15 Ausgekaut


- Mai 2013 - 

 

Der engste Vertraute von Sir Alex Ferguson bat mich, diesen Brief auf meiner Seite zu veröffentlichen - man erhoffe sich davon den stärksten Kontakt zur breiten Masse. Eine Anfrage, der ich selbstverständlich gern nachkam...


Lieber Sir Alex,

 

wir zwei haben viel durchgemacht. Wir haben die Fußball-Welt beherrscht, wir haben Trophäen empor gestreckt, in Champagner gebadet und die Freundschaftsalben fast aller englischsprachigen Journalisten bereichert.  

 

Wir gingen durch dick und dünn, stießen Liverpool vom Sockel und wimmelten die neureiche Nachbarschaftsplage ab. Wir feierten 13 Titel in der Premier League. Dreizehn! Zweimal gewannen wir die Champions League. Wie glücksbesoffen starrte ich aufs Feld, damals in Barcelona, als Du mir einen Spalt des Lichtes geschenkt hast. Doch die großen Dramen waren bloß Wipfel ordinärer Stämme. Es ging ebenso banal, zutiefst banal. Wenn Manchester United, Dein Team, Dein Klub, Dein Vermächtnis, an einem kalten Novemberabend bei Nottingham Forest mit null zu zwei zurücklag, die 80. Minute überschritten war und Regen einsetzte: Auch dann war ich da. Auch dann konntest Du auf mich zählen. Auf mich bauen. Auf mir kauen. 

 

Seit 1986 lebten wir in einer Zweckgemeinschaft. Du der Parasit und der Wirt in einem. Ich fügte mich. Ich tat das gerne. Wir gehörten zusammen. Du und ich. Mein Gott, 1986 - da war Germany noch zweigeteilt, und ich schon mittendrin. In Deinem Mund. 

 

Bei über 1000 Spielen allein in der Premier League hast Du auf mir herumgehackt, hast mich weichgekocht, zertrennt und wieder vereinigt. Alles was ich bin, verdanke ich Dir. Genauer gesagt Deinen unbeugsamen Kauwerkzeugen, Deinen ewig rotierenden Kieferknochen und Deiner geräumigen Gaumen-Landschaft.

 

Du hast Cantona treten sehen, Keane grätschen und Beckham zirkeln. Giggs wuseln, Neville verteidigen und Schmeichel fliegen. Scholes rennen, Ronaldo frisieren und Rooney einfach Rooney sein. Ich war Dein treuester Begleiter, Dein verlässlichster Freund, Dein Aromastoff gewordener Windhund. Ich war zäh. Sehr zäh. Unfassbar zäh. 27 Jahre lang. 

 

Und plötzlich soll alles aus sein? Einfach so?

 

Du hast mich ausgespuckt. Unvermittelt. Ohne Vorwarnung. Ich sitze jetzt hier und schreibe Dir diesen Brief. Ich bin frei, aber ich bin nicht glücklich. Ich bin ausgelaugt (im wahrsten Sinne). Ich bin verwirrt. Und ich bin wütend. Auf Dich, Sir.

 

Bin ich Dir nicht mehr jung und knackig genug? Ist es das? Daran hast auch Du einen Anteil. Wir alle werden älter, was einst definiert und straff war, verformt sich im Laufe der Gezeiten zu runzeligen Einheiten, die schlaff herabhängen und nur noch eine Reminiszenz des gottgleichen Gepräges früherer Tage sind. 

 

Ich habe immer zu Dir gestanden, ich war honorig, loyal und fair. Ich hätte Dich nie verraten, so wie Du mich nun fallen gelassen hast. Vom Gaumen auf die Zunge, in den Schleudergang, rechte Backenhöhle, linke Backenhöhle, mit Speichel überzogen, ja verpestet, rauf, runter, zerstampft, zermatscht, zerquetscht. Mit einem frequentierten Kaurhythmus, der Traumata auslöste.

 

Meinst Du, dass es angenehm war, erster und einziger Fußabstreifer Deiner Zahnleiste zu sein? Glaubst Du wirklich, dass mir Dein diktatorischer Drill gefallen hat? Du hast mir nie Wärme vermittelt, außer bei der Teatime - da war es Hitze, die mich flutete. Du hast mir nie zärtlich mit der Zungenspitze die ausgewetzten Enden geglättet. Du hast mich nie in Watte gepackt, das hätte ich auch nie verlangt, aber wenigstens ein sauberes Schlafgemach in den finsteren Nächten hättest Du mir geben können. Ich blieb ein Gefangener in Deinem Schlund. Meine Außenhaut ist gezeichnet von Millionen Abdrücken Deiner Gebissstruktur. 

 

Du warst grob zu mir, aber das war Dir egal. Du hast es vermutlich gar nicht gemerkt.  

 

Hast Du mich auch nur einmal jammern hören, Fergie, habe ich ein einziges Mal gemuckt, gemotzt, gemeckert? 27 Jahre lang war ich Puffer und Prellbock, Einweiser und Erzieher, wenn die Wallungen Deines fürchterlichen schottischen Akzentes aus der Mundhöhle in die Freiheit dringen wollten. Sie mussten an mir vorbei, immer. Oft stand ich Ihnen im Wege, und dann hast Du mich behände in die nächstbeste Spalte geschoben. Ich war verletzt, ich krümmte mich, Deine stahlharten Backenzähne durchbohrten mich. Aber ich hielt durch. Für Dich. Nur für Dich. 

 

Weißt Du noch, als Du zum Ritter geschlagen wurdest? Du fandest mein Kostüm nicht fein und edel genug. Du hast Dich geschämt wegen mir. Die Queen schritt auf Dich zu, und ich wurde kleiner, unbedeutender, nutzloser. Der Kiefer hörte für einen Moment auf zu malmen, ich gelobte dem Heiland und fürchtete mich zugleich. Doch als Dir das Zeremoniell zu lang und lästig wurde, brauchtest Du mich wieder, um deinem Habitus zu frönen. Die gestählten Knochen setzten die Maschinerie in Gang und pressten mich in ihre Mitte. So wie an jedem verdammten Tag in jedem dieser verdammten 27 Jahre. Ich liebte diese Tage.

 

Lieber Sir Alex, ich kann meinen Schmerz nicht kontrollieren und nicht verstecken. Das will ich auch nicht. Du sollst wissen, wie sehr ich unsere gemeinsame Zeit genossen habe. Ich bin dankbar und ehrfürchtig, zweieinhalb Dekaden an Deiner Seite, in Deinem Munde verbracht haben zu dürfen. 

 

Der Pein war mein Schicksal. 

 

In stiller Trauer,

Dein Kaugummi


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-> Am 14. Mai durfte ich einen Teil der rührenden Botschaft im Passauer Uni-Radio, der Campus Crew, zum Besten geben. Als Hörbuch für Arme sozusagen. Wer sich den vor Pathos triefenden Sprachexkurs trotzdem anhören mag, ist hier richtig. Johannes Mittermeier in: „Der Kaugummi".