19 No Schumi No Joy


Juni 2013 -


Neulich hat sich Michael Schumacher mal geäußert. Er behauptete, die Formel 1 „nicht einen einzigen“ Moment zu vermissen. Witzelte, den Renn-Kommentator für Frau Corinna zu spielen. Meinte, durch anderes Training „drei, vier Kilo“ zugenommen zu haben. Reine Muskelmasse. Natürlich. Er versicherte, dass die „Schumacher-Family voll aktiv“ sei. Hoffte, viele Gebote für einen ehemaligen Overall zu erhalten, damit den Geschädigten der Flut geholfen werde. Und versprach sogar, den Betrag bei einem Erlös von 100.000 Euro zu verzehnfachen. Das war die wichtigste Botschaft. 


Eher beiläufig, fast unbeachtet schnitt er außerdem Folgendes an: „Wenn ich im letzten Jahr irgendwann einmal das Gefühl gehabt hätte, dass wenigstens Aussichten da gewesen wären, um die WM zu fahren, wäre es vielleicht zu einer anderen Entscheidung gekommen.“


Eine andere Entscheidung. Ein Gefühl. Die WM. Das ist interessant. Denn es hätte bedeutet, dass es „nicht einen einzigen“ Moment gäbe, die Formel 1 zu vermissen. Schwer möglich, wenn man involviert ist. Es hätte ebenfalls bedeutet, dass die Schumacher-Family zwar „voll aktiv“ sein könnte. Aber ohne den Hausmann, der leutselig die Rennen kommentiert. „Drei, vier Kilo“ zugenommen (reine Muskelmasse) hätte der Mann auch nicht. Weil er nicht anders trainiert hätte. Nur die Versteigerung des Overalls, die Spendenbereitschaft, die es schon immer gab - die wäre selbstredend unverändert gewesen. 


Doch das Gefühl kam nicht. Nie. Genau wie sich keine andere Entscheidung anschloss. Und deshalb sagt Michael Schumacher nun Sätze wie diese: „Es gibt für mich nicht mehr viel, was neu ist, wenn es um das Thema Formel 1 geht. Heute war sicher so ein Moment."


Er hatte eine Runde auf der legendären Nordschleife gedreht. Im Mercedes-Silberpfeil, Jahrgang 2011. Als Dankeschön an die Fans. Hieß es. 


In der abgekapselten PS-Welt, die so lange die seine war, sind inzwischen sieben Läufe absolviert. Sebastian Vettel hat drei davon gewonnen, ein Sieg riss den Krater auf. Aber für Michael Schumacher, 44, war die Eruption von Malaysia nurmehr: Das Beben der Anderen.

 

Seit einem halben Jahr ist der Rekord-Weltmeister zum zweiten Mal Formel-1-Rentner. Diesmal bleibt er es. Über ein Drittel der Post-Schumi-Saison liegt hinter uns, und offenkundig hat sich nichts verändert. Vettel fährt die Nummer eins spazieren und gewinnt souverän. Fernando Alonso startet aus der dritten Reihe und wühlt sich kühn nach vorne. Mark Webber wird im Zeittraining abgekocht und dann in Zwischenfälle verwickelt. Mercedes qualifiziert sich vielversprechend und fällt im Rennen zurück. Pastor Maldonado verursacht einen Unfall. Oder zwei.

 

Ach ja, und Pirelli pestet gegen alle, die sich die Frechheit herausnehmen, Kritik zu üben. Auch das kennt Schumacher. Bis zum Erbrechen. 


Es scheint also seinen gewohnten Verlauf zu nehmen. Vettel führt schon wieder in der Weltmeisterschaftswertung, Alonso ist Zweiter, hält aber Sicherheitsabstand, und Kimi Raikkönen sagt, dass er nichts sagt. Formel 1 halt. 


Formel 1 halt?


Von wegen. Nichts ist wie zuvor. Irgendetwas fehlt. Irgendetwas Triftiges. Irgendetwas Elementares. Es fehlt diese besondere Würze, das gewisse Etwas, der überspringende Funke. Es fehlt der rote Helm. Es fehlt: Michael Schumacher. Mir zumindest. Und zwar sehr.




















Der siebenmalige Titelträger wurde in den drei Jahren seines Comebacks oft belächelt und noch öfter verhöhnt. Manchmal zurecht. Er hat zweimal gegen Teamkollege Nico Rosberg das Qualifying-Duell verloren, er hat in einer Art und Weise Karbonschrott produziert, die man von ihm nicht kannte, er hat achte Plätze als normal verbucht. Und er hat kein Rennen gewonnen. Kein einziges. Rosberg schon. Eines, China 2012. Immerhin. 


Unter dem Schlagwort „Erfolge“ steht in Schumacher Mercedes-Zeugnis exakt ein Eintrag: Dritter beim GP Europa in Valencia 2012. Nicht einmal die Pole Position in Monaco fand einen positiven Vermerk im gestrengen Klassenbuch - denn behalten durfte er sie ja doch nicht. Überschrieben ist das Dokument mit dem unverblümten Vorwort von Rektor Ross Brawn: Er hat sich redlich bemüht.


Ich bin kein Schumacher-Fan der ersten Stunde. Dafür bin ich zu jung. Als er am 25. August 1991 in der Formel 1 debütierte, hatte ich soeben meinen ersten Geburtstag gefeiert. Beziehungsweise wurde gefeiert. Dieser Umstand verhinderte Live-Rennszenen der WM-Triumphe 1994 und 1995. Mitbekommen hatte ich davon nichts. Wie schade. Ebenso musste ich die Geschehnisse des Villeneuve-Rammstoßes von 1997 auf eigene Faust rekonstruieren. Mitbekommen hatte ich davon nichts. Wie gut. 


Im Jahr darauf war es soweit. Ich schaute Formel 1, ich schaute den Großen Preis von England 1998. Doch im Grunde ist die Verallgemeinerung verpönt. Augen hatte ich nämlich von Beginn an nur für einen. Wie das eben so ist bei kleinen Kindern: Rotes Auto. Deutscher Fahrer. Geballte Siegerfaust. Schuuuuuumi! 


Das Comeback 2010 brachte den Pulsschlag zurück. Die Assoziation zu früher, die Reflexion des Helden meiner jungen Jahre, die Kontemplation der Vergangenheit. Den Kitzel. Wenn er in die Startaufstellung rollte, dann pochte das Herz wieder mit verstärkter Schlagkraft. Wenn er um Positionen kämpfte, meinetwegen die Zwölfte, zuckte ich innerlich mit. Wenn er geschlagen die Räder streckte, sank ich ermattet danieder. Als er in Valencia mit Champagner spritzte, verdrückte ich eine Träne der Freude.

 

Wer der Kerl neben klein Mittermeier ist? Weiß nicht recht. Soll mal Rennfahrer gewesen sein. Sagen die Leute. 


Ich mag kein gänzlich objektiver Beobachter gewesen sein, doch viele Episoden der Fortsetzungsreihe mit dem Arbeitstitel „Formel 1“ zeigten mir: Der Champion hätte es richten können. Immer noch. Er war nicht mehr so perfekt wie damals, keineswegs. Aber der Mann war über 40, und er konnte mithalten mit Piloten, die zum Teil seine Söhne hätten sein können. Meist wollte er es zwingen, weil das Auto nicht das gab, was er hätte geben können. Dann geriet er in Situationen, die zu glorreichen Ferrari-Zeiten undenkbar waren. Dann stand er frei zum medialen Abschuss. Dann wurden Kübel des Spotts über ihm ergossen. 


Michael Schumacher war eh und je ein streitbarer Charakter in dieser aufgepumpten und von Narzissmus befallenen Vollgas-Branche. Verflucht und vergöttert, verdammt und verehrt. Was er in diesem Jahr hätten leisten können? Der Vergleich von Rosberg zum hoch gehandelten Lewis Hamilton beweist, dass der Weltmeister-Sohn lange massiv unterschätzt wurde. In Monaco gewann er überlegen. Der Mercedes verspürt nach wie vor ungehemmten Appetit auf Reifengummi, aber vielleicht hätte es 2013 jenes Gefühl gegeben, das Schumacher 2012 vermisste. Jetzt ist es zu spät.  


Der Sport ist nicht dasselbe ohne ihn. Der Reiz des Rennens ist verloren. Er wird nicht wiederkehren.