21 Na, sprachlos!?


- Juni 2013 -


Die Fußballwelt ist perplex: Durch den Torbogen der göttlichen Inszenierung trat eine durch und durch menschliche Kreatur. Das hatte man nicht erwartet.

 

Pep Guardiola war vorbereitet. Rhetorisch, optisch, gut. Eleganter Dreiteiler, bordeauxrote Krawatte, keine hellblaue wie einst der Buddha-Fetischist, der gedachte, jeden Spieler jeden Tag in den Komparativ zu versetzen. Und Deutsch kann Pep Guardiola auch besser als der schwäbische Berufsoptimist von 2008. Charmant lächelte er lästige wie unnütze Adverbien, grammatikalische Bosheiten und skurrile Substantive beiseite, biologisch wertvoll fasste er sich verschämt an sein Riechorgan, womit anschaulich das Prinzip der „Übersprungshandlung" dargelegt wurde. Lernen von Pep. Das Auditorium fiel ergeben auf die Knie.

 

Da glaubte man also, beim FC Bayern würde inzwischen alles zu Gold, was in der Klinsmann-Steinzeit modrig vor sich hin vegetierte. Drei Titel eingefahren, Barcelona barcelonaesk düpiert, Dortmund den Kopf unter Wasser gehalten. Dann geschmeidig Josef durch Josep ersetzt, übergangslos von rheinischem Sauberbraten auf spanischen Schinken umgesattelt, und schließlich eine Pressekonferenz organisiert, wo russische neben südkoreanischen Reportern hockten und am Ende doch Uli Köhler von Sky die Fragen stellte.

 

Guardiola beantworte sie trotzdem. Sein Einstand war entzückend. Wie er sich expressiv artikulierte („Grüß Gott!"), wie er mit schwerem deutschen Vokabular anrückte („Herausforderung!"), wie er mehrfach sein Lieblingsfach in der Schule offenlegte („Geschichte!"). Wie er zudem gluckste, wenn er nach dem Wort der Weisheit fahndete. Das war amourös.

 

Doch gerade als man darauf wartete, ein bayerisch-barockes „mia san mia" aus den Pep'schen Lippen zu erhalten, quasi zum Zeichen der modernen Weltanschauung, unterlief dem himmlischen Abgesandten sein einziges Malheur des Tages. Es war ein unbedachter Augenblick, der wie ein Wischer aus dem Bild entfloh. Möglicherweise hatten Guardiola der heitere Pressechef Hörwick, die honigkuchenpferdigigen Uli und Kalle oder der schrecklich nüchterne Matthias Sammer in einen Zustand der Trance versetzt, unbewusst. Vermutlich war Pep eingelullt von der unkontrollierten Extra-Freisetzung an Glückshormonen, die seine Flanken ausschütteten, während Sammer feurig über die „Konstellation" referierte.

 

„Es ist eine große Ehre für mich, Vorgänger von Schupp Hänkiss zu sein", bekannte Pep. Ertappt, verplappert. Heynckes ruht sich ein Jahr auf seinen Lorbeer-Kissen aus und übernimmt dann erneut das Ruder. Jupp, der Fuchs. Guardiolas unfreiwillige Eloquenz in Zukunftsbelangen entblößte indes sein Mindesthaltbarkeitsdatum. Ein kleiner Fauxpas. Womit wir einerseits wieder bei den skurrilen Substantiven des deutschen Sprachdschungels wären, und andererseits bei der Handhabung dieser fiesen Buchstabendreher. Frag nach bei Mario Götze, der aktuell an seinen Memoiren schreibt. Kapitel für Kapital. Oder umgekehrt. Es wird ein teures Buch.

 

Der Poet aus dem Pott

 

Im Sog des Guardiola-Strudels werden die edelsten Stühle gerückt. Carlo Ancelotti zu Real Madrid. Laurent Blanc nach Paris. Jörg Schmadtke zum 1. FC Köln. Der Fußball außer Fugen. Was kommt als nächstes? Dante als Torschütze? Martinez als verkappter Stürmer? Tymoshchuk wieder im Bayern-Training?

 

Apropos Training. Am Ende der ersten Woche ist Ernüchterung eingekehrt. Zum angepriesenen Dehnen und Stretchen pilgerten keine 70.000 Anhänger in die Arena wie Muslime ins Mekka. Nicht einmal die grob überschlagenen 25.000 Fantasten hatten Heimat und Familie hinter sich gelassen, um den ersten beiden Audienzen des Gesegneten beizuwohnen. Es kamen weniger als die Hälfte. Lag es an der abstoßenden Aura des ewigen Nihilisten Matthias Sammer, der Haare haben könnte, aber dies nicht wünsche? Oh nein, trommelte sogleich der Poet aus dem Pott. Die Leute würden dem mystischen Treiben „nicht wegen, sondern trotz Matthias Sammer" fernbleiben, bemerkte Peter Neururer - höflich, aber bestimmt.

 

Josep Guardiolas besungene „Strahlkraft" ist zwar in der Tat exorbitant, die Stadionbeleuchtung aber ersetzt sie mitnichten. Auch die blasierte These, der FC Bayern würde vom Gegner fortan mit einer tiefen Verbeugung begrüßt, wurde widerlegt, und entgegen naiver Annahmen wird es beim Anpfiff weiterhin 0:0 stehen. Selbst die Maße der Tore haben sich nicht qua Anwesenheit in Breite und Höhe gestreckt. Wie respektlos von ihnen.

 

Als die Journaille die geerdeten Verhältnisse registrierte, schaltete sie in den Stur-Modus. Und als sich der weiße Rauch endgültig verzogen hatte, passte Pep einen Ball über fünf Meter zu einem 17-jährigen Nachwuchsspieler - der ihn zurück passte. Aus der Zauber. Die Medien hatten sich solche Mühe gegeben, allzu preziös einen zweiten Äther zu erschaffen, nun aber raunte ein Schlagzeilendichter bockig: Bayern-Talent Mrowca wechselt zu Energie Cottbus.

 

Vielleicht ist das ganz gut so.