12 Eine Lanze für Uli


- April 2013 - 


Es ist eine Premiere. Aber eine, auf die ich in dieser Form lieber verzichtet hätte. Erstmals streift ein als Blog gekennzeichneter Text den Satire-Gedanken ab und wird ernsthaft. Nicht, weil ich nun unbedingt seriös schreiben will oder gar eine späte Affinität für den staubtrockenen Berichtsstil entdeckt habe. Vielmehr haben mich die dunklen Gewitterwolken, die sich seit gestern über Uli Hoeneß verdichten, zu einem sachlichen Kommentar bewogen.   


Als ich am gestrigen Morgen erst vereinzelte, dann stetig neue Meldungen vernahm, die Uli Hoeneß in Zusammenhang mit Steuerhinterziehung im großen Stil brachten, konnte ich es zunächst gar nicht glauben. Es wirkte abstrus, paradox, einfach unlogisch. Ausgerechnet auf Hoeneß wurde der ausgestreckte Finger gerichtet. Hoeneß, den fleischgewordenen Samariter knallharten Unternehmertums. Hoeneß, der soziale Verantwortung als einer der ganz wenigen nicht predigt, sondern vorlebt. Ausgerechnet so einer sitzt plötzlich auf der Anklagebank.


Das passt nicht zusammen.


Im Laufe des Tages verbreiteten sich vermeintliche Details vermeintlicher Informanten, zahlreiche Möchtegern-Wichtigtuer aus der Politik erhoben ihr Wort, und als der FC Bayern die überforderte Mannschaft von Hannover mit 6:1 besiegt hatte, war schon von "mehreren hundert Millionen Euro" die Rede, die Hoeneß angeblich am Fiskus vorbeischmuggeln wollte. Oder vorbeigeschmuggelt hat, je nachdem.


Es war klar, dass insbesondere die BILD-Zeitung in die üblichen Verhaltensmuster verfällt, indem sie der erprobten Mixtur aus geheuchelter Anteilnahme und populistischer Schadenfreude freien Lauf gewährt: "Uli, du Tor! Jetzt geht es um die Wurst!"


Suhlen in Laken der Genugtuung


Wie immer in derlei Situationen sehen manche ihre Chance gekommen, den Notstand des Vorverurteilten für eigene Bedürfnisse zu verwenden. Den Rahmen dabei um ein Vielfaches zu sprengen, gehört ebenfalls zur Normalität. Widersacher können sich, so sie denn wollen, genüsslich in einer Lake übermäßiger Genugtuung suhlen. Christoph Daum wollte offenbar nicht, jedenfalls überkam den Trainer ein Anflug von Sentimentalität, als er erklärte: "Uli tut mir leid. Ich verspüre Mitgefühl und wünsche ihm von Herzen, dass er da heil wieder rauskommt."


Wie rührend.


Andere legten die Samthandschuhe beiseite. Die Taschentücher auch. Besonders aus Kreisen der SPD, jener Partei, die per se gegen alle Ergüsse wettert, welche die Hoeneß nahestehende CSU produziert - besonders also wurde in der SPD die unverhoffte Möglichkeit verbaler Peitschenhiebe sogleich beim Schopfe gepackt. Ein gewisser Florian Pronold (muss man den kennen?) echauffierte sich mit aufgeblasenen Backen, Hoeneß habe mit seinen Steuerunregelmäßigkeiten die - Zitat - "schlimmste Form asozialen Verhaltens" begangen.


Schwachstellen ungeliebter, aber mächtiger Konkurrenten auszunutzen, das ist wie oben erwähnt gang und gäbe in unserer Welt des Egoismus und der Profitgier. Doch einen Uli Hoeneß mit derartig geistlichem Abfall zu bombardieren, noch bevor - und das ist ein entscheidender Punkt - überhaupt endgültig Hintergründe und Details geklärt sind: Das ist in meinen Augen schlicht pervers. Wer meint, sich zum Hüter moralischer Werte aufschwingen zu müssen, leidet entweder an hoffnungslosem Größenwahn oder versucht sich an plumper Selbstprofilierung.


Ich brauche nicht überbordend die weitreichenden Verdienste von Uli Hoeneß auflisten. Sie sind bekannt: Seine soziale Ader, sein Herz für die Kleinen, seine Hilfsbereitschaft und Toleranz, all diese Merkmale sind beispiellos im Fußballgeschäft, und sie haben über viele Jahre auch einer abdriftenden Gesellschaft verdeutlicht, wie der Spagat zwischen Erfolgsstreben und Bodenhaftung gelingen kann.


Das Schlimme ist für mich die Scheinheiligkeit der Meute an Kritikern. Da wird eine Tür, die einen Spalt geöffnet wurde, schamlos eingetreten, um sich auf Kosten von Uli Hoeneß einen eigenen Vorteil zu verschaffen. Seine Hände in Unschuld zu waschen ist leicht, wenn es jemanden gibt, der Angriffsfläche offeriert hat.


Betrug? Da gibt es andere Fälle!


So wie es aussieht, hat Hoeneß tatsächlich Geld in der Schweiz versteckt. Das war nicht rechtmäßig. Gleichzeitig möchte ich jedoch fragen, wie viele vermögende, einflussreiche, gut betuchte Personen wohl in der Bundesrepublik leben, die ihrer Steuerpflicht mit jedem einzelnen Cent entsprochen haben. Ich wage zu behaupten, dass sie in dieser Hinsicht alle Dreck am Stecken haben, der eine mehr, der andere weniger. Die Kunst besteht darin, nicht aufzufliegen.


Das soll weder eine Gebrauchsanleitung für Hobby-Steuersünder werden noch die Aktion von Uli Hoeneß beschönigen - aber relativieren. In der Öffentlichkeit wird er zum Teil wie ein Schwerverbrecher behandelt, und diese voreingenommene Brandmarkung führt eindeutig zu weit. Diejenigen, die ihm Betrug vorwerfen, Betrug am Staat, Betrug am Mann, Betrug am Steuerzahler, die sollten ihre Sinne schärfen und in die freie Wirtschaft blicken. Nennen wir ein Beispiel ruhig beim Namen: Maschmeyer, AWD. Zehntausenden Kunden wurden hochriskante Fonds angedreht, es wurden haltlose Versprechungen gemacht, und am Ende wurden die Ersparnisse von einer Welle weggeschwemmt, deren Wucht nur einen übrig ließ. Dieser erstrahlte dafür umso heller: Maschmeyer.


DAS ist Betrug.


Ekelhafte Raffgier, ausgetragen auf dem Rücken der Privatanleger. Dagegen sind die (mutmaßlichen) Verfehlungen von Hoeneß ein Witz. Zumal die Existenz von Schweizer Konten ja nicht bedeutet, dass sich der deutsche Fiskus nicht ausschweifend am Reichtum des Ulmer Metzgersohns bereichert hätte.


Eigentlich haben all diese Dinge hier nichts zu suchen. Es sollte um Sport gehen, um Fußball und die Freude am Spiel, nicht um eine persönliche Angelegenheit von Uli Hoeneß. Dennoch habe ich das Bedürfnis verspürt, dem medial Geächteten zur Seite zu springen. Ich hoffe sehr für den Präsidenten des FC Bayern München, dass sein Ruf die "Steuer-Affäre" übersteht, dass sich die Wogen glätten werden, und dass er nicht nur für mich das bleibt, was er immer war: Ein Vorbild.