11 Effenberg heißt heute Robben


Oktober 2015


Der FC Bayern prescht unaufhaltsam dem vierten Meistertitel am Stück entgegen.  Genau wie zum selben Zeitpunkt mit dem gleichen Ziel und quasi identischen Ergebnissen 2001. Damals begann der Sinkflug in Bremen. Und wo treten Guardiolas Bayern als Nächstes an? Eben.


Das sind sie, die Immer-weiter-immer-höher-Bayern: gefräßig und nimmersatt. Sie fieseln ihre Gegner ab wie Schweinshaxn und räuspern sich nachher genussvoll. „Die Tore fallen automatisch“, frohlockt der Trainer, „im Moment sehe ich keinen, der uns stoppen kann“, tönt der Mittelfeld-Rastelli, der es noch dazu wagt, eine Anleihe beim Franzl zu nehmen: „Für unsere Fans ist das wie Weihnachten.“ Und der Angreifer, bei dem derzeit alles, was er probiert, zu Milch und Honig wird, grinst diebisch: „Wir haben gezaubert wie Copperfield!“ Dann schüttelt ihn ein Lachkrampf.


Die Stimmung ist so heiter, dass selbst der ewig antizyklische Metzgerbaron seine Prinzipien aufgibt. Im Erfolg erden, im Misserfolg tätscheln? Ach wo! Fußball ist ein Gesellschaftsspiel, und die Gesellschaft labt sich am Spiel des FC Bayern, deshalb goutiert Uli Hoeneß wie seine Vorredner Ottmar Hitzfeld, Thorsten Fink und Giovane Elber die Super-Serie dieses Oktobers 2001: „Die Mannschaft ist in einer bestechenden Form. So macht es Spaß, wenn man draußen sitzt und zuschauen kann.“


Dass in einer fernen Fußball-Galaxie ohnehin nichts mehr super ist bei Bayern, sondern mindestens supersuper, kann er nicht ahnen. Also: An Guadn allerseits.


Zweikampf an der Wahlurne


Was treibt einen Mann wie Hoeneß jener Tage um, angesichts der Genialität seines Klubs, der nicht Triple-Sieger, aber doch Triple-Meister von 1999, 2000, 2001 ist? Die Antwort: Exakt eine Frage, sie hat nichts mit Duellen auf dem grünen Rasen und viel mit Zweikämpfen an der Wahlurne zu tun. JA oder NEIN? Münchens Bürger votieren für oder gegen ein neues Stadion. Der goldene Oktober als Zukunftsweiser.


Viel steht auf der Kippe, nicht nur eine schmucke, weitaus komfortablere Spielstätte als das Olympiastadion, das an guten Tagen zwar immer noch zur sonnendurchlässigen Open-Air-Arena wird, aber an schlechten - ungefähr an allen Tagen zwischen November und April - zur zugigen Freiluftkonstruktion. Vielmehr geht es um die Aussichten der Fußball-Hauptstadt, sogar die Horrorvision einer WM 2006 ohne den Standort München schwebt wie das Schwert des Damokles über den Köpfen von Hoeneß & Co. Der Volksentscheid lässt die Macher zittern - wenn es schon die Samstagnachmittage nicht vermögen, so etwas wie einen Spannungsbogen zu erzeugen. Dem FC Bayern ist das natürlich sehr lieb.


Und so erinnert der Herbst 2001 in seinen Ausstülpungen ganz verdächtig an den Herbst 2015. (Stadion-Thema bitte wegdenken, danke.)


Damals: 5:1, 5:1, 4:1. Heute: 5:1, 5:0, 5:1


Zeitstrahl in die Vergangenheit. „Das war ein Sensationsspiel“, prustete Karl-Heinz Rummenigge nach dem 5:1 gegen einen zugegeben miserablen TSV 1860 am 13. Oktober 2001. Eindeutig der Festschmaus der Bayern, die fünf Monate zuvor die Champions League gewannen, aber zum Saisonauftakt bei Aufsteiger Mönchengladbach schiffbrüchigten. Anschließend hatten sie im mit dunkelsten Szenarien bebilderten „Übergangsjahr“ eine Formkurve ins Koordinatensystem gekritzelt, wie es Bayern-Teams in beeindruckend-beneidenswerter Regelmäßigkeit gelingt. Eigentlich ist es eine beeindruckend-beneidenswert-beängstigende Regelmäßigkeit.


Binnen einer Woche brillierten die Roten mit der Freude am Halali, sie siegten 5:1 gegen die Löwen, 5:1 in der Champions League gegen Spartak Moskau, 4:1 über den bisherigen Spitzenreiter Kaiserslautern (ja, ist wirklich lange her). Analogien zum Ist-Zustand 2015 sind schwer zu leugnen: Drei Titel im Gepäck, Kurs auf den unerreichten vierten, dabei beschwipst von einem Rausch, der nicht aus dem Bierzelt rührt. In die pfundigsten Wiesn-Wochen presste Bayern ein 5:1 gegen Wolfsburg, ein 5:0 gegen das moskaueske Zagreb sowie ein 5:1 gegen Dortmund, das nicht wie weiland Kaiserslautern als Tabellenführer, aber durchaus als ernsthafter Verfolger anreiste. Dem Trip folgte der Kater.


2001 staunten die Unschlagbar-Bayern über ihre Virtuosität. „Eine Phase, in der einfach alles läuft“ erkannte Oliver Kahn, der freilich der Tobsucht nahe war, weil er sich im Schnitt ein Gegentor einhandelte. Dafür entzückte die Kombinationsfreude des bayerischen Bermudadreiecks Elber-Salihamidzic-Santa Cruz, niemand schien den Klassenstreber davon abhalten zu können, diesen Verein mit einer weiteren Facette zu versehen. Erfolgreich waren sie ja immer, diese Bazis, unverschämt erfolgreich, aber selten war der Weg das Ziel - sondern halt das Ziel. Die geschmückte Manege, Erlebnis- statt Ergebnisfußball boten fortwährend die anderen: die Gladbacher, die Hamburger, die Bremer. Im Herbst 2001 betonten die Bayern ihre Künste so aufreizend, dass Rummenigge schmetterte: „Besser als unsere Mannschaft kann man nicht spielen!“ Den Zusatz „auf Jahre hinaus“ sparte er sich. Seine Parole war allgemeingültig genug.


Pauli-Shirts, Scampi-Affäre und „Playboy“-Effe


Neun Siege erzielten die Münchner von Mitte August bis Mitte November, sie gewannen auch in Köln, obwohl sie zuvor zu tapferen Schneiderlein mutieren mussten - der Zeugwart hatte die Auswärtsgarnitur vergessen, und die Bayern schnibbelten die Ärmel von den Trainingsleibchen.


Kurz darauf war der Bruch da. Personifiziert wurde er in der Rückkehr des 33-jährigen Rädelsführers Stefan Effenberg, der dreieinhalb Monate verletzt gefehlt hatte, nie wieder sein Niveau erreichte, von Hitzfeld aber permanent nominiert wurde. Es hagelte sechs Spiele ohne dreifachen Punktgewinn. Sechs. Das ist für den FC Bayern etwa eine Apokalypse. Zwischendurch wurde in einer grausigen Partie der Weltpokal eingeheimst, das kaschierte die Schaffenskrise notdürftig bis unzureichend. Wahrscheinlich beschäftigen sich Historiker oder Wissenschaftler oder beide nach wie vor damit, wie es sein kann, dass eine Übermannschaft derart aus dem Tritt gerät; und noch wahrscheinlicher finden sie keine plausible Erklärung. Die Bayern, die eben noch mit kindlichem Leicht-Sinn die Liga vereinnahmten, spielten 0:0 gegen Nürnberg, verloren in Berlin und Rostock. Der FC Schalke, amtierender „Meister der Schmerzen“, feixte über seine 5:1-Ohrfeige. Irgendwann in tristen Wintertagen stürzte der Meister auf die UEFA-Cup-Ränge - und in überwunden geglaubte FC-Hollywood-Sphären.


Auf St. Pauli wurden alsbald die „Weltpokalsiegerbesieger“-Shirts knapp, die Scampi-Affäre hielt Gourmet Hoeneß in Atem, und Effenberg gab im „Playboy“ ein Arbeitslosen-Interview („Denen müsste man die Stütze streichen“), das Schnappatmung erregte. Der FC Bayern hechelte auf Platz drei über die Linie. Zwei Zähler fehlten auf den Titelträger, der Borussia Dortmund hieß. Ein Sieg am Hamburger Millerntor hätte somit schon 2002 das Quattro-Modell gebracht, rein theoretisch.


Knackpunkt Bremen: Wiederholt sich Geschichte?


Heute, zig fußballerische Umstürze später, prophezeit Stefan Effenberg seinem Ex-Klub blühende Landschaften. Es sehe sehr gut aus, sagt er, „dass es eine megaerfolgreiche Saison wird“. Das sah es beim letzten Anlauf auf die vierte Meisterschaft auch, jedoch emanzipierten sich die Untertanen vom Souverän. Es war das Ende der Ära Effe. Ähnliche Konflikte sind in der hierarchisch geglätteten Moderne nicht zu erwarten. „Unsere Mentalität ist einmalig“, bestätigt Thomas Müller, ein Knabe, der ständig spielt. Play boy.


Allerdings werden die Preise neun Jahre, nachdem Hoeneß den Weihnachtsmann nicht im Kostüm des Osterhasen ortete, in bewährter Lesart im Mai verteilt. Und nicht im Oktober. Als Effenberg 2001 comebackte, verlor Bayern mit 0:1 in Bremen durch ein Tor von Viktor Skripnik. Am nächsten Bundesligaspieltag - Programmplaner oder Fußballgötter wollen es so - tritt die Generation Guardiola bei ihrem Unterfangen, den alleinigen Startrekord zu sichern, in Bremen an. Bei der Elf von Viktor Skripnik. Und drängt nicht Topstar Arjen Robben zurück ins Team?


Die Stadion-Sache ging 2001 dann übrigens gut aus, für Bayern und für München, nur für die klammen Löwen nicht. Der Branchenprimus hatte eine neue Heimat bitter nötig, damals kamen gegen Moskau, in der Blütephase des Sturm und Drangs, lächerliche 25.000 Zuschauer. Heute könnte Bayern das Stadion gegen einen Viertligisten im Pokal wohl zweimal füllen. Tendenz: nicht fallend.


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-> Auch erschienen bei 11Freunde.