17 Ob Metzger oder Manager


- Mai 2013 -

 

Er torkelt. Seine Beine erzittern vor Schwäche. Sie haben ihn über Runden getragen und sie sollen ihn stützen für die letzte Etappe einer Wegstrecke, die den Speicher entleert hat. Die konservierten Kraftreserven entweichen erbarmungslos. Er kann sie nicht stoppen. Er ist müde. Er sucht nach Halt. Doch da blinkt ein Knopf auf, der schrill ist und eindringlich. Darauf steht: Nur nicht nachlassen. Nur nicht aufgeben. Nur nicht fallen. Durchhalten! Der Mann ist schwer gezeichnet vom Kampf gegen das eigene Scheitern. Mitgenommen und verletzt. Blut. Schweiß. Keine Tränen. Nein. Dafür eherne Beharrlichkeit, strotzende Energie, unbedingte Emphase. Seine Positur ist gebückt. Aber er steht. Das ist das Entscheidende. Er steht und er geht. Noch einmal die Hände in die Höhe, noch einmal den Raum abtasten, noch einmal im Ring tänzeln, in diesem eingezäunten Viereck, das die Welt bedeutet. Abwehren, ausschwärmen, angreifen. Das Gespür für den ultimativen Moment durchzieht seine Bewegung, er hat es sich angeeignet in Schufterei und Schinderei, er hat Schläge erlitten, die Rückschläge wurden, und er ist aufgestanden. Immer wieder. Immer weiter. Der Puls tobt, die Emotion schwappt, die Menge kocht. Es ist die Attacke zur Himmelfahrt. Ein finaler Dolchstoß. Er reckt die Pranke. 

 

Ce sont les meilleures equipes 

Es sind die allerbesten Mannschaften 

The main event 

Die Meister 

Die Besten 

Les grandes equipes 

The champions 

 

Ein UFO ist gelandet. Irgendwo in England. Hier: London. Dort, wo einmal die berühmteste Sportstätte des Planeten Erde verwurzelt war. Eingerissen haben sie den Bau und mit ihm die Geschichte. Errichtet haben sie ein Werk, dessen Montur so imposant wie charakterlos ist. Es soll Wembley sein. Es ist eine Riesenschüssel. Ein Betonbunker mit roten Sitzen. Das Terrain bildet den historischen Grund, doch ansonsten ist nichts geblieben von der Magie der Vergangenheit. Ein Bogen überspannt das Areal. Mehr nicht. 

 

Die Meister 

Die Besten 

Les grandes equipes 

The champions


 


















Samstag wird Fußball gespielt in London und Fußball geschaut auf dem Globus. Die Blicke zentralisieren sich gebannt auf das UFO ohne Seele, in dessen Innerem ein Ereignis stattfindet, das wirkt wie ein Abriss aus einer fernen Galaxie. Keiner kann sich entziehen, und keiner will es. Nicht am Samstag, nicht um diese Uhrzeit. Ob Metzger oder Manager, ob Installateur oder Ingenieur, ob Bäcker oder Banker. Samstag sind alle gleich. Samstag sind alle Zuschauer. Samstag wirft die Kulisse ihren Schatten auf seine Bewunderer. Der Taxifahrer wird aufhören zu kutschieren, die Putzfrau wird aufhören zu reinigen, der Buchhalter wird aufhören zu bilanzieren. Sie werden sich vereinen, auch wenn sie sich gar nicht sehen. Sie werden sich verbrüdern, auch wenn sie sich gar nicht kennen. Sie werden zusammenstehen, auch wenn Kontinente sie trennen. Millionen unterschiedlich-konformer Individuen verschmelzen zu einer Masse, die eine Richtung einschlagen wird. Die hofft, die bangt, die zittert. Die jubelt. Die trauert. Das ist Sport, das ist Fußball. Ein Fest der Völker, ein Netz, das Kulturen überspannt und sie im kleinsten gemeinsamen Nenner bündelt. Eine Verbindung, die keine Wunden heilt und keine Schmerzen lindert. Die aber Wichtiges schrumpfen lässt und Unwichtiges zum Leben erweckt. Monumental, gewaltig, erhellend. Samstag ist Finale. Samstag ist Bayern. Samstag ist Dortmund. Und die Welt liefert sich aus, dem Spiel als Verständigung in seiner ureigensten Form. 

 

Une grande reunion 

Eine große sportliche Veranstaltung 

The main event 

Ils sont les meilleures 

Sie sind die Besten 

These are the champions 

 

Der Fußball ist ein Abziehbild der Realität. Er liefert Freud und Leid, Arbeit und Ertrag, Gewinner und Verlierer. Doch im Höhepunkt von heute lauert der Absturz von morgen. Es gibt nichts Vergänglicheres als den Erfolg. Keiner weiß, wann die Chance wiederkommt, um Früchte zu ernten, saftige Früchte, die saftigsten überhaupt. Der deutsche Erntedank liegt lange zurück, einst errungene Meriten vergilben als Überreste eines abgelaufenen Zeitalters. Die Moderne hat noch keine Furchen gezogen, in denen Sporen wachsen. Bis heute keimt die Saat früherer Tage. Da sind die Dortmunder Heroen von 1997, da sind Riedle und Ricken, köpfen und lupfen, lupfen jetzt, ja! Da sind die Vergleiche zum Geist von 2001, als Bayern ein Team schnitzte, das Wille und Antrieb entwickelte, um eine Schmach zu tilgen. Da sind Kahns Paraden, da sind die Elfmeter und die Erlösung. Wie immer, wenn sich elektrisierende Spannung in bahnbrechende Erleichterung kehrt. Wenn Konfetti durch die laue Nacht wirbelt, wenn gesungen, gesprungen und getanzt wird. Wenn Männer zu Kindern werden, für die das Silber in Gold aufzuwiegen ist. Die Endstation Sehnsucht. Der Traum vom Triumph. Die Legende von der Unsterblichkeit. 

 

Die Meister 

Die Besten 

Les grandes equipes 

The champions 

 

FC Bayern München. Borussia Dortmund. Champions League. Finale. Und Gary Lineker: „Fußball ist ein einfaches Spiel. 22 Männer jagen 90 Minuten einem Ball nach und am Ende gewinnen immer die Deutschen.“ Nie steckte in diesem Satz so viel Wahrheit wie morgen. 

 

Worte sind genug gewechselt. Jetzt geht es um Taten. So wie beim Boxer, der im Endkampf zum letzten Hieb ansetzt. Er kann damit unter die Ägide der Vollkommenheit schlüpfen. Oder bitterlich aus dem Olymp in das Irdische fallen. Und auf die Ankunft eines spanischen Toreros warten.