1 Kreise gezogen

 


Januar 2014. Deutschland bangt um eines seiner größten Sport-Idole. Und die ganze Welt bangt mit. Michael Schumacher und das Vermächtnis einer Ausnahmestellung. 

 

Am 3. Januar wurde Michael Schumacher 45 Jahre alt. Es war sein traurigster Geburtstag. Die bewegende Anteilnahme aus der Welt kulminierte in einer kleinen Wallfahrt von Anhängern, die sich vor der Klinik im französischen Grenoble eingefunden hatten. Sie trugen rote Kleider - die Farbe Ferraris -, entsprechende Kappen und breiteten Fahnen aus. Manche präparierten Banner mit Genesungswünschen, gemeinsamen sangen sie ein Ständchen und beteten. Als es bereits dunkel geworden war, wurde ein riesiges Motiv auf die Krankenhausfassade projiziert: „45 Schumi stay strong, keep fighting“.

 

Der Zuspruch ist überwältigend. So stark, dass sich Schumachers Familie am Tag nach einer Dankbotschaft erneut an die Öffentlichkeit wandte. Auf der Webseite des ehemaligen Rennfahrers war von „Tränen der Rührung“ zu lesen, welche die unzähligen Briefe, Geschenke und Nachrichten ausgelöst hätten. 


Es soll hier nicht um die tragische Laune des Schicksals gehen, auch nicht um den dubiosen Unfallhergang oder die teils informelle, teils effekthascherische Berichterstattung der Medien. Es geht um die Person Michael Schumacher, denn seit diesem fatalen 29. Dezember 2013 wird man von einem Schwall an Sympathiebekundungen überrascht, und man fragt sich, wie so viel Zuneigung bloß möglich ist bei Schumacher, der doch mal ein kaltblütiger Renn-Roboter war. Oder gewesen sein soll. 

 

Ein umstrittener Zeitgeist allemal. Für die Formel 1 war das ein Segen, selbst in den Phasen, als die Konkurrenten zu Statisten degradiert wurden. Sprach man über die Serie, sprach man meistens über Schumacher, das bürgerte sich ein. Auf der einen Seite wuchs die Fan-Schar, auf der anderen die Zahl der Kritiker, die Egoismus und Rücksichtslosigkeit anprangerten. So oder so: Schumacher polarisierte, ein Umstand, den sein Comeback nicht im Ansatz änderte. Gleichgültig war der Rekordchampion keinem.

 

Das zeigt sich nun, in Schumachers schwersten Stunden, auf völlig andere Weise. Deutschland bangt um eines seiner größten Sport-Idole - und der Rest des Globus bangt mit. In der Stunde der Betroffenheit wird, fernab alter Animositäten, ein rarer Schulterschluss demonstriert. Tausendfach äußern Menschen über das Internet ihr Bedauern, ihre Hoffnungen und Bitten. Auch die Prominenz tut dies, zuhauf, sie muss dafür nicht einmal aus dem Sportbereich kommen oder sich überhaupt für die Formel 1 interessieren. Dass neben Kanzlerin Angela Merkel sogar ein ehemaliger amerikanischer Präsident beste Wünsche ausrichten ließ, fasste die „Sport-Bild“ in treffende Worte: „Bill Clintons Grußbotschaft muss jene Kritiker von Schumachers Platz in unserer Gesellschaft überzeugt haben, die nichts übrig haben fürs schnelle Fahren im Kreis.“




















Warum das so ist? Der Rennfahrer Michael Schumacher hat 91 Formel-1-Rennen und sieben Titel gewonnen. Der Mensch Michael Schumacher Millionen Herzen.

 

Das fängt mit der Normalität an. Schumacher hat es vom einfachen Kfz-Mechaniker zum hochdekorierten Weltstar geschafft (das ist nicht normal), wollte aber nie ein solcher sein (das aber auch nicht). Die Glitzer - und Glamourwelt, die zur Formel 1 gehören scheint wie Reifen und Abgase, diese artifizielle Kulisse hat Michael Schumacher gemieden, wo er nur konnte. Er düste nach getaner Arbeit im Privatjet gen Heimat, keine Ablenkung, keine Partys, keine Exzesse. Von den neugierigen Außenstehenden schottete er sich ab, der Blick fixierte den Fluchtpunkt am Horizont. Es gibt einige, die ihm diesen Habitus als Arroganz ausgelegt haben, doch tatsächlich war es der Rückzug in ein geschütztes Gehäuse, wie bei einer Schildkröte. Zu Hause, in der Idylle der Schweiz, fand Schumacher die Ruhe, die er für kräfte- und nervraubende Rennwochenende brauchte - und er fand eine Frau, die es ihm gleichtat. Im Buch „König Schumi“, das anlässlich seines ersten Rücktritts 2006 erschien, sagte er: „Sie mag das ganze VIP-Getue genauso wenig wie ich und steht genauso wenig auf Highlife wie ich.“

 

Michael und Corinna Schumacher sind kein übliches Promi-Paar. Sie kennen sich seit 1991, heirateten vier Jahre später, vollendeten ihr Glück mit zwei Kindern. Das war‘s. Keine Krisen (zumindest keine öffentlichen), keine Allüren, erst recht keine Skandale. Wie Löwen warfen sie sich stets vor den Schlund der Weltpresse, um die Kinder von ungesunden Strahlen des Scheinwerferlichts fernzuhalten. Corinna unterstützte Michael, als er um die Rundkurse hetzte, Michael half Corinna bei ihrer Passion, den Pferden. 

 

Kaum bekannt ist die ausgeprägte soziale Ader der beiden. „König Schumi“-Autor Helmut Uhl, Journalist und langjähriger Begleiter des Champions, schreibt, dass Schumacher zwar gern hilft, aber ungern darüber redet. Deshalb soll an dieser Stelle ein Zitat aus dem Buch genügen: „Er hat viele Millionen gespendet, ohne dass es publik wurde. Weil er es nicht wollte. Und immer noch nicht will.“ Unter anderem setzt sich Schumacher für bedürftige Kinder ein. Im Stillen. 

 

Der öffentliche Schumacher gab nie sonderlich viel vom privaten Michael preis, was manchmal krampfhaft wirkte. Schon war er abweisend und unnahbar. Ein Roboter, auf Sieg programmiert, seelenlos. Vertraute berichten unisono von einem Menschen, der konsequent ist, aber warm. Prinzipientreu, aber sensibel, fast schüchtern. Ein Mensch, der einen strikten Weg beschritt und dabei selten Klippen umschiffte, wenn es dem großen Ganzen dienlich war. Das eckte an, führte aber am Schnellsten zum Erfolg. Hatte jemand ein Problem damit, war es nicht das von Schumacher.

 



















Die PS-Legende ist viel mehr als einer, der Zeit seiner Laufbahn nur stupide im Kreis gefahren ist. Es ist dieses Charisma, das bei den heutigen Vertretern so oft bemängelt wird, es sind Persönlichkeit und Charakter, Rückgrat und Ausstrahlung. Es war die harte Arbeit im Verborgenen, die den Deutschen auf ein neues Niveau hievte, es war einzigartiger Teamspirit in den goldenen Ferrari-Jahren, es waren Akribie und Empathie. Michael Schumacher hat Ziele verfolgt, ist dafür an Grenzen gegangen und einige Male darüber hinaus. Aber die Reaktionen aus aller Welt verdeutlichen, wie sehr ihn nicht nur die italienischen Tifosi lieben. Immer noch. Als Held, Ikone, Vorbild. Im Kreis gefahren ist er, gewiss, aber besonders hat er Kreise gezogen, die weitreichend sind. 

 

Nachdem sich das Ski-Unglück ereignet hatte, erhielt der offizielle Fanclub in Kerpen hunderte Mitgliedsanträge. An Schumachers Kartbahn haben Fans die Zäune mit Mützen und Fotos geschmückt, Plakate säumen die Anlage, auf einem drücken philippinische Fans ihre Bestürzung aus. Woanders steht: „MS, wenn du das liest, hast du deinen wichtigsten Zweikampf gewonnen.“


Auch ich tippe diese Zeilen mit einer Schumi-Kappe auf dem Kopf. Kein Ferrari-Exemplar, sondern eine silberne Variante, die ich mir bei meinem Monza-Besuch 2012 gekauft habe. Es wäre übertrieben zu sagen, den kostspieligen Trip ausschließlich wegen dem damaligen Mercedes-Piloten unternommen zu haben. Aber ohne ihn hätte ich es wohl sein lassen. Wie sich herausstellen sollte, war es Schumachers letzter Grand Prix auf europäischem Boden. Er wurde Sechster.

 

In seinem bedeutsamsten Lauf muss er siegen. Unbedingt! Die Welt steht hinter ihm. 

 

#KämpfenSchumi