3 Warum DU den Saisonstart der Formel 1

auf keinen Fall verpassen darfst!

 

März 2015

 

Weil früher nicht alles, aber doch ziemlich viel besser war, rast die Formel 1 in ein ungewisses Jahr. Und genau genommen rast sie nicht: sie rastet. Midlife Crisis bei Tempo 280. Die Fans wollen keine Fans mehr sein, was beileibe nicht nur an Schumi liegt, sondern auch am Regel-Dschungel, der Show-Effekthascherei und RTL. Es droht das weitere Absinken eines einstigen Quotenjägers, der Anfang der 2000er jeden achten Deutschen vor die Glotze scheuchte und zuletzt eine zwanzigjährige Talsohle durchschritt. Darf‘s noch ein bisschen weniger sein?

 

Nein, ausgeschlossen. Am 15. März „dröhnen“ die Motoren in Melbourne. Hier ein Plädoyer, warum du (ja, genau DU, der gerade stirnrunzelnd auf den Bildschirm starrt) den Saisonstart auf gar keinen Fall verpassen darfst. Die Rennen in Bahrain und Abu Dhabi natürlich auch nicht. 

 

Weil das alte Totschlag-Argument, wonach die Formel 1 nur stumpfsinniges Im-Kreis-fahren sei, mal überhaupt nicht zieht. Und nie gezogen hat. Auch Schumi erkundete auf seinen Siegeszügen keine Routen des Wilden Westens; indem er artig auf dem Asphaltband klebte, wurde er zum Dompteur des Rundkurses. (Davon ab: Fußball. Die Ansammlung von 22 Millionären in kurzen Hosen, die einen unschuldigen Ball malträtieren. Oder?)

 

Weil Fernando Alonso sein Leben verfilmen wird. Arbeitstitel: Vom Winde verweht. Drehort: Barcelona. Buch und Regie: Ron Dennis.

 

Weil Sebastian Vettel und seinen neuen Teamkollegen mehr verbindet als der rote Overall. Sie sind Squash-Sparringspartner, Schweiz-Exilanten, Jung-Väter, Social-Media-Muffel, und vor allen Dingen waren sie mit einer erstaunlichen Ausdauer ausgestattet, wenn es darum ging, die Handhabung der 2014er Autos möglichst nicht zu durchschauen. Wird jetzt alles anders? Vettel, der Pferdeflüsterer? Sein Teamkollege lauert: Obacht, jetzt Kim i. 

 

Weil die Möglichkeit besteht, dass Mercedes weniger stark dominiert als letztes Jahr - also nicht 16 von 19 Rennen gewinnt, sondern nur, sagen wir, 14. Schon fliegt das Spannungsrad aus den Fugen.

 

Weil der deutsche Meister nicht, wie im Fußball, von Vornherein feststeht. Was unumgänglich der Tatsache geschuldet ist, dass 2015 vielleicht kein deutscher Meister gekürt wird. Nürburgring und Hockenheim streifen sich gegenseitig die Trikots von Schalke und Leverkusen über.

 

Weil es die Formel 1 vom kühnen Antlitz zur mondänen Gesinnung treibt. Zeremonienmeister Bernard Charles Ecclestone will nicht ruhen, ehe der Kreisverkehr zum Greisverkehr mutiert. Um die zweiwöchentlich ausgestrahlte Telenovela authentischer zu gestalten, wird der 17-jährige Max V. als Intrigant eingeschleust.

 

Weil die Motoren noch immer so klingen wie das Ächzen einer Schildkröte beim Geburtsvorgang, aber durchaus die Zielgruppe des Mister E. ansprechen. De moderaten Töne schonen das Trommelfell der 70-Plus-Generation, das gefällt.  

 

Weil der Expertise unserer Hangouts nur mit Wissensvorsprung zu folgen ist.

 

Weil die Formel 1 fürs Leben lehrt. Wer die Serie regelmäßig schaut, kann sich die schulische Mittelstufe, die Einführungsveranstaltungen in Politik und Psychologie sowie die erste Hälfte des BWL-Studiums schenken. Denn der PS-Zirkus bedient die Biologie (Große fressen Kleine) und offenbart mit Tarnen-Tricksen-Täuschen eine Paranoia für Fortgeschrittene. Dazu wird aufgezeigt, dass Egoismus, Egozentrik und Esoterik nicht zwingend nachteilig sein müssen. Wenn man nicht Caterham, Marussia, Sauber, Force India, Lotus, Williams heißt. 

 

Weil mit vielen lustigen Kürzeln brilliert wird: MGU-K (Möglicherweise Grotesk Unverständlich - Kicher), MGU-H (Meist Ganz Undurchschaubar - Hihi), neuerdings VSC (Vielleicht Sogar Comisch). Hach, wie heiter ist die Welttournee!

 

Weil Ecclestone jeden Groschen zweimal wenden muss. Gierige Ex-Frauen, gierige Töchter, gierige Freunde aus München. Er braucht Geld, das sich aus einem simplen Kausalzusammenhang speist: mehr Zuschauer, höhere Werbepreise, mehr Zaster. Für ihn. Macht dem alten Mann doch die Freude.

 

Weil die Formel 1 ihre Expansionsfähigkeit demonstriert, dabei allerdings nicht bis 2022 wartet. Der längst überfällige Große Preis von Katar ist bereits 2016 geplant.

 

Weil die FIA - nicht zu verwechseln mit der korrupten FIFA - inmitten der Krise ein Machtwort gesprochen hat, das seinesgleichen sucht: Die Piloten müssen die komplette Saison mit einem Helm-Design bestreiten. So schaut‘s nämlich aus! Nach einem derart unangefochten-unabhängigen Oberbefehlsorgan wie der FIA lechzen sie anderswo. 

 

Weil die Helm-Regel dafür sorgt, dass selbst ältere Semester (siehe Greisverkehr) die Heroen der Rennbahn voneinander unterscheiden können. 

 

Weil die Formel 1 der einzige Sport ist, der während einer Saison neue Regeln aufstellt.

 

Weil die Formel 1 der einzige Sport ist, der sich besagte Regeln von seinen Teilnehmern diktieren lässt. Das ist gelebte Demokratie des 21. Jahrhunderts, meine sehr verehrten Damen und Herren! Sozusagen die rot-grüne Startampel-Koalition. 

 

Weil Facebook weh tun könnte und man richtigerweise die Finger davon lässt.

 

Weil es Fernsehsender gibt, die Fernsehkommentatoren beschäftigen, die einen Grand Prix informativ und unterhaltsam gestalten. 

 

Weil sich in drei Jahren ein gewisser M. Schumacher der Rundfahrt anschließen könnte. Da muss der gemeine Fan doch auf dem Laufenden bleiben.   

 

Weil die Formel 1 das verrückteste Experimentierlabor der Welt ist. Man stelle sich die Szenerie bildlich vor

Nacht. Kein Mucks zu hören. Die düstere Wolkendecke verhüllt eine Kleinstadt im Nordosten Englands mit einem Schleier. Die Luft ist klar, sanft streicht der Wind um die Silhouette eines Fabrikgeländes, der einzigen häuslichen Erhebung, die in der Umgebung zu finden ist. Da! Plötzlich wird das Schwarz erleuchtet, aus einem Fenster schießt grelles Licht. Das Gebäude wirkt wie ein Ufo, das auf dem Planeten Erde gelandet ist, entsandt von Aliens, der NASA oder Alexander Gerst. Wie in einem Sat.1-FilmFilm, bei dem die Kamera ihre Umgebung scannt, um trügerische Sicherheit zu gaukeln, und bei dem die Hintergrundmusik den Herzschlag empor treibt, wartet alles auf den Akkord. Es ist wahrscheinlich zwei Uhr in der Früh, die Einwohner der Kleinstadt sind längst entschlummert, nur ein oder zwei Wissenschaftler stehen kurz davor, ihre Mission zu vollenden. Gerade, als man denkt, dass die Stille das Gelände verschluckt, dringen Geräusche nach außen. Erst summend. Dann pochend. Dann tobend. Was passiert hier? Die Feste der Fabrik beginnen zu rotieren, immer stärker, die Musik wird noch hintergründig-herzschlagiger, die Kamera zoomt auf das eine Fenster, und just, als die Zeit eines nasalen Til Schweiger gekommen scheint, wird das Fabrikgelände von Blitz und Knall erfasst. KRAWUMM! Das Schauspiel dauert eine Sekunde. Als sich der Rauch verzieht, übernimmt die Nacht wieder die Herrschaft, die Einwohner schlafen selig, die Wissenschaftler treten hervor. In ihren Händen: Die zweihundertneunzehnte Modifikation der linken Frontflügel-Endplatte am Wagen von Nico Rosberg.

So läuft das in der Formel 1. Wer nicht entwickelt, wird schneller rechts überholt, als er Til Schweiger sagen kann.


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-> Die Hangout-Runde übt sich in Schrifststücken. 

 

Michael Zeitler liefert auf seinem Blog mit hoher Schlagzahl die (seriösen) Storys und Analysen zur Formel-Szene.  

Florian Hellmuth ergänzt die Diskussion vom 12. Februar 2015 mit einem Aufsatz zum sinkenden Interesse am PS-Zirkus.

Maria Reyer seviert dem geneigten Leser ihre Einschätzungen zur Formel 1 - mit Buchstaben oder in Bild und Ton.