14 Wenn‘s läuft, dann läuft‘s


- Mai 2013 - 

 

Die Zeit rast. Gefühlt liegen die Halbfinal-Rückspiele von Dortmund und Bayern erst zwei, drei Tage zurück. Doch die Schnelllebigkeit der Internet-Epoche nimmt immer groteskere Züge an. Bereits morgen treffen die schwarz-rot-güldenen Fixsterne aufeinander.   

 

Zwei deutsche Teams stehen im Finale at home. In Wembley, der Wiege des Fußballs. Ist es nicht herrlich? Borussia Dortmund kloppt Real Madrid in die alljährliche April-Depression, Bayern München juppt den FC Barcelona in schäbige Baracken, in einen Vorort ohne Villa und erst recht ohne neue Villa - also ohne Vilanova. Bayern und Dortmund in London: Es ist, als würden sich zwei Päpste vereinen, Dankgebete murmeln, besinnlich meditieren und zusammen spazieren gehen. Mit Ball am Fuß. Sehe, treuer Freund, ein Reise-Pass!

 

Apropos Oberhaupt: Kloppos Kids folgen ihrem transplantierten Heiland ja wie niedliche, kleine Entlein ihrem Vatertier. So watschelte Götze nach wenig abgespulten Metern in die Arme seines Erpels, ließ sich herzigen und trottete nicht mehr zurück. Anschließend vertraute der BVB auf einen denkbar devoten Matchplan. Er lautete: Mit Glück und Großkreutz. Das Vabanquespiel funktionierte. Erstaunlich. Doch dann kam die Schlussphase, Hektik breitete sich aus, und Madrid drückte wie Aki Watzke auf dem Klosett. Eine Scheiß-Situation. 

 

Als Webb abpfiff, ging‘s im Web rund. 0:2 gewonnen, das war sur-real und nur möglich, weil Weidenfeller nicht länger Weidenfeller sein mochte. Er schlüpfte in den Körper von Neuer. Und Adler. Und Zieler. Und Leno. Und ter Stegen. Und Andy Köpke. Und Sepp Maier. Und Toni Turek. Auf der Tribüne verzog Joachim Löw ungefähr so viel Miene wie Kimi Raikkönen nach einem sechsten Platz in Südkorea. 

 

Im krassen Kontrast zur Borussia Roman präsentierte sich der FC Tegernsee der verdutzten Weltöffentlichkeit. Man stolzierte nicht federleicht ins dritte Endspiel binnen zwei Jahren. Im VIP-Bereich legte der Aktienkurs zwar keinen bodenlosen Sinkflug hin, aber die Heynckes-Anleihe muss in naher Zukunft verscherbelt werden - fachmännische Voraussagen deuten auf ein baldiges Allzeithoch hin, welchem eine rapide Abwertung nachkommt. Ein spanisches Konkurrenzpapier, das derzeit noch in den USA gehandelt wird, werde die Heynckes-Anleihe vom Gipfel stoßen, orakeln Experten. Das besorgt Kalle Rummenigge so sehr, dass er ununterbrochen auf seine Rolex lugt. It's The Final Countdown. Auch die internationale Erfolglosigkeit der Bayern zwischen 2002 und 2006 konnte kürzlich durch empirische Funde untermauert werden. Einzelheiten entnehmen Sie bitte den Kollegen unserer Zeit. 


Einer geht noch, einer geht noch raus


Die Münchner torkelten. Beschwipst vom eigenen Rausch füllten sie Barcelona in sieben Kannen ab, doch die hiesige Vorherrschaft droht wieder ins Wanken zu geraten, kaum dass sie erhascht wurde. Am vergangenen Wochenende mogelten sie sich zu einem glücklichen 1:0 über Freiburg, in Nürnberg reichte es gerade zu einem Punkt, selbst Bayer Vizekusen gewann an einem schlechten Tag mit 2:1 in der Allianz Arena. Matthias Sammer warnt: Barcelona darf nicht der Maßstab sein. Dort tanzten die Bayern in den Mai, und die Gastgeber wirkten so, als ob sie die Übungsstunden geschwänzt hätten, beim Abschlussball jedoch die heißeste Braut beeindrucken wollen. Das mag einige Jahre in vorzüglicher Manier geklappt haben, allein, der FC Bayern zeigte Barca seine hässlichste Fratze. Und ließ auch am Buffet nichts anbrennen. Mit Pässen wie Peitschenhieben, Flanken wie Fackeln und Schüssen wie Schaschlikspießen wurden die Katalanen bei lebendigem Leibe gegrillt, gebraten und filetiert. Obendrein vermasselte Küchen-Azubi Piqué die Zubereitung. Statt Tiki Taka würzte er mit Waka Waka. Ungenießbar. 

 

Dass der deutsche Fußball erstmalig seit 2001 einen kontinentalen Titel holt, bezweifelt niemand ernsthaft - außer den Schwarzmalern. Und den Schwarzwäldern. Also Jogi Löw. Aber der ist ja weder beim BVB noch beim FCB verantwortlicher Hütchenaufsteller. Deshalb werden die hauseigenen Vitrinenschränke ausnahmsweise mit Berechtigung geputzt. Es ist Nachschub im Anmarsch.




















Wenn‘s läuft, dann läuft‘s - denkt sich übrigens auch Watzke immer, bevor er flugs die Biege ins Bad macht. Der aufgestaute Aggregatszustand kann sich sekündlich und knallend entladen. Fest, flüssig, gasförmig, wir wollen es nicht wissen. Doch die Erlebnisse von Madrid verklärten die Dortmunder Personalpolitik. Während Watzke den Finaleinzug hinunterspülte, kontaktierte er gleich den ausgeguckten Götze-Ersatz: Kaka. Einmal in Fahrt, griff der BVB-Boss noch ein paar Blätter ab - bis er im Telefonbuch bei der Vorwahl von Rom angelangt war. Denn als Watzke so im Bernabeu saß, in gebeugter Haltung, vielleicht eine Zeitungslektüre in der Hand, da war für ihn plötzlich die Stürmerfrage geklärt: Klose. So einfach. Watzke lächelte beseelt. Der Dortmunder Spielstil wird noch intensiver, mit Pressing und Gegenpressing in Reinkultur. Einer geht noch, einer geht noch raus. Und Watzke prustet: Bayern, kneift schon mal die Backen zusammen!


Die UEFA sollte das Finale in einen anderen Austragungsort verlegen. Wie wäre es mit Darmstadt?