19 Phelps, der Anti-Gomez


Ulrich Hoeneß, seines Zeichens allgewaltig-omnipräsenter Oberster der Oberen beim Fußballclub Bayern München und personifizierte Herzkammer dieses feudalen Gesamtkunstwerks, sah sich vor kurzem erneut genötigt, kräftig auf den Putz zu hauen. Würden wir uns nicht in der depressiven Zeit zwischen den Spielzeiten aufhalten, wäre selbigem gar keine große Beachtung beizumessen. Der Haken: Wir befinden uns zwischen den Spielzeiten. Da ist der verhinderte Olympionike - sprich: der deutsche Schwimmer - froh über alles, was mehr Charme als stupide Konditionstrainingslager versprüht. Also rekapitulieren wir des Würstl-Ulis Eruption. Entstanden ist sie nicht etwa aus schmelzendem vulkanischem Gestein, nein, nein. Der Ursprung liegt im Bauch-Bereich von Hoeneß. Und weil die Schöpfung dort für ein wenig Aufenthaltsraum gesorgt hat, birgt dieses Areal stets ein gewisses Potential in sich. Beim Präsidenten beschwört es üblicherweise drohende Magengeschwüre herauf. In einem bestimmten Rhythmus dringen sie nach draußen. Zuletzt vor ein paar Tagen. Da hat Hoeneß in gewohnter Manier erst tief ein - und sogleich noch voluminöser ausgeatmet und über seinen Mittelstürmer gepestet. Der unverrückbare Urteilsspruch lautete: „Gut, aber nicht sehr gut!“ 

Peng! Worte wie Donnerhall. Es war allerdings an der Zeit, dies von höchster Stelle abgesegnet zu kriegen. Geahnt haben wir es schon lange. Aber dem Mehmet wollte ja keiner glauben. 

 

Gut, nicht sehr gut - eine brillante Steilvorlage. Die Probe auf‘s Exempel liefert momentan eine schier unendliche Teilnehmermasse in einer relativ großen Stadt Großbritanniens. 

Wenn Athleten aus aller Welt nach jahrelanger, intensiver Vorbereitung an einem Platz auf der Welt zusammenkommen, in einem eigens geschaffenen Dorf wohnen, dessen Postleitzahl ein fortwährendes Mysterium bleibt, einander in den teilweise abenteuerlichsten Sportarten messen, dabei kämpfen, rackern, schreien, kreischen, jammern, stöhnen, jubeln, toben, heulen, flennen und in Metall beißen - dann weiß man: Es ist Olympia. Wie schön.

 

Die ehrfürchtige Fackel spendet traditionell das Licht, weil die Veranstalter die sich ansonsten auftürmenden horrenden Stromkosten nicht stemmen könnten. Der Geist der fünf Ringe verbindet die Beteiligten in einem olympischen Schwur. Also der vom Dabei-sein-ist-alles und so. Welche eine Heuchelei. Die deutsche Schwimmauswahl soll ebenfalls mitgemischt haben - und, waren sie glücklich als FC Schalke 04 des Wasserbeckens? Nein, waren sie nicht. Erstmals seit 80 Jahren sprang nichts Zählbares aus dem kühlen Nass. Das mit der langen Zeitspanne hat mich inspiriert, deshalb der Schalke-Vergleich. Ist aber nicht böse gemeint, liebes Schwimm-Team. Ihr seid gut - nur leider nicht sehr gut. 

Michael Phelps ist hingegen eindeutig das Bayern München unter den Mensch gewordenen Delfinen: Der Rekordmeister. 22 Mal Edelmetall, das eifert ziemlich genau dem heimlichen Vorbild nach. Kategorie: Sehr gut. Ein Anti-Gomez. 

Auch das schnellste lebende Fortbewegungsmittel, Usain Bolt, hat erkannt, wem er seine Erfolge maßgeblich zu verdanken hat und würdigte öffentlich den Anteil von Doktor Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (seit jeher ein Name, der mich fasziniert). Äußerst löblich. Der bayerische Einfluss musste es mal wieder richten. Kein Wunder.




















Aber sonst? Wo bleibt beispielsweise das angemessene Preis-Leistungs-Verhältnis? Ein Sportreise-Veranstalter warb stolz mit seinem Angebot, Rundum-sorglos-Pakete bereits unter 1000 Euro zu offerieren. Das hat mich stutzig werden lassen, und so habe ich meine betriebswirtschaftlich angehauchte Seite zur vollen Entfaltung gebracht. Sorry an das Reiseunternehmen, aber der Einfachheit halber rechnete ich mit dem aufgerundeten Wert von 1000 Euro. Als konkretes Anwendungsbeispiel dienten die populären 100 Meter der Männer. Mal ganz abgesehen davon, dass der Gewinner eh schon vorher feststeht (dieses Phänomen kennen wir schließlich auch vom Fußball, jeweils bei Beteiligung des FC Bayern), ergab meine Kosten-Nutzen-Analyse ein verheerendes Endergebnis. Zieht man die erwartete Dauer des Wettkampfes heran, die von eben erwähntem Jamaikaner diktiert wird, korrigiert auch diese Zahl (der Gleichberechtigung wegen) auf die nächsthöhere, runde Komponente, so ergeben sich durchschnittliche Ausgaben von 100 Euro pro Sekunde! Nun bin ich weder von RTL, noch profiliere ich mich an solch dramatischen Verlustgeschäften durch aktionistische Handlungsempfehlungen. Daher lautet die Diagnose schlicht und prägnant: Gut? Sehr gut? Pah - ungenügend! Und etwas sentimentaler: Das Portemonnaie hat es leider nicht geschafft. Mein Beileid. 

 

Irgendwie will bei mir kein rechter olympischer Enthusiasmus Einzug halten. Diese seltene und gleichermaßen unheilbare Verhaltensweise hat mehrere Gründe. Hecheln etwa die Testosteron-Vertreter um die Wette, fehlt mir persönlich der sich langsam aufbauende und sich selbst verstärkende Spannungsbogen bis zum Höhepunkt - dafür sind alle viel zu früh im Ziel. Ein Fußballspiel dagegen kann eineinhalb Stunden noch so öde sein, aber durch ein Abseitstor zum 1:0 in der 90. Minute in einen Kessel der Emotionen ausarten. 

Außerdem verwirren die verschiedenen Verhältnisse: Werden beim Fußball Gegenstände durch die Luft geschmissen, hagelt es Strafen und Proteste. In London gibt es dafür Medaillen. Und Arbeit für lokale Schneidereien. Zerrissene Trikots wollen geflickt werden. Und zwar nicht nur gut - sondern gefälligst sehr gut. 

 

Merkwürdiges Olympia. 


August 2012