ist auch bei 11Freunde erschienen. Vielen Dank!