13 Konzentration auf den Punkt


Dezember 2015


Der unschätzbare Vorzug des Hans-Jörg Butt besteht darin, Elfme­ter gleichermaßen parieren wie verwandeln zu können. Aber wenn er wüsste, was im Dezember 2009 alles an seinem Schuss hängt, würden ihm vermutlich die Knie schlottern. Wie gut, dass Oliver Kahn den Tunnel nicht exklusiv gepachtet hat.


Geschickt hakelt Ivica Olic bei Martin Caceres ein, und Schiedsrichter Massimo Busacca bläst in seine Pfeife. Kollektiventsetzen bei den Hausherren, händereibende Hoffnungen im Gästeblock. Hans-Jörg Butt joggt in den gegnerischen Strafraum, äußerlich gelassen, innerlich ge­trimmt.


Er nimmt die Beschimpfungen der Zuschauer nicht wahr.


Er nimmt die Anfeuerung der Bayern-Fans nicht wahr.


Er nimmt den Spielstand nicht wahr.


Es ist einer der wichtigeren Strafstöße in der Geschichte des FC Bayern. Dass der Torwart Butt zur Ausführung schreitet, ist eher Privi­leg denn Sakrileg. Geringschätzigkeit oder gar Häme enthält das Schau­spiel nicht. Butt hat sich als sicherster Elfmeterschütze profliert, selbst bei einem Weltklub wie dem FC Bayern, der doch zehn weitere Edelki­cker in seiner Garnitur aufbieten müsste. Aber ein Keeper? In dieser Bredouille?


Wenn sich Torhüter vom Punkt probieren, sind das meistens Show-Einlagen für alkoholangereichertes Plenum. Wie bei Schalkes Oliver Reck, der auf diese Weise sein einziges Bundesligator erzielte. Eine ähnliche Intention wurde Oliver Kahn bei seinem recht dürftigen Unterfangen unterstellt, den Faustball von Rostock um einen Treffer zu ergänzen, der auch zählte. 2002 lag Bayern schon 6:0 vorne, als Kahn antrat und sich der Cottbuser Piplica zum Spielverderber aufschwang. Kahns ewigem Konkurrenten Jens Lehmann war das erhabene Gefühl eines Elfmetertores (im Revierderby traf er per Kopf) ebenfalls nicht vergönnt. Als die deutsche Nationalmannschaft einmal 12:0 in San Ma­rino führte und kurz vor Schluss einen Strafstoß erhielt, zappelte Leh­mann kurz, denn er wollte schießen. Aus Respekt vor einem Gegner, der erstens nie einer war und zweitens zermartert am Boden vegetierte, verwarf man die Überlegung.


Bei Butt war alles ganz anders. Mitte der 90er traute sich keiner seiner Kollegen vom VfB Oldenburg, die Kugel aus elf Metern in Rich­tung Tor zu bugsieren. Schließlich ging es gegen St. Pauli, einen nordi­schen Rivalen. Angst fressen Seele auf. Sie schickten ihren Torwart vor, weil der im Training mit chirurgischer Akkuranz geglänzt hatte. Butt er­wischte St. Pauli auf dem falschen Fuß, verwandelte souverän - und wurde die unbezahlte Nebenbeschäftigung nicht mehr los.


Beim Hamburger SV markierte der Torwart in 133 Spielen stolze 19 Tore. Alle aus Strafstöße resultierend, verwegene Ausfüge wie Leh­mann unternahm Butt nicht. Sein Metier war der freie Schuss, die Stille im Stadion, die natürlich keine Stille war, aber von ihm zur Null-Dezi­bel-Atmosphäre absorbiert wurde. Das war Butts Maxime. „Ich hatte einen Tunnelblick. In so einer Situation musst du alles ausblenden“, schilderte er der HSV-Webseite. Psychokrieg mit sich selbst. Schatten­ boxen ohne Boxer. Armdrücken mit dem Gewissen.


Wie durch einen sich verengenden Korridor schritt Butt die 100 Meter von Strafraum zu Strafraum, links und rechts davon, erzählt er, verdunkelten sich die Wände. Totaler Fokus. Beim HSV wurde es ir­ gendwann zur Sitte, „Buttbuttbuttbuttbutt“ zu skandieren, während der Torsteher den Stürmer in sich entdeckte, der er mal in der Jugend war. Butt versuchte, den Pegel zu dimmen. Der Elfmeter- als Fluchtpunkt, das schrille Signal als Aufbruch aus dem Delirium. „Nach dem Pfff des Schiedsrichters bin ich wie weg. Da ist man in seiner eigenen Welt.“


In der Saison 1999/00 gelangen dem Keeper neun Treffer, womit er phasenweise im Kampf um die Torjägerkanone mitmischte. Gemein­sam mit den Angreifern Tony Yeboah und Roy Präger teilte er sich den virtuellen Titel beim HSV. Später, in Leverkusen, wurden die Platzwanderungen seltener, weil Michael Ballack als erster Schütze eingetragen war. Siebenmal traf Butt für Bayer 04.


Die Kunst, einen kleinen Ball in ein riesiges Torgestänge zu befördern, gehört zu den heikelsten Aspekten des Fußballsports. Karrieren können scheitern, Helden geboren und Verlierer verpönt werden. Peter Handkes Buch „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ dreht sich gar nicht primär um Fußball - und hat es doch in die Bibliothek der Branche ge­schafft. Handkes Romanfgur Josef Bloch beschreibt den mentalen Machtkampf, der sich auftürmt, wenn zwei Spieler divergente Interes­sen haben: „Der Tormann überlegt, in welche Ecke der andere schießen wird. Wenn er den Schützen kennt, weiß er, welche Ecke er sich in der Regel aussucht. Möglicherweise rechnet aber auch der Elfmeterschütze da­ mit, dass der Tormann sich etwas überlegt. Also überlegt sich der Tormann, dass der Ball heute einmal in die andere Ecke kommt. Was aber, wenn der Schütze noch immer mit dem Tormann mitdenkt und nun doch in die übliche Ecke schießen will?“


Butt nickt. Denken, mitdenken, aber auf keinen Fall zu viel denken. Es gibt viele Torhüter, die Bücher angelegt haben mit Eigenarten und Vor­lieben, und die intensives Videostudium betreiben, um ihre potentiellen Gegner bis ins Mark zu mustern. Butt ließ seinen Kontrahenten, die ei­gentlich seine Pendants sind, so wenig Raum wie möglich: „Wirklich festgelegt habe ich mich vorher nie. Ein Stück Intuition ist dabei. Und natürlich Glück.“


Torhüter bemühen die verrücktesten Sperenzchen, um Nerven­bündel aus ihren Rivalen zu kneten. 1999 schlägt Lehmann, damals für Borussia Dortmund aktiv, dem Hamburger Butt eine Wette vor. Falls er, Lehmann, den Ball pariere, erhalte er das Doppelte von dem, was Butt einstreichen würde, wenn er trifft. Einsatz: 50 Mark, Lehmanns potenti­elles Honorar: 100 Mark. Butt ist längst im Tunnel. Er hat Lehmanns Deal zwar aufgeschnappt, nicht aber dessen Inhalt. Butts Anlauf ist federnd, obwohl er nicht weiß, in welche Ecke er gleich schießen wird. Der letzte Schritt vor dem Schuss, und er weiß es immer noch nicht. Butt schaut nur auf den Torhüter, nicht auf den Ball, und er sieht, wie Lehmann minimal die rechte Ecke öffnet.


Seine Torprämie beträgt 50 Mark.


Viermal funktionierte dieses Vabanquespiel nicht; Markus Pröll, Richard Golz, Frank Rost und Heinz Müller leuchteten die Fassade aus. Ein Fehlversuch hatte prekäre Konsequenzen, ein anderer ärgerte Butt besonders. Im Oktober 1998 war er in der 90. Minute beim Stand von 1:1 an Golz gescheitert. Den Freiburger hatte Butt im Vorjahr aus dem HSV-Tor verdrängt, Verbalscharmützel eingeschlossen. Golz kostete seinen Triumph aus, und vor dem nächsten Duell wird er in Zeitungen siegesgewiss zitiert: „Wenn es wieder einen Elfmeter gibt, halte ich auch den!“


Es gibt tatsächlich wieder Elfmeter. Ein einziges Mal konstruiert Butt eine Hypothese, die er nicht steuern kann. Er beschäftigt sich vor­ab mit der Konstellation Strafstoß/Golz. Das ist die Kehrseite seiner stoischen Art, aber dieser eine Stachel sitzt zu tief. „Butt hat sein Be­wusstsein bereinigt“, schreibt Bild nach einem Tor, das dem Hamburger „große Genugtuung“ abverlangt.


Abgesehen von persönlichen Eitelkeiten sind die Malheure läss­lich. Bis auf eines. Am 32. Spieltag der Saison 2001/02 greift Leverku­sen gegen Bremen nach dem theoretischen Meisterball. Die Werkself hat fünf Punkte Vorsprung auf Dortmund, drei Partien stehen aus. Welch eine Basis. Es steht 1:1, als Butt, inzwischen bei Bayer unter Vertrag, sein liebstes Handwerk ausübt. Alles wie immer, der Tunnel, die Bewegung, die Technik. Rost fiegt ins rechte Eck und pariert. Le­verkusen verliert gegen Bremen 1:2, in Nürnberg 0:1, Borussia holt die Schale.


Woher aber stammte Rosts Hinweis? „Mein Spion war Jörg selbst“, sagt er. „Wir hatten uns bei einem Länderspiel übers Elfmeter­schießen unterhalten. Er verriet mir, dass er immer nach rechts schießen würde, wenn der Torhüter lange stehen bleibt. Ich wusste, er wird sich an das Gespräch erinnern und es gegen mich anders machen...“


Peter Handke durfte sich bestätigt fühlen. Oder auch nicht. Denn von einer „Angst des Tormanns beim Elfmeter“ sind die Verhältnisse meilenweit entfernt. Es ist exakt umgedreht. „Wer schießt, kann nur verlieren. Ein Torhüter nur gewinnen“, berichtigt Butt im Playboy. Das hat er, in abgewandelter Form, beim FC Bayern erlebt. In Bordeaux hielt er sein Team zweimal im Spiel - und musste am Ende doch eine 1:2-Niederlage schlucken. Dennoch: Im Individualgefecht ist die Rolle des Torhüters der deutlich behaglichere Part. Weil die Last beim Schützen liegt. 14 Strafstöße konnte Butt in seiner Karriere ab­wehren, ein absoluter Spitzenwert. 1999/00, dem Jahr mit neun Tref­fern, hielt er vier von fünf Stück. Dabei hatte Butt seine Methoden, um Fortuna auf die Sprünge zu helfen: Wenn der Schütze irritiert ist, Schwäche und Hastigkeit offenbart, dann hat der Torwart bereits vor der Prozedur einen Trumpf. Butt vertraute auf den Apparat des Augenkontakts. Damit drückte er aus: Ich bin souverän - und du?


Bielefelds Thomas Stratos erwiderte die rhetorische Frage locker. „Ich habe ihn angelächelt“, sagt Butt, „aber er hat cool zurückgelächelt. Da wusste ich: Er hat kein Problem, ich habe keine Chance.“


Die hatte er, fernab vom ominösen Punkt, im Frühjahr 2007 auch bei Leverkusen nicht mehr. In zehn Jahren verpasste der Keeper gerade vier Spiele, doch ein Platzverweis gegen Frankfurt lagerte einen avi­sierten Generationswechsel vor. Bayer-Coach Michael Skibbe erkannte einen Anlass, den elf Jahre jüngeren Rene Adler als Stammkraft zu eta­blieren. Butt, in Leverkusen aufgrund seines introvertierten Torwart­spiels umstritten, reagierte pikiert. Er wechselte zu Benfca Lissabon, spielte genau einmal und vernahm einen Lockruf aus München. Ein zweiter Mann wurde gesucht, einer mit Erfahrung, Loyalität, Rückgrat; einer, der kollegial arbeitet und das Binnenklima befruchtet. Die Stel­lenausschreibung deckte sich mit Butts Normen, bloß die Tatsache, dassseine Laufbahn als öde Nummer zwei ausklingen würde, trübte die Aussichten. Aber zu Michael Rensing, dem Thronfolger des Titanen, gäbe es keine Alternative, das hatten die Bayern-Bosse hinreichend un­termauert.


Im Juli 2010 absolvierte Jörg Butt sein viertes Länderspiel, das erste über die volle Distanz. Deutschland versus Uruguay. Weltmeister­schaft, Südafrika, der dritte Platz als Highlight. An Medaillen könnte sich Butt glatt gewöhnen. Zwei Monate zuvor hatte er mit dem FC Bay­ern das Double gewonnen, Meister und Pokalsieger, seine allerersten Titel in 13 Profjahren.


Wie heißt es so schön: Unverhofft kommt oft.


Schon 2007 wollte ihn sein Berater bei Bayern einschleusen, als Ersatzmann für Oliver Kahn und unter der Prämisse, dass Rensing ver­liehen werde. 2008 unterschrieb Butt, präsentierte sich loyal, kollegial, arbeitsam - wie versprochen. Er stützte Rensing, aber der reihte Fehler an Fehler. „Die Bayern haben auch deshalb Erfolg, weil hier der Druck am größten ist“, hat Butt zu 11Freunde gesagt. „In einem Team wie die­sem ist der Kredit schnell aufgebraucht. Wenn man mal zwei, drei Tage im Training seine Leistung nicht bringt, gibt es Feuer.“ Nach dem 1:5 in Wolfsburg wandte Jürgen Klinsmann eine letzte, verzweifelte Personalrochade an: Rensing raus, Butt rein. Mit fast 35. Ein herbstlicher Frühling. Louis van Gaal eröffnete das Rennen neu, doch als die Bayern am 8. Dezember 2009 zu Juventus Turin reisen, ist Butt die klare Nummer eins.


Die Münchner stecken in der Klemme. In der Champions League haben sie von fünf Spielen zwei verloren (beide gegen Bordeaux), das Aus­scheiden droht. Im Abschlussmatch der Gruppe muss ein Sieg her. Und das ausgerechnet bei einer italienischen Mannschaft! Und das ausgerechnet bei Juve! Da haben die Bayern selten etwas zerrissen. Nach 19 Minuten trifft David Trezeguet zum 1:0. Jahre danach wird Uli Hoeneß in der Sport-Bild sagen: „Hätte van Gaal in seiner ersten Saison nicht das letzte Gruppenspiel gegen Juventus Turin gewonnen, hätte er schon damals nicht die Winterpause überlebt.“


Die Bayern spielen nicht für den Trainer, das wäre debil. Sie spielen für sich. Und sie zeigen, was sie können. Olic trifft den Pfosten, dann trifft Caceres die Füße von Olic.


Elfmeter.


Butt hat noch nie einen Strafstoß für den FC Bayern getreten. Diesmal kann er ran. Nein: Er soll. Nein: Er muss.


Seine Vita hat eine dufte Anekdote aus dem Jahr 1999, als er bin­nen drei Monaten vier Elfmeter gegen denselben Torwart versenkte, Stuttgarts Franz Wohlfahrt. Zwei Treffer im Mai, zwei im August. Beim vierten Versuch schlenderte Butt lachend über den Platz... Dieses absur­de Ding auf Schalke 2004 aber konterkarierte das Vergnügen zur Ver­wundbarkeit. Nach einem eigenen Tor bummelte Butt zu lange auf dem Rückweg, und Frechdachs Mike Hanke traf vom Anstoßpunkt ins leere Gehäuse. Nicht nur deswegen umschließt der Umstand, dass ein Torhü­ter sein Territorium verlässt, eine Kalkulation mit etlichen Unbekann­ten. Die Fallhöhe ist gewaltig. Erst recht in der Champions League.


Zweimal schon hat Butt gegen Juventus Turin eingenetzt; 2000 für Hamburg, 2001 für Leverkusen, gegen Edwin van der Sar und Gian­luigi Buffon. Nun kauert der italienische Star-Keeper wieder auf der Li­nie. Er ist Weltmeister und vierfacher Welttorhüter. Aber das ist Butt egal. Der Tunnel hat ihn zurück. Enger Korridor, alles dunkel. Pfffe? Hört er nicht? Jubel? Braucht er nicht. „Buttbuttbuttbuttbutt“? Nette Folklore. Butt läuft weich wie auf Watte, wartet auf Buffons Regung. Nach links. Also schiebt Butt die Kugel auch nach links - von sich aus gesehen.


1:1.


Dass Karl-Heinz Rummenigge von einer „magischen Nacht“ und einem „historischen Abend“ schwärmen darf, hat weitere Gründe. Einer heißt Ivica Olic (2:1), ein anderer Mario Gomez (3:1), ein dritter Anato­liy Tymoshchuk (4:1). Und der wichtigste heißt Teamspirit.


Der FC Bayern meistert die Vorrunde, er meistert das Achtelfna­le gegen Florenz, das Viertelfnale gegen Manchester und das Halbfna­le gegen Lyon. Am 22. Mai 2010 steht Jörg Butt in seinem zweiten Champions-League-Endspiel. Elfmeter gibt es keinen. Weder für Bay­ern noch für Inter. Leider.


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-> Das ist ein Kapitel aus meinem Bayern-Buch „Was für Typen!“ Wer mehr erfahren will, kann sich hier infnormieren oder hier direkt zugreifen!